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Lange Nacht | Beitrag vom 24.04.2021

Melodramen von Douglas SirkTränen im Kino

Von Martina Müller

Porträt von Douglas Sirk mit Sonnenbrille. (imago / AF Archive / Mary Evans)
Seine Kritiker nannten seine Melodramen kitschige Schnulzen: "Man hätte mich in Hollywood auch kaum revolutionäre Filme machen lassen", befand Douglas Sirk selbst. (imago / AF Archive / Mary Evans)

Von allen Filmgenres ist das Melodram der größte Tränentreiber, von allen Regisseuren des Genres ist Douglas Sirk der Meister. Seine Filme, die Rainer Werner Fassbinder und Pedro Almodóvar prägten, haben bis heute nichts von ihrer Kraft verloren.

In Hamburg ist er 1897 als Detlef Sierck auf die Welt gekommen, in Hollywood hat er als Douglas Sirk die großen Gefühle herausgefordert. Und woran die Welt krankt, das ist bei Douglas Sirk nicht weniger evident als bei Shakespeare.

Von Hamburg nach Hollywood

"Als ich in Hollywood eintraf, begegnete ich einer verwunderlich abgeschlossenen autokratischen Welt, einem veralteten, dennoch selbstsicheren Kapitalismus", erinnerte sich Douglas Sirk. "Die Gründer der Studios waren noch immer die Eigentümer. Nur das Boxoffice zählte. Der blinde Gehorsam vor den großen Moguln des Films. Die am Fließband entstandenen Fantasien: vom Frontoffice und Verleih, über den Produzenten, den Drehbuchautor (der übrigens das am meisten misshandelte Glied in der Kette war, und dennoch im Stillen der Ehrlichste), bis zum Budgetoffice etc. und endlich zum Regisseur – der mehr oder minder heimlich mit dem Drehbuchautor im Bunde zu sein versuchte."

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Über 1500 Filmschaffende waren aus Nazideutschland geflohen. Viele suchten Arbeit in Hollywood. Als der Exodus aus der deutschen Filmindustrie begann, war Detlef Sierck noch am Theater, hatte seit 1922 an den Bühnen in Hamburg, Chemnitz und Bremen Klassisches und Zeitgenössisches inszeniert – bis zu 20 Premieren pro Spielzeit, darunter die "Dreigroschenoper" von Brecht und Weill.

1929 wird er Schauspieldirektor in Leipzig. Seine Inszenierungen, insbesondere Uraufführungen politisch brisanter Stücke, werden ab Februar 1933 von den Nazis attackiert. Sierck geht nach Berlin, inszeniert an der Volksbühne Shakespeares "Was ihr wollt".

Douglas Sirk: "Das Angebot überraschte mich, denn der Leiter der Berliner Volksbühne war ein hohes Tier bei der SS. Ich weiß noch, wie er zu mir sagte: ‚Ich weiß, dass Sie mit einer Jüdin verheiratet sind, aber meine Stellung erlaubt mir, darüber hinwegzusehen. Ich kann nämlich bestimmen, wer Jude ist und wer nicht.‘ Ich war nicht wirklich erpicht darauf, das Stück aufzuführen, schließlich hatte ich es schon zweimal inszeniert. Aber ich dachte mir: Das ist wenigstens eine Chance, etwas in Berlin zu machen."

Vom Theater zum Film

Die besten Filmregisseure waren der Ufa davongelaufen. Um Ersatz zu finden, werden die Theater durchforstet. Und Detlef Sierck will zum Film, verspricht sich bei der Ufa weniger Repressalien. Ab 1934 dreht er seine ersten Filme. Der Ufa fehlten nicht nur gute Regisseure, das deutsche Kino hatte keine großen Stars. Das sollte sich mit einer schwedischen Sängerin ändern. Sie hieß Sara und bekam den Namen: Zarah, Zarah Leander. Ihr erster Film in Nazideutschland: "Zu neuen Ufern". Spielleitung: Detlef Sierck.

Szene aus dem Film „La Habanera” von Douglas Sirk mit u.a. Zarah Leander und Karl Martell. (imago / United Archives)"La Habanera", Regie: Douglas Sirk, Darsteller: Zarah Leander, Karl Martell (imago / United Archives)

Die Ufa hatte einen neuen Star, sofort geht der nächste Film mit Zarah Leander in die Produktion: "La Habanera". Dass die Dreharbeiten für diesen Film auf Teneriffa stattfanden, war ein Glücksfall. Für Aufnahmen im Ausland musste dem Regisseur der Pass zurückgegeben werden, den man ihm abgenommen hatte. Detlef Sierck hatte sich längst zur Emigration entschlossen, konnte aber ohne Papiere das Land nicht verlassen. Im Dezember 1937, kurz nach der Premiere von "La Habanera" im Gloria-Palast in Berlin, saß er mit seiner Frau, der jüdischen Schauspielerin Hilde Jary, im Zug.

Der Goldjunge der Ufa hatte sich davon gemacht. Eine Odyssee über Wien, Rom, Zürich und Paris, verfolgt von den Managern der Ufa, die Detlef Sierck unter keinen Umständen als Regisseur verlieren wollten. Ein Produktionsleiter der Ufa spürt ihn in Paris auf mit einem Brief von Goebbels: Der Führer wünsche seine Rückkehr ins Reich. Sierck solle sich auf der Stelle von seiner jüdischen Frau scheiden lassen. Es folgen juristische Drohungen, die Ufa lässt nicht locker.

Über die Niederlande, wo Detlef Sierck noch einen Film drehen kann, verschwindet er 1939 mit dem Schiff in die USA. Jack Warner, Boss des Hollywoodstudios Warner Brothers, hatte ihm einen Jahresvertrag angeboten. "Zu neuen Ufern" war erfolgreich in New York gelaufen, nun sollte in Hollywood ein Remake gedreht werden. Daraus wird nichts.

