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Feiertag - Kirchensendung / Archiv | Beitrag vom 24.05.2009

"Mensch, wo bist du?"

Eine evangelische Standortbestimmung

Von Jutta Schreur, Berlin

Eröffnungsgottesdienst des Evangelischen Kirchentages in Bremen (AP)
Eröffnungsgottesdienst des Evangelischen Kirchentages in Bremen (AP)

"Mensch, wo bist Du?" - eine Standortbestimmung jenseits von Eden. Denn Freiheit hat ihren Preis: den Verlust der Unschuld, Selbstverantwortung. Der Deutsche Evangelische Kirchentag, diesmal im kleinsten Bundesland, in Bremen, stellt die großen Fragen. In rund dreitausend Veranstaltungen - politisch, kulturell, spirituell - diskutieren Christen darüber, wie der Glaube richtungweisend sein kann beim Weg in die Zukunft. Eine Orientierung versucht Jutta Schreur.

"Du, ich bin gerade auf dem Weg zum Messegelände." Das war sicher die häufigste Antwort auf die Frage "Mensch, wo bist du?" beim 32. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Bremen in den letzten vier Tagen. Und sie war, Handy sei dank, schnell zu beantworten. So leicht war die Antwort in den rund 2500. Veranstaltungen nicht zu finden. "Mensch, wo bist du?", diese Frage stellt Gott Adam und Eva in der Paradieserzählung, nachdem sie vom Baum der Erkenntnis gegessen haben. Der Kirchentag hat sie aufgenommen und neu gestellt für alle Lebensbereiche. Bei Kirchentagsbesucherin Kerstin Baethge traf sie auf offene Ohren.
Kerstin Bethge:
"Mensch, wo bist du, denk ich, spricht erstmal jeden persönlich von uns an. Und so fühle ich mich dadurch auch angesprochen. … Und die Engel, die sehe ich auch in uns Menschen, und so denke ich, Mensch, wo bist, du, da ist jeder angesprochen und das ist auch wichtig für unsere Gesellschaft."

Was sind die Horizonte des christlichen Glaubens, welche Perspektiven für die Gesellschaft lassen sich entwickeln, was sind die Chancen für die Welt – in diesen Themenfeldern wurde das Motto entfaltet. Wohin hat uns unsere Erkenntnis gebracht? Wofür und wie setzen wir unser Wissen ein? Wo stehen wir, als Kirche, als einzelne Christen? Das klingt nach Standortbestimmung und Bilanz. Passend zum runden Geburtstag. Und einen solchen feierte der Kirchentag in diesem Jahr – seinen 60!
Aber auch 20 Jahre friedliche Revolution und das 60-jährige Jubiläum des Grundgesetzes waren für die Protestanten Anlass, Bilanz zu ziehen. Politikerinnen und Politiker aller Parteien waren auf dem Kirchentag vertreten. Nicht nur, um feierliche Jubiläumsreden zu halten, sondern um Stellung zu nehmen zu den Gegenwartsproblemen und Zukunftsfragen wie der globalen Krise Stellung zu nehmen. Es sind ja nicht zuletzt Krisen, die Fragen auslösen und Wendepunkte sein können. Davon sprach auch Außenminister Frank-Walter Steinmeier.


Frank-Walter Steinmeier:
"Politik in der Krise, das ist nicht nur Kampf um jeden Arbeitsplatz. Das natürlich auch. Politik in der Krise, das muss mehr sein. Es bedeutet, das Suchen und Fragen der Menschen ernst zu nehmen. Sie nicht mit billigen Antworten abzuspeisen. Nicht so zu tun, als wäre diese Krise nur ein Sommergewitter, das sehr bald wieder vorüberzieht. ... Politik in der Krise – und das ist das, was wir tun müssen -, das heißt auch: neue Antworten zu suchen. Dafür zu sorgen, dass sich die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen, meine Damen und Herren. Und deshalb sage ich: Wir dürfen nicht einfach zum Alten zurückfallen. Sondern was wir brauchen, das ist ein Aufbruch zum Besseren, Wir brauchen einen Neustart der sozialen Marktwirtschaft. Nur dann nehmen wir wirklich das Fragen und Suchen in unserer Gesellschaft ernst. Nur dann, meine Damen und Herrn, haben wir die Zeichen der Zeit wirklich erkannt."

Andere Konfliktfelder benannte Eckart Nagel, Medizinprofessor und Präsident des 2.Ökumenischen Kirchentages in seiner Predigt:

Eckart Nagel:
"Mensch, was machst du jetzt, wo das Eis in Grönland schmilzt und unsere Meere veröden? Mensch, was willst du jetzt, wo die Wissenschaft immer mehr herausfindet, was einst in den Äpfeln der Erkenntnis verborgen war?"

