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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 02.06.2009

Menschen am Flugplatz

Leslie Larson: "Turbulenzen", Krug & Schadenberg Verlag, Berlin 2009, 372 Seiten

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Der Flughafen als Durchgangsort, auf dem alles möglich scheint und nichts wirklich möglich ist.  (AP)
Der Flughafen als Durchgangsort, auf dem alles möglich scheint und nichts wirklich möglich ist. (AP)

Die kalifornische Autorin Leslie Larson entwirft in ihrem Debüt fünf Figuren, deren Wege sich am Flughafen von Los Angeles kreuzen. Indem sie ihre Beziehungen zu anderen Menschen charakterisiert, thematisiert sie widersprüchliche Gefühle wie Liebe und Hass, Nähe und Distanz, Vertrauen und Verrat.

Wylie, Vietnamveteran, arbeitet in einer Bar auf dem Flughafen von Los Angeles und kämpft täglich mit ausgeklügelten Ritualen gegen seine Zwangsneurosen. Sie alle drehen sich um die Frage, wie man das für sein Gefühl ständig drohende Unheil vermeiden kann. Wylies Beziehung zu Carolyn basiert auf selbstverständlicher Zuneigung und einvernehmlicher Distanz. Die Beziehung gerät in die Krise, als Carolyn, Mitte 40, schwanger wird und von Wylie eine klare Position dazu einfordert – und damit auch eine Entscheidung in Bezug auf ihr Verhältnis.

Wylies Bruder Logan, Ende 30, hat wegen kleinkrimineller Delikte mehr Zeit im Gefängnis verbracht als außerhalb; leichtfertig und lebenslustig, lebt er mehr in der Gegenwart als in der Vergangenheit, in der er etliche Kinder gezeugt und deren Mütter verlassen hat und ist immer auf dem Absprung. Zur Abwechslung ist er mal wieder "draußen", schmiedet waghalsige Pläne für eine bessere Zukunft und sucht sporadisch den Kontakt zu seiner Familie.

Seine Tochter Jewell, Studentin, jobbt in der Mensaküche der Universität und meidet den Kontakt zu ihrem Vater, der sich nie um sie oder ihre Mutter gekümmert hat. Das ändert sich auf unvorhergesehene Weise, als Jewell in emotionale und materielle Bedrängnis gerät, weil ihre Lebensgefährtin sie betrügt und verlässt.

Die philippinische Einwanderin Inez hat eine uneheliche Tochter und ist verheiratet mit Rudy, der beim Reinigungspersonal auf dem Flughafen arbeitet. Sie möchte ihn verlassen, was er nie zulassen würde, und baut sich heimlich eine Karriere als Avon-Beraterin auf.

Und schließlich Rudy, der von heute auf morgen mit fadenscheinigen Begründungen aus seinem Job entlassen wird, wo er doch eigentlich mit einer Beförderung gerechnet hatte. Gedemütigt, verschweigt er das seiner Frau, treibt sich tagsüber in der Stadt herum und brütet wilde Rachepläne gegen eine vermeintliche Verschwörung aus. Schnell erstreckt sich sein paranoides Misstrauen auch auf seine Frau, und er beginnt, ihr nachzuspionieren. Ihr wiederum dämmert langsam, dass ihr Mann in der fest verschlossenen Garage, zu der ihr der Zutritt verboten ist, unheilvolle Dinge treibt.

Die unterschiedlichen Charaktere, ihre Geschichten und ihre Beziehungen zueinander werden lebendig und glaubwürdig entwickelt.

Ihre Wege kreuzen sich immer wieder, zufällig oder geplant. Dreh- und Angelpunkt ist der Flughafen, ein klassischer moderner Durchgangsort, auf dem alles möglich scheint und nichts wirklich möglich ist. Außer vielleicht einer Katastrophe ... und auf eine Katastrophe läuft alles zu, je mehr Rudy sich in seine Paranoia steigert und je unberechenbarer er wird.

Der Erstlingsroman der kalifornischen Autorin Leslie Larson wirft auf spannende, unterhaltsame und nie moralisierende Weise die Frage nach der Möglichkeit menschlicher Beziehungen auf. Er redet über Nähe und Distanz, Liebe, Loyalität und Vertrauen – und die Kehrseite: Verletzen, Verlassen, Hass, Schmerz.

Ein Thriller im vordergründigen Sinne scheint der Roman zunächst nicht zu sein; freilich entwickelt er zunehmend eine Atmosphäre des Bedrohlichen. Von da an wird er immer spannender. Und immer wieder vermag er zu überraschen. Unbedingt lesenswert!

Besprochen von Gertrud Lehnert

Leslie Larson: Turbulenzen
Roman
Aus dem Englischen von Andrea Krug
Krug & Schadenberg Verlag, Berlin 2009
372 Seiten, 19,90 Euro

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