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Interview / Archiv | Beitrag vom 27.08.2020

Mensch und TierWarum wir manche Tiere streicheln und andere essen

Marcel Sebastian im Gespräch mit Stephan Karkowsky

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Eine Katze steht in einem Stall vor einem Gitter, hinter dem eine Kuh zu sehen ist. (imago / Westend61)
Haus- oder Nutztier: Diese Unterscheidung hat der Mensch im Zuge der Industrialisierung getroffen, sagt Marcel Sebastian. (imago / Westend61)

Dass es einen so unterschiedlichen Umgang mit Tieren gibt, habe mit kultureller Prägung und mit Agrarinteressen zu tun, sagt der Soziologe Marcel Sebastian. Die Kategorien Nutz- und Haustier seien erst im Zuge der Industrialisierung entstanden.

Stephan Karkowsky: Selbst wenn wir Tiere töten, um sie zu essen, sollte das möglichst human geschehen, da sind sich, glaube ich, alle einig. Das Tierwohl soll stärker beachtet werden. Das wünscht sich auch Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner und lädt deshalb heute die Agrarminister der Länder zur Sonderkonferenz ein. Über die ambivalente Beziehung zwischen Mensch und Tier hat der Flensburger Soziologe Marcel Sebastian gerade promoviert. Herr Sebastian, wie lässt sich das erklären: Unterm Tisch streicheln wir Katze und Hund und auf dem Tisch verspeisen wir Huhn und Schwein.

Sebastian: Ja, das ist durchaus bemerkenswert. Prinzipiell kann man festhalten, wir differenzieren zwischen verschiedenen Kategorien von Tieren. Das ist ein spezifisches westliches Denkmodell und das ist historisch und kulturell eben auch variabel. Da gibt es durchaus auch andere Vorstellungswelten, aber wir unterscheiden vor allem zum Beispiel zwischen Haustieren und Nutztieren.

Damit gehen bestimmte Denkweisen, also kulturelle Ideen einher, die sich jetzt auch über längere Zeit eben sehr verfestigt haben, denen gemäß wir sagen, die einen sind dafür da, dass sie Fleischlieferanten sind, dass wir sie essen dürfen, die anderen sind dann die besten Freunde des Menschen und so weiter.

Aber das ist eben nichts, was biologischen Fakten entspricht oder notwendigerweise so sein muss, sondern es sind kulturelle Konstruktionen, das heißt, als Gesellschaft einigen wir uns auf die Bedeutung dieser Tiere und behandeln sie entsprechend auch. Das erscheint dann als legitim, aber das Ganze kann und ist eben auch umstritten und wandelbar.

Karkowsky: Weiß man denn, warum die Tiere ihre Rollen zugewiesen bekommen haben vom Menschen? Wir könnten ja genauso gut Katze und Hund essen und dafür Hühner und Schweine streicheln.

Industrialisierung führte zur Einteilung in Haus- und Nutztier

Sebastian: Es gibt eben auch Kulturen, in denen das passiert, auch in Deutschland ist das bis in die 80er-Jahre legal gewesen, da ist eben ein Wandel auch nachzuvollziehen.

Prinzipiell kann man eigentlich ganz grob gesagt sagen, seit der Industrialisierung differenzieren sich diese beiden Hauptkategorien Nutz- und Haustier, wie wir sie heute kennen, also das moderne Verständnis von Haustierhaltung zum Beispiel, mit dem 18., 19. Jahrhundert erst richtig aus. Bis dahin, also in einer agrarisch geprägten Gesellschaft, war es gar nicht unüblich, dass Menschen mit Hunden, Schweinen und Hühnern im Hof, auch im gleichen Haus im Winter gelebt haben.

Hühner in Freilandhaltung mit Auslauf auf einer Wiese. Im Hintergrund steht ein mobiles Hühnerhaus. (picture alliance / Bildagentur-online / Schreiter)Warum streicheln wir keine Hühner? Der Soziologe Sebastian hat dafür eine Erklärung. (picture alliance / Bildagentur-online / Schreiter)

Der Hund hatte da auch noch eine Funktion im landwirtschaftlichen Kontext viel mehr, war natürlich auch schon irgendwie privilegierter oft als das Schwein, aber hatte auch Hütefunktion, hatte Schutzfunktion.

Heute ist die Haltung von Hunden eigentlich primär motiviert aufgrund der sozialen Beziehungen, der emotionalen Beziehungen, die wir zu diesen Tieren haben, und das hat sich eben entwickelt, das hat sich intensiviert. Man spricht davon, dass diese Beziehung sich zunehmend personalisiert hat.

Gleichzeitig hat die Beziehung beispielsweise zu den sogenannten Nutztieren sich historisch intensiviert, indem sie sich objektifiziert hat, das heißt, diese Tiere wurden zunehmend durch die Industrialisierung der Schlachtung, durch die Entwicklung der Massentierhaltung – heute wäre es dann durch die gentechnische Kontrolle der tierlichen Körper – zunehmend objektifiziert, und das heißt, sozusagen, ist parallel in der Entwicklung auseinandergegangen. Dadurch erscheint uns auch diese Ambivalenz heute so viel stärker als früher.