."Mensch wo bist du?" In der Paradieserzählung geht es darum, vor dieser Frage "Wo bist du, wofür stehst du und wo willst du hin?" nicht wegzulaufen. Sich nicht zu verstecken – wie einst Adam und Eva -, sondern sich ihr zu stellen. Auch wenn es schwierig ist. Wer vom Baum der Erkenntnis gegessen hat, muss auch die Konsequenzen tragen. Denn Freiheit und Verantwortung gehören zusammen. Das machten auch die Bibelarbeiten deutlich, ob sie nun von Theologen, Politikerinnen oder Theaterleuten gestaltet wurden.
"Die Schlange hatte weniger an, aber mehr drauf als alle anderen Tiere", so beginnt die Paradieserzählung aus dem 1. Buch Mose. Das gilt doch auch für den Menschen, fiel dem Dramaturgen und Schriftsteller John von Düffel auf. Die Schlange steht für einen Teil in uns Menschen selbst, so legte er das aus. Das Streben nach Selbstständigkeit und Unabhängigkeit, nach Wissen und Erkenntnis ist Teil der menschlichen Natur. Aber die Freiheit und Erkenntnis haben einen Preis: Alle Menschen sind sterblich. Und sie wissen es. Deshalb sehnen sie sich zurück ins Paradies, in dem sie wie Kinder ohne Zeit, ohne Scham und ohne Schuld lebten, unsterblich. Darum versuchen sie, mit all ihrem Wissen den Tod immer weiter hinauszuschieben. Die Erkenntnisse ihrer Forschung für ein immer längeres Leben zu nutzen. Nur: Damit schaffen sie auch wieder neue Probleme. Zum Beispiel die Frage, wer denn für die alten Menschen da ist, die nicht mehr allein leben können.

Mensch, wo bleibst du im Alter? Um diese Frage ging es im Forum Mc Pflege.

Ulrich Pohl:
"Ich bin heute bei uns in einem Altenheim, treffe sieben über Hundertjährige dort, eine ist dement, eine sitzt im Rollstuhl, die anderen fünf sind eigentlich relativ fit, übrigens alles Frauen, Frauenpower, deren Töchter laufen mit Gicht und Rheuma und sitzen zum Teil im Rollstuhl, bislang 65% der Pflege zu Hause, das wird nicht mehr so sein bei diesem Lebensalter."

Pastor Ulrich Pohl von den von Bodelschwinghschen Anstalten Bethel kennt das Problem einer zunehmend alternden Gesellschaft aus eigener Erfahrung und Anschauung.
Doch nicht nur er, sondern auch die Gäste im Saal. Menschen, die selber in der Pflege arbeiten, Krankenschwestern und Altenpflegerinnen, Töchter und Söhne, die ihre Eltern zu Hause pflegen oder in Heimen besuchen. Sie alle fragen sich: Wie gedeiht Nächstenliebe unter Wettbewerbsdruck? Geht das überhaupt zusammen, Pflege und Wettbewerb? Pflege, das bedeutet doch Zuwendung, Zeit haben, achtsam sein. Aber Zeit ist Geld. Und überall, wo Mc davorsteht, soll es schnell gehen. McPflege also – Pflege im Schnelldurchgang. Hauptsache billig. Es muss sich rechnen, das gilt auch für die Diakonie- und Sozialstationen der Kirchen und ihre anderen diakonischen Einrichtungen. Wie können sie trotzdem ihrem Anspruch gerecht werden, Menschen zu betreuen - wie sie es brauchen. Individuell, nach ihren eigenen Bedürfnissen und Wünschen.

Kathrin Engel
"Wir bekommen für ein Frühstück in der ambulanten Pflege in Sachsen gegenwärtig zwei Euro 23 und da sind die Fahrtkosten mit drin!"

Frühstück machen, weiß Pflegemanagerin Kathrin Engel aus Dresden, das heißt aber nicht nur, Kaffee kochen, ein Brot schmieren, es bedeutet auch, ein freundliches Guten Morgen zu sagen, ein kleines bisschen zu plaudern, ansprechbar zu sein. Das sind Dinge, die kein Roboter leisten kann. Aber gerade, damit für die persönliche Zuwendung genug Zeit bleibt, sollte der Einsatz von Robotern für Routineaufgaben kein Tabu sein, meint Markus Horneber, Verwaltungsdirektor der Diakonie Neuendettelsau. Als Kaufmann müsse er eben auch an die Kosten denken. Und bei verwirrten alten Menschen, die öfter mal weglaufen, ist moderne Technik längst im Einsatz. Die Frage "Mensch, wo bist du?" beantwortet der Ortungschip, der als Armband am Handgelenk getragen wird. Eher auf gute Nachbarschaft und mehr zwischenmenschliche Aufmerksamkeit setzte dagegen Ulrike Overkamp, selbst gelernte Altenpflegerin.

