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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 22.02.2010

Menage a trois im Schatten der Finanzkrise

Kristof Magnusson: "Das war ich nicht", Verlag Antje Kunstmann, München 2010, 285 Seiten

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Blick aufs Parkett der New Yorker Börse (AP)
Blick aufs Parkett der New Yorker Börse (AP)

Dieser Roman ist schnell, komisch und leichtsinnig, er tanzt in die unwahrscheinlichsten Konstellationen hinein und überzeugt auch dort mit seinem behänden Charme. Drei Figuren bringt Kristof Magnusson zusammen, einen jungen deutschen Börsenhändler, einen alternden amerikanischen Literaturstar und seine abgebrannte Hamburger Übersetzerin.

Jasper Lüdemann, der Junge aus einem Nest bei Bochum, ist Junior Trader bei einer Bank in Chicago, ein Arbeitstier, das sich von der Vierzigerpackung Snickers in seiner Schublade ernährt und jeden Tag 14 Stunden schuftet.

Henry LaMarck, Bestsellerautor, Pulitzer-Preisträger, hat das Arbeiten so gut wie hinter sich. Er hat zwar den großen Roman über die USA nach dem 11. September angekündigt, aber noch keine Zeile dazu geschrieben. Als sein Verlag eine Überraschungsparty zum 60. Geburtstag Henrys anzettelt, taucht der empfindliche Star in einem Nobelhotel unter.

Seine deutsche Übersetzerin Meike Urbanski steht auf dem Schlauch, weil ihr Autor LaMarck sein neues Buch nicht liefert, ihre einzige Chance, um ihre Schulden los zu werden.

Chicago ist der Ort, an dem die drei zusammenkommen. Meike fliegt dorthin in der verzweifelten Hoffung, ihrem Autor seinen lange überfälligen Roman abfordern zu können. Henry LaMarck entdeckt das Foto eines verzweifelten Jungbankers in der Zeitung, ein Foto von Jasper, das ihm die dringend herbeigesehnte Inspiration für den großen Roman zu bringen scheint. Er sucht nun Jasper wegen der Inspiration, Meike sucht Henry wegen seines Romans, Jasper sucht alsbald auch Meike, weil er sich bei ihrer ersten Zufallsbegegnung in sie verknallt hat. So kommt ein boulevardesker Reigen in Gange, den Kristof Magnusson genüsslich bis in die albernsten Zuspitzungen treibt.

Diese ganze Dreierkomödie findet auf einem schwankenden Boden statt, vor dem Hintergrund der aufziehenden Finanzkrise. Schon Meike wundert sich, dass sie für ihr Häuschen bei Hamburg einen Kredit bekommt, ohne dass irgendjemand nach ihrer Zahlungsfähigkeit fragt.

In viel größerem Maßstab taucht dieses Phänomen bei Jasper auf dem Börsenparkett wieder auf. Er handelt mit Derivaten, die auf die Wertentwicklung von instabilen Immobilienfonds spekulieren. Eine Kleinigkeit bringt das ganze System ins Rutschen, Jasper will einen Fehler vertuschen und wettet dabei mit dem Geld seiner Bank auf den falschen Trend. Die Bank ist nach kurzer Zeit pleite und Jasper auf der Flucht.

Reale Vorbilder schillern durch Jaspers Geschichte hindurch, die beiden jungen Börsenhändler Nick Leeson und Jérôme Kerviel, die für den Ruin der Londoner Barings Bank und der französischen Société Générale gesorgt haben. Die große Krise ist noch nicht da in diesem Roman, aber das ist nur ein Zufall. Magnusson zeigt ganz nebenbei die Konstruktionsfehler der modernen Spekulationssysteme, die zu immer neuen Zusammenbrüchen führen können.

Bei der Charakterisierung seines Personals greift der Autor etwas großzügig in die Klischeekiste, wenn er den Karrierismus von Jasper oder das Hamburger Bio-Spießer-Milieu beschreibt. Aber das sind lässliche Schwächen in einem Buch, das so unangestrengt, spannend und intelligent von der Unsicherheit des Kapitalismus erzählt.

Besprochen von Frank Meyer

Kristof Magnusson: Das war ich nicht
Verlag Antje Kunstmann, München 2010
285 Seiten, 19,90 EUR

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