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Tacheles / Archiv | Beitrag vom 03.08.2013

"Menschenwürde kommt von Gott"

Der Militärbischof Franz-Josef Overbeck im Gespräch mit Michael Groth

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Bischof Franz-Josef Overbeck (Nicole Cronauge)
Bischof Franz-Josef Overbeck (Nicole Cronauge)

Franz-Josef Overbeck, seit 2009 Bischof von Essen, steht für den Generationswechsel im Klerus. Seit 2011 ist der 49-Jährige als Militärbischof auch für die seelsorgerische Betreuung der Soldaten verantwortlich. Frieden, sagt Overbeck, dürfe als Ultima Ratio auch mit Gewalt erzwungen werden.

Deutschlandradio Kultur: Franz-Josef Overbeck ist seit 2009 Bischof in Essen, seit 2011 auch katholischer Militärbischof und damit einer der beiden obersten Geistlichen der Bundeswehr. – Guten Tag, Herr Bischof.

Franz-Josef Overbeck: Guten Tag, Herr Groth.

Deutschlandradio Kultur: Sie sind vor einigen Tagen aus Rio zurückgekehrt, wo Sie am Weltjugendtag teilnahmen. Mit welchen Eindrücken kommen Sie zurück?

Franz-Josef Overbeck: Der erste und eindrücklichste Eindruck war die Euphorie, mit der Papst Franziskus empfanden worden ist, und die Freundlichkeit und Herzlichkeit mit der vor allen Dingen die Brasilianer uns alle empfangen und begleitet haben. Ich wusste von Anfang an, – so wie das damals in Köln war mit dem dann neuen deutschen Papst, so wird es jetzt auch mit dem neuen lateinamerikanischen Papst Franziskus in Rio de Janeiro sein. Das hat sich voll bewahrheitet. Seine Art auf Menschen zuzugehen, Kinder in den Arm zu nehmen und vielen nahe zu sein, hat alle sehr bewegt, vor allen Dingen auch seine konkreten Besuche – sei es in einer Favela oder sei es in einem Krankenhaus, in dem es um die Behandlung und Begleitung von drogensüchtigen Menschen geht.

Deutschlandradio Kultur: Sie sprechen ja schon Veränderungen an. Sie haben auch Benedikt erlebt. Welche neuen Akzente setzt denn der Papst vielleicht über das, was Sie gerade beschrieben haben, noch hinaus?

Franz-Josef Overbeck: Zum einen hat jeder Papst sein normales Amtsgeschäft zu besorgen, aber prägt sein Amt eben auch durch seine Persönlichkeit und Person. Bei Papst Franziskus ist sehr spürbar, dass er aus der Tradition des Heiligen Ignatius stammt und das von daher gesehen im Stile eines Jesuiten tut, was die Art und Weise seines Bezuges auf die innere Bekehrung des Einzelnen angeht und die Bedeutung sowohl von Christus und der Kirche für das Leben des Katholiken.

Deutschlandradio Kultur: Das kommt ja bei den Gläubigen offenkundig sehr gut an.

Franz-Josef Overbeck: Das tut er ja auf eine sehr menschennahe Weise, die eher von den konkreten Lebenssituationen der Einzelnen ausgeht. Das führt zu großer Resonanz. Gleichzeitig ist die Art und Weise, wie er spricht und bei den Menschen dann nahe ist, auch von Bedeutung. Das merkt man auch, weil es das Zuhören für viele sehr reich macht.

Deutschlandradio Kultur: Der neue Papst ist 76 Jahre als, aber alles andere als ruhig. Er hat keine Berührungsängste. Sie sagten es. Er geht auf die Armen und Ausgegrenzten zu. Er findet eine Sprache und er findet Themen, die die Jugend begeistert. Damit macht man sich doch wahrscheinlich im Vatikan nicht nur Freunde. Wie sehen Sie das?

Franz-Josef Overbeck: Jeder Papst hat seinen Stil. Und wir haben, das habe ich sofort nach der Wahl gesagt, jetzt einen Papst aus Argentinien mit sehr klar lateinamerikanisch geprägter Haltung zu vielen Fragen. Das zeigt, dass wir Weltkirche geworden sind – und das nicht nur durch Worte, sondern eben auch durch die Fakten. Und die Kirche wird geprägt durch Personen, erst recht natürlich die Katholische Kirche durch ihren obersten Repräsentanten, den Papst, den Heiligen Vater in Rom. Es hat immer wieder Entwicklungsschritte gegeben, die die Weltkirche betreffen und natürlich damit auch den Vatikan. Das ist jetzt auch der Fall.

