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Feiertag - Kirchensendung / Archiv | Beitrag vom 01.05.2012

Mensch und Kostenfaktor

Gedanken zum Tag der Arbeit

Von Monsignore Stephan Wahl, Trier

Mitglieder eines Demonstrationszuges am 1. Mai 2010 in Essen (AP)
Mitglieder eines Demonstrationszuges am 1. Mai 2010 in Essen (AP)

Der Tag der Arbeit ist nicht nur ein Feiertag für Gewerkschaften. Schon das Evangelium weiß, dass der Mensch mehr ist als ein Kostenfaktor oder ein austauschbares Instrument kalter Profitmaximierung. Eine Meditation über die Würde der Arbeit und damit über die des Menschen.

Wenn Jesus deutlich werden wollte,
erzählte er Gleichnisse,
sprach er in Bildern.
Eine Geschichte erzählt
von einem Gutsbesitzer,
der Arbeiter für seinen Weinberg sucht.
Er findet welche und stellt sie an.
Das Ganze passiert noch zweimal,
selbst am späten Nachmittag
bekommen noch einige übrig Gebliebene
etwas zu tun.
Abends gibt’s dann den Lohn.
Mit einer dicken Überraschung.
Der Evangelist Matthäus erzählt
uns diese Geschichte so:

"Und Jesus sprach:
Denn mit dem Himmelreich
ist es wie mit einem Gutsbesitzer,
der früh am Morgen sein Haus verließ,
um Arbeiter für seinen Weinberg anzuwerben.
Er einigte sich mit den Arbeitern
auf einen Denar für den Tag
und schickte sie in seinen Weinberg.
Um die dritte Stunde ging er wieder auf den Markt
und sah andere dastehen,
die keine Arbeit hatten.
Er sagte zu ihnen:
Geht auch ihr in meinen Weinberg!
Ich werde euch geben, was Recht ist.
Und sie gingen.
Um die sechste und um die neunte Stunde
ging der Gutsherr wieder auf den Markt
und machte es ebenso.
Als er um die elfte Stunde noch einmal hinging,
traf er wieder einige, die dort herumstanden.
Er sagte zu ihnen:
Was steht ihr hier den ganzen Tag untätig herum?
Sie antworteten:
Niemand hat uns angeworben.
Da sagte er zu ihnen:
Geht auch ihr in meinen Weinberg!
Als es nun Abend geworden war,
sagte der Besitzer des Weinbergs
zu seinem Verwalter:
Ruf die Arbeiter, und zahl ihnen den Lohn aus,
angefangen bei den letzten,
bis hin zu den ersten.
Da kamen die Männer,
die er um die elfte Stunde angeworben hatte,
und jeder erhielt einen Denar.
Als dann die ersten an der Reihe waren,
glaubten sie, mehr zu bekommen.
Aber auch sie erhielten nur einen Denar.
Da begannen sie,
über den Gutsherrn zu murren,
und sagten:
Diese letzten haben nur eine Stunde gearbeitet,
und du hast sie uns gleichgestellt;
wir aber haben den ganzen Tag
über die Last der Arbeit und die Hitze ertragen.
Da erwiderte er einem von ihnen:
Mein Freund, dir geschieht kein Unrecht.
Hast du nicht einen Denar mit mir vereinbart?
Nimm dein Geld und geh!
Ich will dem letzten ebenso viel geben wie dir.
Darf ich mit dem, was mir gehört,
nicht tun, was ich will?
Oder bist du neidisch,
weil ich zu anderen gütig bin?
So werden die Letzten die Ersten sein
und die Ersten die Letzten."


Das verwirrt mit Blick auf die
Regeln unserer modernen Gesellschaft.
Denn egal wie viele Stunden
die Einzelnen gearbeitet haben:
Alle kriegen exakt den gleichen Lohn.

Mit den Regeln von Leistung
und Gegenleistung
ist das nicht zu erklären.
Aber gerade darauf
kommt es Jesus eben an.
Diese kühle Gesetzmäßigkeit
will er durchbrechen.
Er hat die Würde und Not
aller Beteiligten im Blick.

Wer das tägliche Anwerben
von Tagelöhnern im Nahen Osten
einmal beobachtet hat,
wie es heute noch geschieht,
wird Jesus vielleicht besser verstehen.

Früh morgens stehen sie an der Straße,
zum Beispiel in der Nähe
des Damaskustores in Ostjerusalem,
und: warten.
Natürlich werden als Erste
die Besten und Kräftigsten genommen.
Übrig bleiben die Älteren und Schwächeren,
die auch Familie haben
und genauso auf den Job angewiesen sind.
Oft genug bleibt für sie nichts zu tun.

Daran hat sich seit Jahrtausenden nichts geändert.
Das war wohl zur Zeit Jesu genauso,
und auf dem Hintergrund muss
man diese Erzählung aus dem Evangelium verstehen.

