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Im Gespräch | Beitrag vom 09.01.2019

Menschenrechtsaktivist Peter Steudtner Solidarität überwindet auch Gefängnismauern

Moderation: Katrin Heise

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Der Menschenrechtsaktivist Peter Steudtner in Berlin (picture alliance/dpa/Foto: Michael Kappeler)
Menschenrechtsaktivist Peter Steudtner: Essen geteilt, Seife geteilt - und auch die Unsicherheit (picture alliance/dpa/Foto: Michael Kappeler)

113 Tage saß Peter Steudtner 2017 wegen Terrorverdachts in der Türkei in Haft - es hätten auch 15 Jahre werden können. Der Menschenrechtler begegnete dieser Drohkulisse mit beeindruckendem Gleichmut: "Egal, was passiert, den nächsten Tag schaffe ich immer."

Ursprünglich wollte Peter Steudtner nur dreieinhalb Tage in der Türkei bleiben, als er im Sommer 2017 nach Istanbul reiste. Am Ende wurden es dreieinhalb Monate. Der Fotograf, Filmemacher und Anti-Gewalttrainer, der Aktivisten im Umgang mit Gewaltsituationen, in Trauma- und Stressbewältigung schult, wurde während eines Seminars mit neun weiteren Personen verhaftet. Die Justiz warf den sogenannten "Istanbul 10" die Unterstützung von bewaffneten Terrorgruppen vor.

"15 Jahre bestehen auch aus nächsten Tagen"

Im Gefängnis, sagt Peter Steudtner, habe er vor allem viel Solidarität erfahren – von Angehörigen zuhause, aber auch von Mithäftlingen.

"Essen wird geteilt, Seife wird geteilt. Man versucht, sich gegenseitig über die Anwaltsbesuche Botschaften an die Familien mitzugeben. Und man teilt natürlich auch die Unsicherheit."

In der Türkei kann allein die Untersuchungshaft fünf Jahre dauern. Im Falle einer Verurteilung drohten Steudtner bis zu 15 Jahre Haft. Der Drohkulisse begegnete er innerlich mit einer beeindruckenden Haltung:

"Ich denke grundsätzlich sehr positiv: Egal, was passiert, den nächsten Tag schaffe ich immer. 15 Jahre bestehen auch aus nächsten Tagen. Es gab bei mir schon die Zuversicht: Das ist schaffbar."

Menschenrechtler Peter Steudtner (l) umarmt in Istanbul, Türkei, vor dem Gefängnis Silivri eine Kollegin. (dpa-Bildfunk / AP / Emrah Gurel)Menschenrechtler Peter Steudtner nach seiner Freilassung aus dem Gefängnis (dpa-Bildfunk / AP / Emrah Gurel)

Diese Haltung wurde durch die Solidarität in Deutschland weiter genährt. Die Berliner Gethsemanekirche, in der sich der heute 47-Jährige schon lange engagiert, veranstaltete während seiner Haftzeit allabendlich um 18 Uhr Fürbitte-Gottesdienste für ihn. Als Steudtner davon erfuhr, hielt er zur gleichen Zeit im Gefängnis inne und sang im Innenhof, um sich auf diesem Weg mit der Gemeinde und seinen Angehörigen zu verbinden.

Die Haft hat ihn in seinem Engagement bestärkt

Daneben versuchte er, die Zeit im Gefängnis produktiv zu nutzen. Er gab Workshops für seine Mithäftlinge, aber auch für die Anwälte. Er jonglierte mit Wasserflaschen, um die Schwere der Haft zu vertreiben und trainierte auf einer Strecke von 15 Metern im Gefängnishof Langstreckenlauf. Nach seiner Haftentlassung trat er in Berlin erstmals bei einem Halbmarathon an.

113 Tage saß Steudtner in Haft, als er Ende Oktober 2017 entlassen wurde. Der Prozess gegen ihn läuft weiter, er wird am 21. März 2019 fortgesetzt.

Die Hafterfahrung hat Steudtner, der auch schon in Nepal, Südafrika und Mosambik gearbeitet hat, in seinem Engagement für die Menschenrechte weiter bestärkt. Er wolle seine Stimme erheben, für jene, die mundtot gemacht werden, sagte er im Deutschlandfunk Kultur:

"Ich bin sicherlich nicht der Aktivist in der ersten Reihe der gewaltfreien Blockade. Ich bin nicht der mutigste Mensch. Ich kämpfe auch mit meinen Ängsten."

Er stehe mit seinem Engagement eher in der zweiten Reihe, so Steudtner. "Ich glaube, alle Reihen sind wichtig und das macht es für mich auch so wichtig, diese oft kleingemachte Solidarität hochzuhalten und zu sagen: Da fängt für mich der Mut an."

(er)

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