Deutschlandradio Kultur: Wenn man das, was Sie jetzt gerade sagen, vielleicht übersetzt und die neue Linie mit theologisch-konservativ und sozialpolitisch global engagiert beschreibt, wäre das fair?

Franz-Josef Overbeck: Es ist zum ersten richtig zu sagen, dass es ein geistlicher Leitungsstil ist, weil Papst Franziskus sehr deutlich aus dieser ignatianisch-jesuitischen Tradition stammt, von der ich gesprochen habe. Es ist zweitens so, dass er sich da in der Theologie sehr in der Spur seiner beiden Vorgänger Johannes Paul II. wie auch Benedikt XVI. befindet und das auch deutlich macht. Das kann man vor allen Dingen auch an der Enzyklika Lumen Fidei sehen. Und es gilt schließlich auch, dass er aufgrund seiner langjährigen Tätigkeit in Buenos Aires ein hohes Gespür hat und wach ist für die Armen und deren Nöte. Das würden wir in Deutschland sicherlich mit den Fragen der Sozialethik in Verbindung bringen. Es ist aber nicht nur eine wissenschaftliche Reflektion darauf, sondern ein sehr personales und persönliches Engagement, mit dem er auch seinen bischoflichen Dienst und seinem Papst- und Bischofsamt seinen Stempel aufdrückt.

Deutschlandradio Kultur: Der Papst sucht die Nähe der Menschen. Für die Sicherheit ist ja so etwas nicht unproblematisch. Das Beispiel Johannes Pauls II. ist ja noch sehr lebendig. Machen Sie sich da manchmal Sorgen?

Franz-Josef Overbeck: Der Papst hat gesagt, er lebe unter der Vorsehung Gottes und das sei sein Gottvertrauen, das ihn trüge. Er sei immer, das finde ich schön formuliert, "ein Papst vor dem Volk, unter dem Volk und hinter dem Volk" gewesen. Also, er habe vor ihm gestanden, unter ihm gelebt und habe es immer auch gleichsam von hinten gestärkt und gestützt. Von daher wolle er nicht, der er immer unter den Menschen gelebt habe, plötzlich in einer schusssicheren Limousine daherkommen. Diese Form der Offenheit hat ihren Preis. Es scheint ihn nicht zu kümmern, jedenfalls was ich beobachtet habe in Rio de Janeiro. Er ist immer ganz offen mit den Menschen umgegangen.

Deutschlandradio Kultur: Sie sind 49 und damit der jüngste deutsche Bischof. Ihre Berufung wurde auch als Schritt auf dem Weg zu einem Generationswechsel bezeichnet. Ist dieser Generationswechsel jetzt im Gang? Ist er fällig auf der obersten Ebene der Katholischen Kirche in Deutschland?

"Es zeigt sich deutlich, dass eine nächste Generation die Verantwortung übernimmt"

Franz-Josef Overbeck: Ich bin seit einigen Jahren jetzt der jüngste deutsche Diözesanbischof. Es gibt noch seit einigen Zeiten einige Weihbischöfe, die jünger sind als ich. Das ist offenkundig, dass es nicht wenige der auch großen Bischofssitze gibt, die mit Bischöfen gesetzt sind, die jetzt an die Altersgrenze kommen oder sie auch schon überschritten haben. Aber das ist ein normaler Vorgang, der uns natürlich jetzt in die neue Generation führt. Was das auf Dauer heißt, ist jetzt noch nicht abzusehen. Aber es zeigt sich deutlich, dass eine nächste Generation die Verantwortung übernimmt.

Deutschlandradio Kultur: Aktives Eintreten für die Nöte der Menschen, wir haben im Zusammenhang mit dem Papst darüber gesprochen, das gilt natürlich auch hier ganz konkret für Ihre Diözese – die Sorge um den Arbeitsplatz. Als der Aufsichtsrat von Opel im Januar von der Bochumer Belegschaft einen Lohnverzicht forderte, sprachen Sie, wenn ich das richtig gelesen habe, "von einem Erpressungsversuch". Also, auch hier ganz konkret die Kirche im Sinne des Papstes bei den Schwächeren?