Tiere sollen emotionale Nähe schaffen

Karkowsky: Sie sagen es, der Hund hatte früher auch mal eine Funktion in der Landwirtschaft als Bewacher natürlich, als Hütehund. Dadurch wurde er dann später zum besten Freund des Menschen, wir haben eine emotionale Bindung zu ihm. Aber welche Funktion hat die Katze?

Sebastian: Zumindest kann man nicht wie beim Hund davon ausgehen – wir teilen mit dem Hund eine, je nachdem, 40- bis 50.000 Jahre währende Kulturgeschichte. Katzen wurden deutlich später domestiziert. Bei Hunden ist es ja auch eine Art von Co-Domestikation gewesen, Katzen wurden deutlich stärker einseitig domestiziert.

Aber auch hier ist es so, eine Katze ist ein starker emotionaler Resonanzakteur. Das heißt, Menschen, die mit Katzen zusammenleben, haben das Gefühl, dass diese Katze auch emotionale Nähe zurückgibt. Sie schmust mit einem, die ist gebunden an einen, sie teilt das Schicksal des Lebens mit einem Menschen, und das ist letzten Endes ein Stück weit natürlich auch eine kulturelle Frage, welche Tiere sind, sag ich mal, in einer Gesellschaft.

Das könnte sicherlich genauso auch ein Kaninchen sein, wobei Kaninchen tatsächlich wesentlich sperriger sind, weil sie eben auch geschlachtet werden, weil sie sozusagen auch Bewohner mehrerer Welten sind, aber letzten Endes geht es bei dem, was wir als moderne Haustierhaltung sehen, ganz, ganz stark vor allem um diese soziale Komponente.

Damit will ich nicht sagen, dass nicht auch so was wie Prestigeausdruck, wenn ich einen teuren Hund habe oder das Verhätscheln meiner Katze mit irgendwie sehr teuren Halsbändern oder so etwas auch eine Rolle spielen kann, dass ich meinen Status ausdrücken will.

Aber die Hauptmotivation, das ist das, was sozusagen das spezifisch Moderne oder Westliche eben an der Haustierhaltung ausmacht, ist eben genau diese Interaktionsresonanz, dass da was zurückkommt, da jemand ist, mit dem ich sinnvoll emotional interagieren kann.

"Auch eine Kuh ist ein sehr soziales Wesen"

Karkowsky: Nun werden ja manche Menschen Vegetarier oder Veganer, sobald sie mehr lernen über das Leben und Sterben unserer vierbeinigen FreundInnen, über die Milchkuh zum Beispiel. Kühe sind sehr soziale Tiere, die sich in einer Herde rührend kümmern um ihre Kälber, in der Milchwirtschaft aber wird der Mutterkuh das Kalb weggenommen. Man weiß, glücklich sind die Kühe darüber nicht. Warum ist das vielen Menschen egal?

Sebastian: Das ist ein ganz wichtiger Punkt, weil das spricht das an, was ich vorhin gesagt habe, dass es sich um kulturelle Konstruktionen handelt und nicht um Abbilder biologischer Fakten, das heißt, Sie haben völlig recht, auch eine Kuh ist ein sehr soziales Wesen.

Eine Milchkuh auf Weide im Nationalpark Kalkalpen, Oberösterreich (imago images / imagebroker)Eine Milchkuh auf der Weide: Welche Fragen bei der Nutztierhaltung relevant sind, ändert sich gerade. (imago images / imagebroker)

Diese Indifferenz, diese Gleichgültigkeit, die ist eben natürlich einerseits dadurch begründet, dass Interessen bestehen oder bei vielen Menschen eben auch noch bestehen, diese Tiere zu nutzen, dass auch seitens der Agrarwirtschaft zum Beispiel natürlich auch Interesse besteht, bestimmte Vorstellungen von Mensch-Tier-Beziehungen eher zu verbreiten oder dafür zu werben, dass diese Tiere eben nutzbar sind und dass wir sie ja auch ohnehin gut halten, und deswegen gibt es diese ganzen Probleme eigentlich gar nicht.

Das heißt, da wird auch ein kollektives Bewusstsein quasi produziert, dass es so moralisch relevant nicht ist. Da intervenieren dann zunehmend jetzt Tierschutzbewegungen, politische Akteure, die das kritisch sehen, auch die Zivilgesellschaft, also gerade mit diesem Trend zum Veganen, Vegetarischen hin, sieht das zunehmend kritisch.

Das heißt, wir können einen kulturellen Wandel feststellen, der das infrage stellt. Das heißt, es konfligieren hier aktuell in einem sehr, sehr intensiven Maß Bilder, Vorstellungen, Positionen gegenüber auch vor allem Nutztieren.

Jetzt diese Konferenz, die heute stattfinden soll, und die ganzen politischen Regelungsvorschläge drücken das ja auch aus, dass die Politik merkt, da ist was ins Ungleichgewicht geraten, die Ideen der Bevölkerung spiegeln sich nicht mehr in den Gesetzen wider. Jetzt gibt es natürlich dann erst mal unterschiedliche Positionen, unterschiedliche Versuche, das in Einklang zu bringen, und da unterscheiden sich die Unionspositionen deutlich von, weiß ich nicht, denen der SPD oder auch denen der Grünen. Und das auszuringen, ist jetzt spannend zu beobachten.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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