Ulrike Overkamp:
"Wir versuchen eben auch, eine Reihe von Ehrenamtlichen zu gewinnen, um diese Situation zu stabilisieren, also beispielsweise die Kirchengemeinde vor Ort, aber auch die Kommune an sich ist ein wichtiger Akteur neben Nachbarn, Angehörigen und den pflegebedürftigen Mietern, Mieterinnen selbst. Diese Projekte, die wir versuchen zu initiieren, basieren vor allen Dingen darauf, dass Menschen sich engagieren, vor allen Dingen ich nenne es Mal zivilgesellschaftlich sich engagieren. Das heißt, dass der Nachbar sich dafür interessiert, wie es seinem Nachbarn geht. Das ist im Moment noch nicht weitreichend etabliert. Also, es ist noch nicht jedem klar, dass er auch Verantwortung übernehmen muss, dass es auch ein Stück Solidarität geben muss in unserer Gesellschaft und dass es mir eben nicht gleichgültig sein kann, wie es meinem Nachbarn geht. So, das setzt voraus, dass sich Menschen eben auch beispielsweise Kirchengemeinden in der Form engagieren, dass wir versuchen, vor allen Dingen Partizipation und Teilhabe in das Quartier und für Menschen mit Hilfebedarf zu bringen, dazu benötigt es aber Unterstützung."

Oft freilich kommen diejenigen, die sich um die alten Menschen kümmern, nicht aus der Nähe, sondern von weit her. Viele Pflegerinnen kommen aus Osteuropa. Die meisten von ihnen arbeiten illegal, aber doch geduldet, weil anders der Pflegebedarf gar nicht zu decken wäre. Sie kommen trotz der manchmal unwürdigen Bedingungen und schlechten Bezahlung. Denn es ist immer noch mehr als das, was sie daheim verdienen. Sie kommen, um mit dem verdienten Geld ihren Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen. Und so wie sie machen sich jedes Jahr viele von noch viel weiter entfernten Orten der Welt auf den Weg nach Deutschland.


Etwas Besseres als den Tod finden wir überall – getreu dem Motto der Bremer Stadtmusikanten verlassen immer mehr Menschen aus den armen Teilen der Welt ihre Heimat. Die einen wissen nicht, was sie am nächsten Tag essen, wovon sie leben sollen. Die anderen fliehen vor politischer Verfolgung oder weil sie ihren Glauben nicht frei leben dürfen. Alle sind sie auf der Suche nach einem besseren Leben. Aber statt des erträumten Paradieses finden diese Migranten hohe Zäune und bürokratische Hürden. Die Globalisierung und ihre Folgen, die verschiedensten Gründe für Migration, die Chancen und die Probleme, die sich daraus ergeben, waren das Thema auf dem Podium Gehet hin in alle Welt. Bundesinnenminister Schäuble verteidigte die geltenden gesetzlichen Regelungen.
Dass es nicht einfach ist, wenn Menschen verschiedener Kultur, Religion und Tradition zusammentreffen, dass es Probleme gibt im alltäglichen Zusammenleben, das war allen klar. Aber lassen sich die Probleme lösen, indem man sie sich vom Hals hält? Sich abschottet und die Grenzen so dicht wie möglich macht? Bischöfin Margot Käßmann meint: Nein! Und erinnerte daran, was die Bibel über den Umgang mit Fremden sagt:

Margot Käßmann:
"Mir ist wichtig – im dritten Buch Mose ist nachzulesen, dass das Gebot der Nächstenliebesich besonders bei dem Fremden zu bewähren hat. Den Fremdling sollst du lieben wie dich selbst, denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen in Ägypten. Das ist so wunderbar klar finde ich in der Bibel. Ihr seid ja auch Fremdlinge. Sie sind wie ihr. Die Fremden könnten jederzeit wir selbst sein."