Franz-Josef Overbeck: Das Bistum ist immer schon ein Sozialbistum gewesen. Und so haben sich alle Essener Bischöfe, von meinem ersten Vorgänger angefangen bis zu mir, als diejenigen verstanden, die gerade denen, die in diesen schwierigen Entwicklungsprozessen zu den Verlierern gehören, eine Stimme geben. Das tue ich auch immer wieder und mache das sehr deutlich. Da liege ich in völliger Selbstverständlichkeit auf einer Linie schon mit Papst Johannes Paul II., Papst Benedikt XVI. wie auch jetzt mit Papst Franziskus.

Deutschlandradio Kultur: Also, Einmischung in Politik und wirtschaftliche Missstände gehört zu den ursprünglichen Aufgaben der Kirche?

Franz-Josef Overbeck: Das Christentum ist eine öffentliche Religion und hat in ihrer Mitte die Liebe zu Gott und zu den Menschen. Von daher gesehen ist sie eben auch politisch.

Deutschlandradio Kultur: Sie kommen aus Marl. Marl ist nicht weit von Essen. Das heißt, Sie sind nach Kardinal Hengsbach der zweite Ruhr-Bischof, der tatsächlich hier in der Region geboren wurde. Hilft das im Umgang mit den Menschen?

Franz-Josef Overbeck: Kardinal Hengsbach kam aus dem Sauerland, nicht aus dem Ruhrgebiet,…

Deutschlandradio Kultur: … nicht so weit weg.

Franz-Josef Overbeck: … während ich ein wirkliches Kind des Ruhrgebietes bin, allerdings eben aus einer Region, die zum Bistum Münster gehört. Mir selber wird sehr deutlich, dass diese Weise des Miteinanders hilft, die Geschichte der Menschen besser zu begreifen. Aber die Geschichte der Diözesen ist immer sehr unterschiedlich, so dass es auch schon noch wieder einen Wechsel damals war von Münster nach Essen.

Deutschlandradio Kultur: Herr Bischof, in dieser Woche stand Verteidigungsminister de Maiziere vor dem Untersuchungsausschuss, der die umstrittene Beschaffung der Drohne Euro Hawk aufklären will. Jetzt mal unabhängig von diesem gescheiterten Projekt will die Bundesregierung am Einsatz von Drohnen ja festhalten. Welche Fragen stellen sich dem Militärbischof in diesem Zusammenhang?

Franz-Josef Overbeck: Der Militärbischof hat ja eine seelsorgliche Aufgabe, die immer mit den Fragen der Ethik und der Moral verbunden sind, und zwar sowohl im Blick auf die einzelnen Soldatinnen und Soldaten, aber auch im Blick auf ihre Aufgabe. Dazu gehört eben auch immer die Benutzung von Waffensystemen, von Hilfssystemen für Einsätze etc. Und von daher gesehen nehme ich meine Aufgabe wahr und will auch eine öffentliche Stimme für diese Fragen formulieren. Im Blick auf die Drohnen ist sehr deutlich zu fragen: Sind das Systeme, die so verantwortlich wahrgenommen werden, dass es möglichst wenig Opfer gibt bei solchen Anschlägen oder bei solchen Einsätzen, in denen ansonsten in den klassischen kriegerischen Zusammenhängen viele Opfer generiert werden?

Das Zweite ist eine unbedingt wichtige Frage, die die wenigen betrifft, die solche Systeme zu verantworten haben, dass dabei keine Verrohung von Gewalt auf den Weg gebracht wird und die damit einhergehenden Fragen der internationalen Zusammenhänge von solchen Einsätzen eine wichtige Rolle spielen, weil für viele von außen ja genau das stattfindet, was die größte Sorge ist, dass gleichsam dieser Kampf entpersönlicht wird. Das ist allerdings bei vielen Waffensystemen heute schon der Fall, so dass sich das mit den Drohnen nur zuspitzt.

Ich weiß schließlich, dass nicht wenige Soldaten, die solche Systeme zu bedienen haben, hinterher mit vielen Gewissensfragen konfrontiert werden und auch in ihrer Persönlichkeit große Belastungen zu tragen haben. Die müssen immer wieder, gerade wegen der Folgen, die solche Systeme nach sich ziehen, seelsorglich behandelt werden, aber auch von denen, die die letzte Verantwortung politisch tragen, gesehen werden.

