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Im Gespräch | Beitrag vom 04.12.2018

Menschenrechtsaktivistin Bosiljka SchedlichAußen Frieden, innen Krieg

Moderation: Katrin Heise

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Bosiljka Schedlich blickt freundlich in die Kamera. (Stiftung Überbrücken)
Unser Studiogast: Bosiljka Schedlich (Stiftung Überbrücken)

Den Bürgerkrieg im eigenen Land erlebte Bosiljka Schedlich aus der Ferne: Die gebürtige Jugoslawin kam 1968 nach Deutschland. Heute betreut ihre Stiftung "Überbrücken" in Berlin Kriegstraumatisierte aus den Balkanländern.

Ursprünglich wollte Bosiljka Schedlich nur für ein Jahr zum Arbeiten nach Deutschland kommen, um sich das Studium im damaligen Jugoslawien zu finanzieren – mittlerweile ist es 50 Jahre her, dass sie sich auf den Weg nach Berlin gemacht hat und blieb.

"Anfangs hatte ich ein Bild von den Deutschen, wie ich es aus jugoslawischen Partisanenfilmen kannte. Das führte zu einer gewissen Distanz. Dann aber lernte ich die Menschen kennen. Und wir jugoslawischen Gastarbeiter hatten den Auftrag mitbekommen, ein gutes Bild von unserer Art des Sozialismus abzugeben."

Wenn die gemeinsame Sprache versagt

Den Bürgerkrieg zwischen den Republiken Jugoslawiens erlebte sie aus Deutschland und beschloss, zumindest hier die verfeindeten Volksgruppen wieder an einen Tisch zu bringen.

"Die schon in Deutschland lebenden Ex-Jugoslawen wurden auf ihren Heimaturlauben von den Medien negativ beeinflusst. Unsere gemeinsame Sprache versagte. Deshalb wollten wir die Menschen mit Kultur wieder zusammen bringen, mit Musik, Theater und gemeinsamem Singen."

Ihr Verein "südost" organisiert seither Kulturveranstaltungen, Erzählcafés, Familienhilfe und Vorträge. Die von ihr gegründete Stiftung Überbrücken bietet außerdem seit zehn Jahren gezielte Hilfe für Kriegstraumatisierte an und vergibt alle zwei Jahre einen Integrationspreis.

"Meine Arbeit hat mir gezeigt, dass ich selbst eine Kriegstraumatisierung in mir trage", sagt die 70-Jährige. Ihr Vater, der als Partisan im Zweiten Weltkrieg kämpfte, habe über seine Erlebnisse kaum gesprochen.

Endlich hört jemand zu

"Es war so, dass ich, als ich nach Deutschland kam, die Flüchtlinge, die Vertriebenen im Keller meines Wohnheimes haben mit mir nichts zu tun. Aber als die Flüchtlinge kamen, und in den ersten drei, vier Monaten frei das erzählten, was ihnen widerfahren ist, und mir immer wieder sagten, du bist die einzige, die sich das anhört, kriegte ich immer mehr mit, dass das sehr wohl mit mir zu tun hatte. Ich habe begriffen, dass die Kriege sich wiederholen."

Erst in einer Männergruppe mit Überlebenden aus Srebrenica sei ihr klar geworden, wie sehr die verdrängten traumatischen Erfahrungen auch ihr Leben geprägt haben. Umso wichtiger sei es, einen Weg zu finden, die Versehrungen aufzudecken und sich mit ihnen auseinanderzusetzen.

"Noch wichtiger ist es, einen Weg zu finden, Kriege in Zukunft zu verhindern."

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