Fremde waren und sind ja auch Deutsche immer wieder. Sie wanderten aus nach Afrika oder Amerika, und so werden in Namibia wie in Oklahoma immer noch deutsche Oktoberfeste gefeiert. Im Fernsehen laufen Serien über deutsche Auswanderer heute. Wie schwer es ist, als Fremder akzeptiert zu werden, erleben Deutsche selbst in der Schweiz – einem Land, in dem sie zumindest ihre eigene Sprache sprechen können. Neben Verständnis und Bereitschaft, sich aufeinander einzulassen, sind klare gesetzliche Regelungen nötig, um Fremde zu schützen. Und zwar auch und gerade jene, die keinen gesicherten rechtlichen Status haben. Eigentlich ist dazu im deutschen Grundgesetz das Nötige bereits gesagt, auch daran erinnerte Margot Käßmann.


Margot Käßmann:
"Es geht darum, dass wir illegalen Aufenthaltsstatus nicht mehr bestrafen, und Menschen, die andere schützen, die ohne legalen Aufenthaltsstatus unter uns leben, nicht mehr mit Strafe bedrohen. Menschen sollen frei in diesem Land leben können, weil es heißt, die Würde des Menschen ist unantastbar. Und das hängt nicht an seinen Aufenthaltspapieren."

Nicht nur den Staat, auch die Kirchen sieht Margot Käßmann hier in der Verantwortung. Denn die Frage "Mensch, wo bist du?" ist eine Frage an jeden Einzelnen, an die eigene Zivilcourage. Wie die aussehen kann, erzählte Margot Käßmann:

Margot Käßmann:
"Ich denke an Zara Kameli, eine junge Frau aus dem Iran, die in Göttingen zum Christentum übergetreten ist. Ihr Mann hat das nicht akzeptiert, hat den Sohn mitgenommen, ist in den Iran gegangen und sie sollte abgeschoben werden, weil sie keine Aufenthaltsgenehmigung hatte. Wir als Kirche haben alles getan, um sie zu schützen, haben alles versucht und am Ende war es ein Lufthansapilot, dem wir alles gefaxt hatten, der sich geweigert hat, sie mitzunehmen. Und dann kam eine Institution in Gang, eine Härtefallkommission, die endlich in Niedersachsen geschaffen wurde, weil ein Lufthansapilot gesagt hat: Ich nehme diese Frau nicht mit, weil ihr im Iran wahrscheinlich der Tod droht.
Ja, das fand ich mutig …"

Mut gehört dazu, mit offenen Grenzen zu leben. Mut gehört dazu, eigene Grenzen zu überschreiten. Auch die Grenzen der Kirchenmauern. Und das ist nötig. Denn wenn die Menschen nicht mehr in die Kirchen kommen, warum sollten dann nicht die Kirchen zu den Menschen gehen? Als mobile Kirchen, flexible Räume auf Zeit. Eine gute Idee, umgesetzt in einem Projekt von Studierende der Architektur und Theologie aus Marburg und Bremen. Auf dem Kirchentag waren ihre mobilen Kirchen im Einsatz. Auch die von Theologiestudentin Florentine Grünewald.

Florentine Grünewald:
"Meine mobile Kirche ist die Seelenoase, wo es darum geht, dass Menschen aus ihrem Alltag heraustreten und zur Ruhe kommen. Und ich finde die momentane Nutzung auf dem Kirchentag sehr effektiv in diesem Sinne, weil hier sehr viel los ist. Die Menschen sind immer unterwegs, rennen von einem Stand zum andern, sind, ja, schon fast gestresst, obwohl es eine freiwillige Angelegenheit ist und dann eine Möglichkeit zu haben, an einem Ort zu sein, wo nicht vorgeschrieben ist, was man tun kann: Wo man sich hinsetzen kann und sich ausruhen kann, zu sich kommen kann, zu Gott kommen kann, sehr, sehr wichtig an so einem Ort. Also, Menschen sind auch im Stress, wenn sie ihrer Arbeit nachgehen, wenn sie Einkäufe tätigen oder sonst was. Ich hätte auch kein Problem damit, wenn es irgendwo in der Fußgängerzone in einem absolut säkularen Zusammenhang aufgestellt werden würde und die Menschen dort auch die Möglichkeit hätten, diesen Raum zu nutzen."

Zur Ruhe kommen. Viele der mobilen Kirchen sind Orte der Stille So gibt es ein begehbares Kirchenfenster, um dort Kerzen anzuzünden, oder ein dreieckiges Zelt aus Ästen und Leinwand, wo der Besucher den magischen Übergang von der Dreiheit zur Einheit spüren soll. Margarete Preis hat die mobilen Kirchen besucht.