Deutschlandradio Kultur: Diese Erhöhung der Gewaltschwelle, von der Sie sprechen, kann man da überhaupt vorsorglich dagegen arbeiten?

Franz-Josef Overbeck: Zur Aufgabe des katholischen Militärbischofs, aber auch der evangelischen Militärseelsorge gehört es, das Gewissen von Leuten zu schärfen und durch den lebenskundlichen Unterricht und andere Hilfsmittel dafür Sorge zu tragen, dass sie möglichst reflektiert in diesen Einsätzen die entsprechenden Waffensysteme benutzen.

Deutschlandradio Kultur: Das sind aber nur die, die freiwillig zu Ihnen kommen. Das sind nicht unbedingt die Leute, die dann an den Schalthebeln der Drohnen sitzen.

"Die Gefahr ist gegeben, dass all die Problematiken, die sich mit den klassischen Wettrüstungsentwicklungen ergeben haben, wiederholt werden"

Franz-Josef Overbeck: Das gehört nun mal zum Geschick der Seelsorge, dass das so ist. Aber auf der anderen Seite ist sehr deutlich, dass – wo wir mit Qualifizierung die Stimme erheben – viele zuhören und nachdenklich werden, so dass die Rolle der Militärseelsorge, sei sie evangelisch oder katholisch, weit über den Rahmen der Gläubigen hinausgeht und überall da von Relevanz ist, wo wir richtige Fragen stellen und wo wir den Menschen nahe sind.

Deutschlandradio Kultur: Sehen Sie in dieser Entwicklung dieser Waffen auch die Gefahr eines neuen Wettrüstens?

Franz-Josef Overbeck: Die Gefahr ist zumindest gegeben, dass all die Problematiken, die sich mit den klassischen Wettrüstungsentwicklungen ergeben haben, wiederholt werden, da es nicht klar ist, welche Entscheidungsprozesse sind eher politisch motiviert, welche militärisch und welche wirtschaftlich. Das kann man schon beim Wettrüsten beim Kalten Krieg in Europa sehen. Das kann es auch heute geben. Ich hoffe, dass die Verantwortlichen aus den schwierigen vergangenen Jahren lernen konnten.

Deutschlandradio Kultur: Die Drohnen werden ja, zumindest von den Amerikanern, auch so genutzt, ganz gezielt Terroristen zum Beispiel auszuschalten, also extralegale Hinrichtung. Wie stehen Sie zu dieser Frage?

Franz-Josef Overbeck: Das ist eine der großen Fragen, die ich auch selber immer gestellt habe an die Art und Weise des Umgangs mit unbemannten Drohnen. Der muss sich jeder stellen, der die Verantwortung trägt. Ich habe viel und oft darüber diskutiert und habe immer wieder angemahnt, das ist auch bestätigt worden, dass das bedacht würde, dass die Einsätze politisch klug abgewogen werden müssen, dass die Risiken, die dabei entstehen, wiederum so abgewogen sind, dass möglichst so genannte Kollateralschäden, wie es in dieser Sprache dann heißt, vermieden werden. Dass es gleichsam bei jeder Form von Waffensystemen zu solchen Gefährdungen kommt, sei Gott geklagt.

Deutschlandradio Kultur: Konventionelle Kriege wird die Bundeswehr ja hoffentlich nicht mehr führen. Die aktuellen Konflikte sind asymmetrisch. Das heißt, eine Militärhierarchie reagiert auf flexible und oft unbekannte Gegner, deren Methoden ständig wechseln. Ist das für Sie ein ethisches Problem?

Franz-Josef Overbeck: Das zeigt, dass wir auch hier in einer Weltgesellschaft angekommen sind, die sich gerade angesichts der heutigen Bedrohungen und dem Phänomen des Terrorismus mit all seinen Schattenseiten zu stellen hat, auf Dauer sicherlich nochmal wesentlich mehr auch einem ganz anderen Phänomen, nämlich dem Cyber-War. Dabei stellen sich völlig neue ethische Fragen, die mit all den Instrumentarien, die bisher für die klassischen Kriegsszenarien entwickelt worden sind, nicht zu beantworten sind.

Deutschlandradio Kultur: Können Sie einmal ein paar von diesen Fragen formulieren?

Franz-Josef Overbeck: Beim Terrorismus stellt sich immer die Frage: Wie kann Terrorismus bekämpft werden, der sich ja nicht an wie immer geartete klassische Rollen in Konflikten hält? Da Vorsorge zu treffen, ist in der Tat ein weit höheres Problem als es in den bisherigen klassischen Konflikten der Fall gewesen ist. Das kann man an Afghanistan studieren, aber auch am Irak.

