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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 25.11.2010

Menschen im Aufbruch

Michael Ebmeyer: "Landungen", Kein&Aber, Zürich, 368 Seiten

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Eine junge Frau startet in "Landungen" 1869 von Bremerhaven nach Südamerika. (AP Archiv)
Eine junge Frau startet in "Landungen" 1869 von Bremerhaven nach Südamerika. (AP Archiv)

Drei Zeitebenen, drei Hauptfiguren und verschiedene Schauplätze in Deutschland und Argentinien: Es ist ein großes Tableau, das der 1973 geborene Autor Michael Ebmeyer hier entwirft. Sein erfolgreicher Vorgängerroman "Der Neuling" wird gerade verfilmt.

Drei Menschen brechen auf, wollen - oder sollen - ihr altes Leben hinter sich lassen und müssen feststellen, dass das Vergangene sie doch immer wieder einholt. Aber die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit kann auch heilsam und bereichernd sein. Diese Erfahrung macht zumindest einer der Protagonisten in Ebmeyers neuem Roman "Landungen".

Drei Zeitebenen, drei Hauptfiguren und zwei Kontinente: Es ist ein großes, weit ausschwingendes Tableau, das Michael Ebmeyer hier entwirft. Am Anfang steht eine dreiwöchige Schiffsreise von Bremerhaven nach Südamerika im Jahre 1869. Die junge Friederike Soltau begleitet ihren Bruder auf das gemeinsame Familienanwesen in die argentinische Pampa, wo sie nach Wunsch der Angehörigen ihr verwirrtes Gemüt kurieren soll.

Genau hundert Jahre später trifft der Leser auf Udo Soltau, einen 40-jährigen verheirateten Rechtsanwalt, der sich im protestbewegten Tübingen in eine junge Studentin verliebt und mit ihr, allen gesellschaftlichen Einschüchterungen zum Trotz, eine zweite Ehe eingeht. Das Anwesen in Argentinien, wo er während des Kriegs einige Kindheitsjahre verbracht hat, verkauft Udo Soltau. Es ist ein Versuch, mit verdrängten Kapiteln seiner Familiengeschichte abzuschließen.

Neu geöffnet werden sie Mitte der 1990er-Jahre, als sich sein Sohn Marco - die dritte Hauptfigur des Romans - nach einem Nervenzusammenbruch auf Spurensuche in seiner Familiengeschichte begibt. Er studiert Briefe und Dokumente seiner Vorfahren und fährt am Ende des Romans auf das einstige Anwesen seiner Familie in Argentinien.

Es sind sehr unterschiedliche Stimmen, die in diesem Roman zusammenkommen und sich, nach anfänglicher Chronologie, bald vermischen. Und doch ist jede dieser Stimmen gut vernehmbar und in ihrer Charakteristik genau eingebettet in die Zeit, die die jeweilige Figur prägt.

Friederike ist die positive Heldin, die in Argentinien eine ungeahnte Freiheit erlebt. Und doch ist ihre tragische Geschichte so nur im 19. Jahrhundert vorstellbar. Ebmeyer nimmt seine Leser auch sprachlich in Friederikes Zeit und ihren einsamen, eigenwilligen Kosmos mit.

Popliterarische, jugendliche Gegenwartstöne kennzeichnen die Kapitel, in denen es um den 25-jährigen Marco in Tübingen geht. Während die Doppelmoral der 60er-Jahre, in denen Udo lebt, in einer Mischung aus Beklemmung und Ironie beschrieben wird.

Michael Ebmeyer hat keine Angst vor exotischem, fantasievollem Stoff. Er stützt ihn jedoch mit genauer Recherche und stattet sein Figurenpersonal mit präzise gezeichneten Milieus aus.

Im Vorgängerroman "Der Neuling" hat Ebmeyer seinen Protagonisten, einen schwäbischen Angestellten, nach Sibirien geschickt. Die Vorliebe für besondere Schauplätze und die Auseinandersetzung mit Zäsuren, mit veränderten oder sich ändernden Lebensentwürfen verbindet die beiden Romane. Die zentrale Gemeinsamkeit aber ist die große Erzählkunst des Autors, der sich klug, humorvoll und außerordentlich sensibel in die Gefühlslagen und Lebensbedingungen völlig unterschiedlicher Figuren hineindenken und darüber schreiben kann.

Biografie Michael Ebmeyer:
1973 geboren, Literatur und Sprachen-Studium in Tübingen und Barcelona
Schriftsteller, Autor und Publizist, Musiker
Ebmeyers erfolgreicher Vorgänger- Roman "Der Neuling" (2009) wird verfilmt und soll 2012 in die Kinos kommen


Besprochen von Olga Hochweis


Michael Ebmeyer, Landungen,
Kein&Aber, Zürich, 368 Seiten, 19,90 Euro

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