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Stunde 1 Labor | Beitrag vom 19.07.2020

Menschliche PsycheRezepte für das Leben in Ausnahmesituationen

Moderation: Franziska Herrmann

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Surreale Illustration: eine Wolke zwischen Hut und Körper eines Menschen. (Getty / iStockphoto)
Was tun gegen die innere Leere? Miesepeterstimmung mag niemand gerne, trotzdem ist sie Teil unserer Gefühlswelt. (Getty / iStockphoto)

Sprechen wir eigentlich genug darüber, wie es uns geht? Oder kommunizieren wir vielleicht zu viel? Eine Auseinandersetzung mit dem eigenen emotionalen Haushalt ist nicht immer freiwillig. Manchmal können wir ihr nicht ausweichen, ob wir wollen oder nicht.

Was macht unsere Psyche in langweiligen Momenten und (zu häufigen) Ausnahmesituationen? Und: was hilft? Welche Räume der Unterstützung werden geschaffen und wie erfolgreich sind sie? Eine Exkursion durch Alltag und Extrem.

Psychohygiene ist ein Handwerk 

Von Linda Peikert

Dank Social Distancing sehen wir unsere Freundinnen und Freunde und auch die Familie nicht mehr so oft. Die Tage verfließen ineinander. Zwischen Homeoffice, Corona-News und Langeweile kommt sie schnell mal um die Ecke: Die schlechte Laune. Miesepeterstimmung mag niemand gerne, trotzdem ist sie Teil unserer Gefühlswelt.

Porträt des Psychologen Dr. Fuchs. (Linda Peikert)Mit kleinen Tricks die eigene Stimmung beeinflussen: Dazu rät der Psychologe Helmut Fuchs. (Linda Peikert)

Helmut Fuchs ist Psychologe, bezeichnet sich selbst als Launologe. Ob wir Glücks- oder Stresshormone produzieren, sei in großem Maße von der inneren Haltung abhängig. Der normale Mensch sei, sobald er aufwache, erstmal negativ gestimmt. Das sei evolutionsbedingt. "Viele Menschen fragen sich dann: Welchen Idioten treffe ich heute? Den ersten trifft man dann oft beim Blick in den Spiegel", sagt Fuchs. Um das zu vermeiden rät der Launologe zur Psychohygiene. Helmut Fuchs erklärt, was das bedeutet und wie sich mit ein paar kleinen Tricks die Stimmung beeinflussen lässt. 

Selbstbefriedigung: Wer nicht fragt, bleibt dumm 

Von Sarah Kailuweit

Orgasmen stärken nachweislich das Immunsystem. Doch wie steht es um das Thema Selbstbefriedigung im öffentlichen Diskurs? Sind wir wirklich so aufgeklärt, wie unser sexualisierter Alltag es vermuten lässt? Gianna Bacio (Sexualpädagogin und Autorin von "Hand drauf!: Ein Plädoyer für die weibliche Masturbation") erzählt, was für einen gesunden Umgang mit dem Onanieren fehlt und warum wir alle selbst Hand anlegen sollten. Mut machende Anstöße gibt außerdem Laura Méritt, Initiatorin der Berliner "Sexclusivitäten". Welche Produkte findet man in ihrem kleinen Online-Sexspielzeug-Laden und mit welchen Stigmata hat sie als Betreiberin nach wie vor zu kämpfen?

Sucht, Digitalisierung und die Anonymen Alkoholiker 

Von Klaudia Lagozinski

Peter ist siebzig Jahre alt, Alkoholiker und hilft seit über dreißig Jahren als Ehrenamtlicher suchtkranken Menschen. Obwohl die Beschränkungen die Arbeit des Vereins Anonyme Alkoholiker verändert haben, geht der Austausch in der Gemeinschaft weiter. Für die schnelle Reaktion des Vereins auf die Krise scheint Peter den Grund zu kennen: "Bei uns fing die Digitalisierung schon in den 1990ern an", sagt er stolz. Wie sah die Arbeit der Organisation vor Corona aus und was hat sich nun verändert? Wee geht es Anonymen Alkoholikerinnen und Alkoholikern, die ihre Treffen nun digital austragen?