Ich habe den Eindruck, dass – zumindest was die Rolle der Seelsorger und der katholischen und evangelischen Geistlichen angeht – dafür Sorge getragen werden muss, dass wir in der Gewissensbildung der Einzelnen voranschreiten und deutlich machen, es gibt eine Verantwortung, die über die nationale hinausgeht, dass zum Beispiel internationale Verantwortung eben in solchen konfliktiven Situationen mit einem höheren Maß an Risiko wahrgenommen werden muss als früher.

In den ganzen Auseinandersetzungen, die sich auf Dauer mit dem Wort Cyber-War verbinden und die dann ja bedeuten eine ganz andere Form von Kriegsführung, die faktisch das ganze Leben der Menschheit schach-matt setzen kann, umzugehen, bedeutet auf der einen Seite natürlich unendlich viele vertragliche Maßnahmen auf den Weg zu bringen, dass diejenigen Nationen, die überhaupt fähig sind, solche Kriege zu führen, einengen und einschränken und verlangt, auf Dauer noch einmal mehr davon auszugehen, dass die Verantwortungsträger mit einer höheren ethischen Verantwortung als je ihre Entscheidungen zu treffen haben.

Deutschlandradio Kultur: Das, worüber wir jetzt sprechen, wird ja in der Bundesrepublik bestenfalls in Nischen diskutiert. Hat da nicht die Öffentlichkeit – und das gilt für die Medien wie für die Politik wie für viele andere – nicht die Pflicht, sich stärker dieser Debatte zu stellen? Mit anderen Worten: Vermissen Sie eigentlich eine gesellschaftliche Debatte über diese Fragen, über die wir jetzt hier sprechen?

"Was ist, wenn ihnen der Zugang zu Wasser bewusst verweigert wird?"

Franz-Josef Overbeck: Ich habe zusammen mit dem Bischof von Trier, für "Justitia et Pax" hat er ja gesprochen, eine solche Debatte angemahnt im Blick auf die Drohnen, und hoffe auch, dass sie nochmal neu zustande kommt, nachdem sie ja schon einmal angefacht worden ist. Ich glaube, im Blick auf die Reaktion der Menschen ist verständlich, die meisten werden sich mit dem beschäftigen, was sie im Alltag bewegt. Das ist eher dann theoretisch oder gleichsam in die Welt des Digitalen abgesunken und wird erst dann wirklich eine öffentliche Debatte von Relevanz mit Reaktionen hervorrufen, wenn die Probleme wirklich im Alltag der Menschen ankommen. Das ist bisher wenig der Fall. Ich kann und werde alles tun, um das rechtzeitig zu ermöglichen, aber ich glaube, dass sich das in der gerade beschriebenen Logik stellt.

Deutschlandradio Kultur: Ende 2014 zieht der Westen seine Truppen aus Afghanistan zurück. Was sollte mit den einheimischen Hilfskräften geschehen, die die Bundeswehr dort seit mehr als zehn Jahren beschäftigt und die jetzt um ihr Leben fürchten?

Franz-Josef Overbeck: Es gibt viele, die sind gefährdet. Das wird immer wieder glaubwürdig mitgeteilt. Da kann man verschiedene Maßnahmen ergreifen. Eine wird sein, ihnen möglichst zu helfen, in ihrem Heimatland zu verbleiben – unter anderen Bedingungen, wenn es denn geht, und den anderen – und die Bundesregierung hat dem ja auch zugestimmt, dort zu helfen – die Möglichkeit zu eröffnen, in ein anderes Land zu gehen, damit sie an Leib und Leben gesichert bleiben.

Deutschlandradio Kultur: Das heißt, auch mit der Konsequenz, diesen Menschen dann hier in der Bundesrepublik Asyl zu gewähren?

Franz-Josef Overbeck: Ja, selbstverständlich. Vorher haben sie uns geholfen, jetzt helfen wir ihnen.

Deutschlandradio Kultur: Ein neues Stichwort der Konfliktbewältigung heißt Responsibility to Protect, auf Deutsch, die Verantwortung die Menschenrechte zu schützen, notfalls eben auch mit Gewalt. Zum Beispiel basierte der Einsatz in Libyen auf dieser Formel. Ist das für die Kirche ein zu rechtfertigender Einsatz?