Margarete Preis:
"Mein erster Eindruck war, hier ist was verstellt. Hier ist das, womit ich rechne, wenn ich eine Kirche betrete, nicht auf Anhieb erkennbar. Ich bin ein radikal frommer Mensch einerseits, aber ganz geerdet und denke immer, das Einzige was bleiben muss, ist eine Bibel und ein Altartisch, wo ich die wahrnehmen kann, und als ich grad das Gästebuch sah, hab ich gedacht, na das ist ja mal endlich eine. . Ich bin aufgeschlossen solchen Projekten, aber der Kern muss irgendwo erkennbar bleiben. Also, Kirche als Teil von Kultur, offen für kulturelle Veranstaltungen vielfältiger Art, aber nicht mit Verzicht auf unseren Kern, nämlich Gottes Wort. Und da war ich grad so ein bisschen enttäuscht, dass das durch Kunst für mich verstellt wird."

Gemischte Gefühle also. Vor allem bei Jugendlichen gut angekommen ist der futuristische Würfel "Nachrichten aus einem anderen Raum". Auf einem Bildschirm sind dort Fragen zu lesen: "Was würdest du tun, wenn du für 24 Stunden Millionär wärst?" zum Beispiel. Die Antworten, die per sms oder twitter, das sind Kurznachrichten über Handy oder Internet, geschickt werden können, laufen dann ebenfalls über den Bildschirm. Patrick, 14, schreibt da: "Ich würde alle Menschen im Lotto gewinnen lassen", während Tatjana, 15, sich vornimmt: "Ich würde versuchen, so vielen Menschen zu helfen wie es nur geht." Das Angebot zum interaktiven Gespräch wurde auf dem Kirchentag eifrig angenommen, auch beim Bibeltwittern. Da fassten Jugendliche Bibeltexte in höchstens 140 Zeichen zusammen und verstanden dabei auch selbst besser, worum es geht.
Von Luther zu Twitter – der Reformator schaute ja selber dem Volk gern aufs Maul und würde sicher mitmachen, lebte er heute. Aber so vielfältig die modernen Kommunikationsmittel auf dem Kirchentag auch genutzt wurden, ein eigenes Thema waren sie nicht. Wie verändert ständige Erreichbarkeit und Rufbereitschaft per Handy das Miteinander? Muss ich, will ich zu jeder Zeit antworten auf die Frage: Wo bist du? Was ist mit den Daten- und Abhörskandalen der letzten Monate? Und was bedeutet es, dass jeder Besuch einer Internetseite Spuren hinterlässt? Diese Fragen kamen bei aller Vielfalt zu kurz. Es war ein Kirchentag, der zwar viele Themen differenziert anpackte, aber auf vielen Feldern noch auf der Suche nach dem eigenen Standort ist.
Aber der nächste Kirchentag kommt ja schon im nächsten Jahr: Vom Norden geht es in den Süden, München lädt ein zum Zweiten Ökumenischen Kirchentag. "Damit ihr Hoffnung habt", heißt sein Motto, und Hoffnung schöpfen, das konnten viele auch hier in Bremen. "Hier bin ich" - so stand es selbstbewusst auf den Schals und T-Shirts. Hier bin ich. Ein Mensch, der zu seiner Verantwortung stehen kann, weil er sich von Hoffnung getragen weiß. Eckhard Nagel hatte es schon im Eröffnungsgottesdienst so ausgedrückt:

Eckart Nagel:
"Wir nehmen unsere Begrenztheit an, aber in dieser Annahme werden wir zu Handelnden, zu solchen, die nicht wegschauen, nicht fliehen. Zu Menschen, die sich berühren lassen, die einander berühren und die sich bemühen. Ja, mühen, weil wir bereit sind, unsere Last im Leben auf uns zu nehmen, in dem Wissen, dass du, Gott, uns in deiner unermesslichen Liebe halten und helfen wirst."

Musikangaben:
Kirchentagsliederbuch Lied 102 Positionsbestimmung,
Text: Ute Passarge 2008, Musik; Reinhard Gramm
Mitschnitt aus dem Eröffnungsgottesdienst Bürgerweide
Kirchentagsliederbuch Lied 119 Von weitem,
Text: Jan Janssen 2008, Musik: Andreas Lettau 2008
Mitschnitt aus dem Eröffnungsgottesdienst Bürgerweide
Phil Collins, Another Day in Paradise aus: Kuschel Rock 5

Die redaktionelle und inhaltliche Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Pfarrerin Petra Schulze, Senderbeauftragte für Deutschlandradio und Deutsche Welle für den Medienbeauftragten der Evangelischen Kirche in Deutschland.

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