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Tonart | Beitrag vom 26.10.2020

Melody Gardot: "Sunset in the Blue"Weit genug weg von der Kitschgrenze

Von Matthias Wegner

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Melody Gardot sitzt mit dunkler Sonnenbrille vor einem alten Klavier. (imago/Hans Lucas/David Himbert)
Kann große Themen in einer Zeile verdichten: Melody Gardot beim Montreal International Jazz Festival in Kanada. (imago/Hans Lucas/David Himbert)

Musikalisch ist sie nicht wirklich festzunageln: Auch das neue, hinreißende Album von Melody Gardot bietet wieder einen breiten Stilmix mit einer gehörigen Portion Jazz. Während sie zuletzt auch politisch unterwegs war, singt sie nun über die Liebe.

Die US-amerikanische Sängerin Melody Gardot bewegt sich seit ihrem Debüt-Album "Worrisome Heart" von 2008 stilsicher durch viele musikalischen Genres und hat damit großen Erfolg. Nach wie vor begibt sie sich gerne in die Nähe des Jazz. Sie gastiert in normalen Zeiten auf großen Jazz-Festivals – und hat mit jedem ihrer bisherigen fünf Alben die internationalen Jazzcharts erstürmt. Am vergangenen Freitag hat sie nun ihr neues Werk vorgelegt: "Sunset in the Blue".

Verletzlichkeit und Lebensfreude

Melody Gardot ist ein Unikat und kaum greifbar. Eine Sängerin, die sich einerseits nicht leicht durchschauen lässt, aber zugleich eine große Offenheit, Transparenz und Verbindlichkeit verströmt. Eine Künstlerin, die für sympathischen Wohlklang sorgt, sich aber immer instinktiv weit genug weg von der Kitschgrenze bewegt. Ihre Stimme drückt Verletzlichkeit und Lebensfreude, Weisheit und Unbekümmertheit aus – all das verdichtet oft in einem einzigen Song, in einer einzigen Liedzeile.

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"Ein Album markiert ja nur eine Momentaufnahme und beschreibt, an welcher Stelle sich ein Musiker gerade befindet", so Gardot. "Ich selbst fühle mich nicht begrenzt oder empfinde auch nicht, dass ich irgendjemandem etwas beweisen muss. Dieses Album ist aber ein Spiegelbild dessen, was mich gerade beschäftigt. Das Album davor, "Currency of Man", hatte auch eine politische Aussage. Doch diesmal geht es wieder sehr stark um die Liebe und um die Romantik. Und wie kann ich Romantik ausdrücken? Zum Beispiel mit Arrangements von Vince Mendoza, die etwas Weiches, Samtenes und Feminines haben. Genau das passte gut zu meiner Energie dieser Zeit."

Orchester aus arbeitslosen Musikerinnen und Musikern

Melody Gardot hat auf diesem neuen Album viel mitzuteilen in Sachen Liebe. Wie sie sich diesem ewigen Thema nähert, ohne dabei banal, redundant oder manieriert zu klingen – das bleibt ihr großes Geheimnis. Liebe – so sagt sie – das seien auf gar keinen Fall nur die großen Momente:

"Liebe kann ein kleines Lächeln zu einem Fremden sein, der möglicherweise einen schlechten Tag hatte. Auch das hat mit Liebe zu tun. Es ist eine strahlende Energie, die wir alle erzeugen können – und die Großzügigkeit damit hängt natürlich immer davon, wie wir uns gerade fühlen. Das sollte etwas Grundlegendes sein in unserer Zeit. Aber selbst wenn man einem Freund, der gerade eine schwere Zeit durchmacht, die Hand auf die Schulter legen möchte, ist das zurzeit oft nicht möglich."

Corona hat auch auf diesem opulenten neuen Werk von Melody Gardot Spuren hinterlassen. Als die Produktion fast fertig war, kam der Lockdown. Über die sozialen Netzwerke suchte die US-amerikanische Sängerin arbeitslos gewordene Musikerinnen und Musiker in der ganzen Welt, um virtuell ein ganzes Orchester zusammenzustellen – das "Global Digital Orchestra", das sie im Song "From Paris with Love" verewigt hat.

Vince Mendoza hat auch für dieses Stück das Arrangement geschrieben. Und alle – weit über 50 Beteiligten an diesem imaginären, digitalen Orchester – werden namentlich im Booklet genannt. Eine feine Geste von Melody Gardot. 

Ein Duett mit Sting

Des Weiteren ist es zauberhaft, wie sie zum Beispiel den alten Standard "You won’t forget me" zum Leuchten bringt. Bemerkenswert, wie leichthändig sie brasilianische Musik singt und interpretiert. Und wie selbstverständlich und unaufgeregt ihr Duett mit Sting geraten ist, mit dem dieses hinreißende Album dann auch endet:

"Oft scheinen die erfolgreichsten und meist bewunderten Künstler fast immer unglaublich bescheiden, anmutig und freundlich zu sein. Und so war es auch mit Sting. Wir saßen zusammen, nahmen die Musik auf. Dann sagten wir Goodbye. Ein ganz normaler Prozess."

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