Franz-Josef Overbeck: Die Bedingungen sind genau beschreiben, unter denen er zu rechtfertigen ist. Aber im Blick auf die verschiedenen Gründe, die heute zu Kriegen führen, ist es unbedingt nötig, eine solche Schutzverantwortung wahrzunehmen, wenn es denn ethisch reflektiert einen Wert gibt, der für die gesamte Weltgesellschaft unter humanen Bedingungen von Relevanz ist. Das sind für uns die Menschenrechte und die Menschenwürde, die absolut ist, für uns Christen natürlich von Gott kommt und von daher nicht zu diskutieren. Die zu schützen, ist nicht nur ein Problem, wenn es zu kriegerischen Auseinandersetzungen kommt.

Was ist, so frage ich immer wieder, wenn Völker zum Beispiel ganz bewusst von anderen Machthabern ausgehungert werden? Was ist, wenn ihnen der Zugang zu Wasser etc. bewusst verweigert wird? Das sind internationale Konflikte, wie wir sie ja in Afrika, im Südsudan etc. beobachten können, die genauso wie in den Konflikten wie Libyen die Weltgesellschaft in ihrer Verantwortung auf den Plan rufen muss.

Deutschlandradio Kultur: Und die politisch oft nicht zu lösen sind.

Franz-Josef Overbeck: Die nicht zu lösen sind und die zu heftigen weiteren Konflikten führen, die aber im Sinne der Verantwortungsethik uns heute vor neue Fragen stellen. Von daher halte ich viel von einem solchen, aber natürlich ausgeweiteten Konzept der Responsibility to Protect.

Deutschlandradio Kultur: Es ist ja auch so, dass der Missionsgedanke sich geändert hat. Früher war er eindeutig religiös definiert. Wenn man sich heute umschaut, gerade mit Blick auf den Nahen, Mittleren Osten, Afrika, geht es um Freiheit, Gleichheit und Demokratie. Ist das ein Ansatz, den Sie mittragen? Oder übernimmt man sich nicht ein bisschen, wenn man beispielsweise diese Begriffe in diesen Staaten tatsächlich so anstrebt?

Franz-Josef Overbeck: Das ist hier natürlich auch so eine Dynamik, die sich sehr dem amerikanischen Empfinden, das eigene politische System weiterzutragen, verdankt. Da bin ich wesentlich kritischer, allerdings schon mit der Frage: Wie kann die Menschenwürde am besten gesichert werden? Dazu gehören nach bisherigen Erfahrungen in der Regel demokratische Systeme und eine offene freie Gesellschaft mit einer offenen Presse und der offenen Meinungsäußerung.

Und das ist weltweit sehr strittig, je nach dem, in welchem kulturellen Zusammenhang wir leben und uns befinden. Und wir können momentan an den Staaten Nordafrikas und des Nahen und Mittleren Ostens sehen, dass dieses einfache Konzept der Demokratisierung nicht nur Heil und Segen bringt.

Das ist ausgesprochen konfliktiv und verlangt jeweils regionale Lösungen, aber schon mit klarer Machtbegrenzung erstens, zweitens mit dem Willen, vor allen Dingen das Recht durchzusetzen, und drittens da für Freiheit zu sorgen. Wo das geschieht und dabei die historischen und auch die religiösen Bedingungen beachtet werden, die ja viele Länder viel mehr beschäftigen als wir in unserer Öffentlichkeit in Deutschland diskutieren und wahrhaben wollen, gehört dies, meine ich, zu den Lösungsstrategien, die auf verschiedene Weise zu bedenken und auch zu verfolgen sind.

Deutschlandradio Kultur: Wie stehen Sie zu Rüstungsexporten in mögliche Konfliktregionen? Ich denke da zum Beispiel an die Golfstaaten. Das ist ja immer wieder ein konkretes Thema.

Franz-Josef Overbeck: Das sind politisch Entscheidungen, die auch politisch zu fällen sind mit den politischen Verantwortlichkeiten, die dahinterstehen. Mir geht es in allem immer darum dafür zu sorgen, dass Frieden als ein Werk der Gerechtigkeit auf den Weg gebracht werden muss. Und dazu gehört manchmal die Anwendung von Gewalt als Ultima Ratio, als äußerstes Mittel. In einen solchen Zusammenhang müssen solche Dinge eingeordnet werden. Aber das sind generelle Erwägungen, keine konkreten.