Frauenhäuser in Zeiten von Corona 

Von Linda Peikert

Arbeitsplatz, Rückzugsort, Safespace: Das eigene Zuhause gewinnt in Zeiten der Pandemie drastisch an Bedeutung. Wie ergeht es aber all denjenigen, bei denen das eigene Zuhause die größte Gefahr birgt? In Isolation mit dem gewalttätigen Partner – niemand sieht die blauen Flecken. Kontakt nach außen gibt es nicht. Die Ausgangsbeschränkungen bergen für diese Menschen eine große Gefahr. Die Frauenhäuser waren schon vor Corona überlastet – wie sieht die Situation momentan aus?

Geflüchtetenunterkünfte: Die doppelte Krise 

Von Sabina Zollner

Das Leben auf engem Raum, die Ungewissheit, wann die Krise endlich zu Ende sein wird – all das belastet unsere Psyche. Doch wie geht es Menschen, die schon vor der Krise in einer schwierigen Lebenssituation waren? Das "Zentrum Überleben" begleitet Geflüchtete aus Kriegs- und Krisengebieten seit Jahren. Es arbeitet dabei eng mit Flüchtlingsunterkünften in Berlin zusammen. Während der Corona-Krise wurde eine Telefonsprechstunde eingerichtet. Doch es gibt zahlreiche Gründe, warum Geflüchtete das psychosoziale Angebot nicht nutzen: Sprachbarrieren, Hemmungen über die eigene Psyche zu sprechen und auch der Umgang mit mentaler Gesundheit ist von Kultur zu Kultur unterschiedlich. Es stellt sich also die Frage: Wie lässt sich die psychische Belastung in Flüchtlingsunterkünften minimieren? Und wie können Geflüchtete in dieser schwierigen Zeit mental unterstützt werden?

Sich zuwinken im Videochat 

Von Gloria Reményi

Bereits vor Ausbruch der Coronapandemie litten viele ältere Menschen unter Einsamkeit. Durch die unfreiwillige Isolation werden viele von ihnen nun de facto all ihrer sozialen Kontakte beraubt, vor allem die Alleinlebenden. Digitale Technologien können dabei helfen, im Kontakt mit Familienangehörigen, Freundinnen und Freunden zu bleiben. Doch zum Smartphone zu greifen, ist für viele ältere Menschen undenkbar: Zahlen belegen, dass immer noch sehr viele Seniorinnen und Senioren Offliner sind.

Porträt von Dagmar Hirche im Videochat. (Reményi, Gloria)Dagmar Hirche schult Menschen ab 65 im Umgang mit Tablets und Smartphones. (Reményi, Gloria)

Wie können digitale Technologien für sie einen Ausweg aus der Einsamkeit darstellen und zur sozialen Teilhabe sowie zur selbstbestimmten Lebensgestaltung beitragen? Dagmar Hirche vom Verein "Wege aus der Einsamkeit" bringt seit 2014 Menschen ab 65 Jahren den Umgang mit Tablets und Smartphones in kostenlosen Schulungen bei. Auch während der Pandemie setzt sie ihr Angebot fort, und zwar in täglichen "Zoom-Versilberer-Runden". Benjamin Fischer von der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland bietet digitale Schulungen für jüdische Seniorinnen und Senioren an. Zu 80 bis 90 Prozent handele es sich dabei um Migranten, so Fischer.


Eine Produktion von Studierenden des UdK-Masterstudiengangs Kulturjournalismus: Sarah Kailuweit (Redaktion), Franziska Herrmann (Moderation), Peter Weinsheimer (Technik). Betreut und begleitet von Thilo Schmidt, Lehrbeauftragter im Mentorenprojekt Hörfunk

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