Wenn Jesus also allen das Gleiche zubilligt,
dann schwächt er nicht die Starken,
sondern stützt die Schwachen.
Ein Hinweis auf Solidarität
und gegenseitige Verpflichtung.
Auch wenn dies auf den ersten Blick
die ganze Ordnung durcheinander bringt.

Solche Erzählungen mag
man heute im Millionen-Arbeitslosen-Zeitalter
milde belächeln. Zugegeben:
das Evangelium ist keine konkrete Handlungsanweisung,
kein Rezept für Unternehmerinnen und Unternehmer.
Aber ein deutlicher Appell an ihre soziale Verantwortung.
Immer höhere Kapitalrenditen,
immer höhere Gewinne
in einer global-pubertären Muskelschau,
das kann und darf nicht erstes Ziel
verantwortungsbewusster Unternehmer sein.
Und ist es auch nicht.

Mag sein, dass das Diktat der Wirtschaftlichkeit
eine eigene Logik mit sich bringt,
nur muss man sich ihr immer beugen?
Unternehmer, die sich bemühen,
aus anderen Werten zu leben,

die mit ihrem Kapital fair
und zukunftsorientiert umgehen,
die sich vor allem
ihrer Mitarbeiterschaft verpflichtet fühlen:
die gibt es weiß Gott und Gott sei Dank auch.
Manche vom Motiv her
durchschaubare Kapitalismuskritik
der letzten Zeit wird ihnen
jedenfalls nicht gerecht.

Wirtschaft muss vor allem
Menschen ermöglichen,
ihr Leben durch eigene Arbeit
in Freiheit und Würde zu gestalten.
Dafür steht die katholische Soziallehre.
Wir brauchen noch mehr
Männer und Frauen an der Spitze von Unternehmen,
für die das keine Worthülsen sind,
sondern Maßstab und Herausforderung.

Vor einigen Jahren stand
auf den Plakaten des DGB
zum 1. Mai die Aufforderung zu lesen:
"Du bist mehr.
Mehr als eine Nummer.
Mehr als ein Kostenfaktor.
Du hast Würde.
Zeig sie!"

Im Gleichnis von der Arbeit im Weinberg
hat Jesus schon genau von dieser Würde gesprochen,
hat alle, die nach seinem Wort leben,
in die Pflicht genommen zu tun,
was möglich ist.
Der erste Schritt dazu ist Solidarität:
sich hellwach verbunden wissen
mit allen Menschen,
in welcher Situation sie auch sein mögen.

"Ich bin nur ein einfacher Arbeiter
im Weinberg des Herrn",
hat Papst Benedikt XVI. nach seiner Wahl
den Menschen zugerufen.
Eine höfliche Geste der Bescheidenheit,
gewiss, aber auch ein Zeichen der Verbundenheit
mit allen Arbeiterinnen und Arbeitern
in den so verschiedenen,
schönen und mühsamen,
gesicherten und gefährdeten
Weinbergen der Welt.
Ja das stimmt für Benedikt den XVI.

Das erste und viel kräftigere
Zeichen dieser Verbundenheit
- und das sollte für immer gelten -
stammt aber von Gott selbst.

Gott wurde Mensch,
nicht abstrakt,
nicht nur gedacht,
sondern mehr als konkret.

Nicht in einem Palast,
nicht in einer schicken Eigentumswohnung
- er hätte ja auch locker 2000 Jahre warten können -
sondern in einer ganz normalen Arbeiterfamilie.
Die man so schnell und fromm
die "Heilige Familie" nannte,
ohne zu wissen was man damit tat.
Der Dichter und Priester Wilhelm Bruners
hilft uns zu verstehen:

"heilige familie

die mutter
der vater
das kind
die heile
familie

vergiss
was du
über sie
gehört hast

denn sie
war eine
ganz und gar
normale familie

wenn du
etwas über
sie wissen
willst
informiere
dich nicht
bei denen
die nicht
zulassen
dass sie eine
ganz und gar
normale familie
war

wenn du etwas über
sie wissen
willst
schau in die
eigene familie
und denke nach
über das
was du dort erlebst

verstehen
enttäuschung
zuneigung
ablehnung
trennung
umarmung

zorn
liebe

vergleiche
dich ruhig
mit ihr
und halte
dich nicht
für schlechter

vergiss was du
über sie
gehört hast

sie war
eine ganz und gar
normale
familie

deshalb
halte sie
heilig"


Das stimmt nicht
und stimmt doch.
Natürlich wird diese Familie
immer unvergleichbar bleiben
– bei dieser Zusammensetzung!
Aber sie lebten als eine
ganz normale Familie.
Nicht abgehoben,
sondern mittendrin.