Deutschlandradio Kultur: Die Bundeswehr ist zu einer Einsatzarmee geworden. Die Wehrpflicht wurde abgeschafft. Die Armee befindet sich zurzeit in einem Umbruch, den es so in der Bundesrepublik für die Soldaten noch nicht gab. Wie sieht es aus um den Stellenwert der Seelsorge in dieser neuen Struktur?

Franz-Josef Overbeck: Eine der großen Überraschungen war am Anfang, was auch die große Bestätigung der Qualität unserer Seelsorge ist, dass sie mehr denn je gefragt ist und mehr denn je unsere Seelsorger und Seelsorgerinnen, es sind ja auch einige Pastoralreferentinnen als Frauen dabei, hoch wertgeschätzt werden. Und das betrifft sowohl die Begleitung der Soldaten und Soldatinnen in den Auslandseinsätzen als auch die Betreuung ihrer Familienangehörigen, der Partner, Partnerinnen hier vor Ort zu Hause. Da ergeben sich völlig neue Konfliktfelder einerseits, aber auch ethische Herausforderungen andererseits, die nicht zu bestehen sind, wie wir deutlich feststellen, ohne seelsorgerischen Beistand.

Deutschlandradio Kultur: Welche Konfliktfelder wären das?

"Die Bundeswehr selber und die Politik sieht jetzt ein, dass sie sich mehr kümmern muss"

Franz-Josef Overbeck: Die Konfliktfelder im Blick auf Ehe und Partnerschaft sind immens, weil sich auf der einen Seite Soldatinnen und Soldaten im Einsatz verändern, aber ihre Familienangehörigen und Partnerinnen, Ehefrauen, Ehemänner hier zu Hause auch. Da braucht es sehr viel mehr an Begleitung. Zum anderen sind die Soldaten, Soldatinnen, die aus den Auslandseinsätzen nach Hause zurückkehren, so geprägt, dass ihnen – und wir tun das schon in ökumenischer Verbundenheit – unbedingt viel Begleitung gegeben werden muss, die sich auf alle Felder des Lebens bezieht, und dazu gehört vor allen Dingen auch die Seele, das ist unsere Arbeit und Aufgabe. Das tun wir.

Deutschlandradio Kultur: Gelten diese Herausforderungen zum Beispiel auch für die Stichworte Veteranen, Heimkehrer aus tatsächlichen Konfliktsituationen? Ist das auch eine Sache, um die sich die Kirche innerhalb der Bundeswehr vielleicht mehr kümmern muss?

Franz-Josef Overbeck: Immer schon gekümmert hat – im Rahmen unserer Möglichkeiten natürlich. Die Bundeswehr selber und die Politik sieht jetzt ein, dass sie sich mehr kümmern muss. Wir können mit unseren begrenzten Kräften nur einiges tun. Das tun wir auch schon. Aber das andere ist auch eine Aufgabe der Bundeswehr an sich.

Deutschlandradio Kultur: Wir haben schon über die nicht wirklich vorhandene Debatte über ethische strategische Fragen gesprochen. Wenn man es mal auf die Bundeswehr reduziert, die Einsätze, die Rolle der Bundeswehr im Inland, die Worte des ehemaligen Bundespräsidenten Köhler vom "freundlichen Desinteresse" haben wir ja noch im Ohr. Wünschen Sie sich eine Aufwertung der Bundeswehr, eine bessere Aufnahme in der Gesellschaft?

Franz-Josef Overbeck: Angesichts der verantworteten und guten Arbeit, die viele Soldatinnen, Soldaten leisten, und der Konfliktivität der Wirklichkeiten auf Weltebene, vor der wir stehen, führt mich schon zu der Meinung, es ist unbedingt nötig, dass die bundesrepublikanische Gesellschaft als solche sich noch einmal neu ihrer Weltverantwortung stellt und im Rahmen dieser eben auch der Bedeutung der Bundeswehr.

Gleichzeitig weiß ich von ganz vielen Soldatinnen und Soldaten, dass sie völlig zu recht sagen, wir tun unseren Dienst als Staatsbürger in Uniform, also mögen wir auch als ein normaler Teil unserer Gesellschaft angesehen und so gewertschätzt werden.

Deutschlandradio Kultur: Herr Bischof, vielen Dank für das Gespräch.

Tacheles

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