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Das Blaue Sofa | Beitrag vom 14.10.2020

Mely Kiyak über "Frausein"Wie funktioniert die Frauwerdung?

Moderation: René Aguigah

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Mely Kiyak steht in einem Feld und schaut freundlich in die Kamera (Jacqueline Illemann)
Mely Kiyak, geboren 1976, lebt in Berlin. Sie veröffentlichte mehrere Bücher und Essays, Theaterstücke und andere Texte. (Jacqueline Illemann)

Literatur, Sex und Widerstand: In "Frausein" will Mely Kiyak erkunden, was es bedeutet, in dieser Gesellschaft eine Frau zu sein. Dem westlichen Kontext und Diskurs stellt sie "das sinnliche Erzählen über Sexualität, Lust und Begehren" entgegen.

Mely Kiyaks Buch "Frausein" ist kein Beitrag zum aktuellen Genderdiskurs. Es ist eine individuelle Expedition in das seelische Gebiet ihres persönlichen Frauseins. Kiyak stellt ihren Werdegang als Tochter von Gastarbeitern und als Bildungsaufsteigerin nicht in den Dienst einer soziologischen Studie oder feministischer Theoreme. Mely Kiyak sagt über ihr Buch:

"Mein Interesse an diesem Text war eigentlich zu erfahren, was es bedeutet, eine Frau zu sein. Ab wo und wann man das markiert – ist es der Teil schon von Geburt und Herkunft und Erziehung? Oder ist man eigentlich eine Frau von Pubertät bis Erwachsenenalter? Wie funktioniert diese Frauwerdung?"

Der Text handle von Literatur, Sex und Widerstand. "Frausein" sei ein sehr sexuelles und körperliches Buch: "Ich wollte mich nicht verstecken. Ich wollte alle Aspekte schildern."

Eine zentrale Frage sei für sie gewesen: "Wie und unter welchen Bedingungen kann man eine schreibende Frau werden und sich emanzipieren gegen das Bestehende?"

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Der Erzählanlass war für Mely Kiyak eine schwerwiegende Erkrankung, "die es mir nicht mehr ermöglichte zu schauen, gucken zu können. Das ist sehr interessant, wenn Sie sich nicht mehr sehen, dann verlieren Sie alle Koordinaten, und irgendwann verlieren die Kategorien Mensch, Frau, Mann total die Bedeutung. Sie schweben wie im Nirgendwo und können nicht einmal mehr Ihren Körper erfassen. Das war die Frage: Wer bin ich eigentlich, bin ich überhaupt eine Frau und was ist eigentlich das Frausein?"

Eine wollüstige Kultur

Dazu gehört für sie unbedingt die Sexualität. Im westlichen Kontext sei darüber im Biologieunterricht geredet worden, und man habe etwas "aus Pornomagazinen oder irgendwo" gelernt. Dem wollte Mely Kiyak das sinnliche Erzählen über Sexualität, Lust und Begehren einer anderen Kultur entgegenstellen:

"Ich komme aus einer sehr wollüstigen Kultur, die aber keine Praxis darin hat, das öffentlich zu machen. Man stellt es nicht zur Schau. Es wird im Privaten praktiziert, aber dafür auch um so fantasievoller ausgekleidet. Ich habe versucht, dafür Beispiele zu liefern, wie 13-jährige Cousinen in einem kurdischen Bergdorf über Sexualität sprechen und sexuelle Praktiken auch benennen – und welche Vergleiche sie dafür finden."

Jenseits politischer Diskurse

Um nachzuvollziehen, was es bedeutet, eine Frau zu sein, habe sie versucht, Stationen des eigenen Lebens zu erzählen. Es ging ihr darum, über das Frausein anders zu sprechen als in politisch-feministischen Diskursen: "Das ist eine Art zu erzählen, wie man wird, was man ist – oder wie man gerne sein möchte, was man anstrebt. Möglicherweise sprechen wir hier gar nicht über Istzustände."

Mely Kiyak versuchte, beim Schreiben alles zu vergessen, was jemals über die Begriffe Frausein, Mannsein, Körperlichkeit – all das, was Menschsein und Frausein ausmacht – gesagt wurde, und lieber in ihrer eigenen Sprache zu erzählen. Dabei tauge Erinnerung niemals als "Wahrheit". Erinnerung sei immer lückenhaft; genauso lückenhaft sei auch dieser Text. "Das Buch ist keine Autobiografie, es handelt nicht von meinem Leben, sondern von einem ganz bestimmten Aspekt – was es bedeutet, in dieser Gesellschaft eine Frau zu sein."

(cre)

Mely Kiyak: "Frausein"
Hanser Verlag, München 2020
128 Seiten, 18 Euro

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