Mit alltäglichen Problemen,
mit Erkältung und Kopfschmerzen,
mit Diskussionen über das Essen,
mit Auftragsschwierigkeiten im Handwerksbetrieb von Vater Josef,
mit Geldproblemen,
mit frohen Familienfeiern und Trauermomenten.
Sicher gab es auch Beerdigungen
und Schicksalsschläge im Familienclan
des Josef von Nazareth.
Jesus erlebt Familie,
so wie andere Menschen auch.

Über die meisten Details schweigt
das Neue Testament,
wir wissen nicht wie der Alltag
genau aussah,
aber er wird sich kaum von anderen unterschieden haben.
Wie oft wird der junge Jesus mit
dem Vater unterwegs gewesen sein,
zu Aufträgen außerhalb des Dorfes.
Wer weiß an welchen Häusern und Bauwerken
er mitgearbeitet hat.
Vielleicht am Bau des Theaters von Sepphoris,
dem damaligen Zentrum von Galiläa,
unweit von Nazareth.
Manche vermuten dies.
Kann gut möglich sein.
Zeitlich würde es passen.
Eigenartige Vorstellung,
wenn man jetzt vor noch erhaltenen Mauern steht
und sich vorstellt,
dieser Stein oder jener könnte ….

Wie auch immer.
Jedenfalls haben sie alles erlebt.
Drei Jahrzehnte lang.
Eine jüdische Arbeiterfamilie.

Wie schreibt Wilhelm Bruners:

"sie war
eine ganz und gar
normale
familie

deshalb
halte sie
heilig"

Josef, der Adoptivvater,
der mit Maria
Jesu Kindheitsprobleme
meistern musste,
neben seiner Arbeit …
Ein stiller Heiliger,
aber ein kraftvoller!

Für Josef, den Arbeiter,
mussten selbst Apostel weichen.
Papst Pius XII war es,
der 1955 den 1. Mai
als Tag des "Heiligen Josef des Arbeiters" einführte.
Bis dahin wurde das Apostelfest Phillipus und Jakobus
traditionell am ersten Maitag gefeiert.
Jetzt wurde es verschoben.

St. Josef der Arbeiter,
dieser neue Gedenktag
war die Antwort des Papstes auf
die damals neue soziale Bewegung.
Weltweit wurde und wird
der 1. Mai als Tag der Arbeit begangen.
Josef von Nazareth passte da gut.
Weniger als Bräutigam Mariens,
weniger als Ziehvater Jesu,
mehr als traditioneller Patron der Arbeiter,
insbesondere der Zimmerleute.

"Wohl dem Mann, der den Herrn fürchtet und ehrt
und der auf seinen Wegen geht!
Was deine Hände erwarben, kannst du genießen;
wohl dir, es wird dir gut ergehen",
mit diesem Eröffnungsvers aus Psalm 128
beginnt jetzt jede Messe zum 1. Mai.

Josef war ein "tekton" (Mt 13,55),
aus dem Griechischen übersetzt
heißt das: "Bauhandwerker",
oder "Baumeister".
Meint: Josef wusste wie man Häuser baute,
war also ausgebildet in der Bearbeitung
von Holz und Steinen.
Eine Art Allroundhandwerker.
Ein Mann der Praxis.
Und das in einem damals ziemlich
unbedeutenden, kleinen Nest:
Nazareth in Galiläa.

Josef, ein Zaddik,
ein Gerechter.
Ein frommer Jude.
Nicht aufdringlich,
kein Prediger.
Jemand der in seinem einfachen Tun
versuchte auch seinen Glauben zu leben.
Ohne viele Worte,
im glaubwürdigen Tun.
Mit einer unaufgeregten Frömmigkeit,
die Rainer Maria Rilke
viele Jahrhunderte später
einmal so beschreiben sollte:

"Es gibt im Grunde nur Gebete,
so sind die Hände uns geweiht,
dass sie nichts schufen, was nicht flehte;
ob einer malte oder mähte,
schon aus dem Ringen der Geräte
entfaltete sich Frömmigkeit."


In diesem Sinne
wünsche ich allen
Gottes Rückenwind und Segen
für alles Kommende.
Damit so die Kraft erwächst
hellwach zu bleiben
für alles, was neben uns geschieht.

Um damit den Mund aufzumachen,
wenn es darauf ankommt,
wenn es auf uns ankommt.

Wenn es auf mich ankommt.
Musik dieser Sendung
- CD: "Furious Angels", K.+ Int. Rob Dougan, Label BMG
- CD: "Massive attack Mezzanine", K: Del Naja/Marshall/Vowels/Hinds/Hilliard/Garson, Int.: Massive Attack, Label: WBRCD4

Die redaktionelle und inhaltliche Verantwortung für diesen Beitrag hat der katholische Senderbeauftragte für Deutschlandradio Kultur, Pfarrer Lutz Nehk.

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