Schwieriger Start

Detelf Sierck ist 42. Ein neues Leben, eine neue Sprache, eine neue Identität. Er macht sich drei Jahre jünger, gibt sich als Däne aus mit neuem Namen: Aus Detlef wird Douglas, Douglas Sirk. Mit seiner Frau betreibt er eine Hühnerfarm und schreibt Drehbücher. Bei unabhängigen Produktionsfirmen kann er Filme mit kleinem Budget machen. Zugleich versucht er an Stoffe und Budgets für Filme zu kommen, die nicht in der Bedeutungslosigkeit verschwinden.

Ende 1950 schließt er bei Universal einen Siebenjahresvertrag ab. Sirk wird eine Art Hausregisseur mit drei Filmen pro Jahr. Bis 1958 dreht er zweiundzwanzig Filme, und in diesem Produktionsmarathon entstehen seine besten Melodramen.

Douglas Sirk: "Die Studioleute, wie immer sie waren, das waren ja grässliche Diktatoren, eigentlich große Schafsköpfe, aber sie wussten genau, ob jemand sein Handwerk kannte. Und ich war eigentlich sofort bekannt als ein sehr guter Handwerker. Ich wurde auch bei Universal zu einer Art von Doktor, dass ich so mitunter Filme doktern musste. Nun, das Schwierige für einen Europäer war natürlich Stars zu bekommen. Denn der Star in Amerika hatte doch eine andere Funktion noch als in Europa, er war eigentlich das Beherrschende für den Film. Es musste jemand sein, der für das Publikum ein Begriff, ein Gedanke geworden war."

Und das war Barbara Stanwyck, Hollywoodstar seit den Dreißigerjahren.

In "All I Desire" – "All meine Sehnsucht" – von 1953 spielt Barbara Stanwyck eine Schauspielerin, die ihre Familie in dem Glauben hält, sie sei ein gefeierter Bühnenstar, spiele Shakespeare auf Tournee in Europa. Tatsächlich ist sie als Show Girl in einem Vaudeville Theater im amerikanischen Westen gelandet.

Arbeit mit einer Charakterschauspielerin

Douglas Sirk: "Barbara Stanwyck war ein großes Investment für das Studio. Man musste höchst vorsichtig mit ihr umgehen, damit sie nicht einen Misserfolg hatte. Dazu war sie zu teuer und auch zu gut. Ich habe vorzüglich mit ihr gearbeitet, habe sie auch persönlich besonders gern gemocht.

Sie war nicht der hübsche, lächelnde Hollywoodtyp, sondern mehr der Typ einer Charakterspielerin. Es gibt nichts, überhaupt nichts Falsches bei ihr, nicht im Geringsten. Dazu ist sie gar nicht fähig. Sie versteht jeden Moment, begreift jede Nuance, ohne dabei auf die Pauke zu hauen. Und im selben Moment hat sie diese erstaunlich tragische Ruhe. Diese Stille ist immer da, diese tiefe Melancholie in ihrer Gegenwart. ‚All I Desire‘ ist vor allem wegen ihr gelungen."

1955 erschien "All That Heaven Allows" – "Was der Himmel erlaubt" – mit Jane Wyman und Rock Hudson.

Proben mit Rock Hudson

Douglas Sirk: "Den Studioleuten gefiel der Titel, sie glaubten, er solle bedeuten, man könne alles bekommen, was man sich wünscht. Ich meinte ihn genau umgekehrt. Was mich betrifft, ist der Himmel nämlich ziemlich geizig... Rock Hudson war die größte Property, die ich für Universal kreiert hatte. Er war ein eher schüchterner Mensch, ein zurückhaltender, sehr lernbegieriger junger Mann, einer, den ich mit nach Hause nehmen konnte, um mit ihm dort zu proben. Er brauchte sehr viele Proben, sehr viel Arbeit, er wuchs langsam.

Aber ich glaube, das kann man im Film mit ‚schauspielerisch unbegabten’ Menschen machen. Fast ist es manchmal besser, wenn ein Darsteller nicht allzu viel schauspielerisches Talent hat. Das muss sonst zum Teil erst ausgeräumt und umgelenkt werden. Ich glaube, Rock Hudson ist ein Star geworden, weil ich nicht versucht habe, ihn zu etwas zu zwingen, was er nicht konnte."

Gesellschaftskritik als Melodram

Douglas Sirk: "Die Gesellschaft und ihre Menschen, die ich in diesen Filmen der Fünfzigerjahre fotografiert habe, sind nicht reif für eine Revolution, sind es auch heute noch nicht. Amerika ist ein Kontinent, auf dem es viel Platz gibt, wo jemand, wenn er bedrängt wird, immer noch ausweichen kann in vorübergehende Träume von Freiheit. Im Übrigen hätte man mich in Hollywood auch kaum revolutionäre Filme machen lassen."

Douglas Sirk am Filmset von „Duell in den Wolken” mit Dorothy Malone und Rock Hudson. (imago / Everett Collection)Douglas Sirk am Filmset von „Duell in den Wolken” mit Dorothy Malone und Rock Hudson. (imago / Everett Collection)

"Imitation of Life" von 1959 – deutscher Verleihtitel: "Solange es Menschen gibt". Ein Film über die Situation der schwarzen Bevölkerung, gedreht vor der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung.

"Ich habe versucht, gesellschaftliches Bewusstsein zu einem Filmthema zu machen – das Leben der Weißen wie der Schwarzen ist eine Imitation."

Vier Frauen imitieren das, was man Leben nennt. Dazu braucht es eine Menge Verstellung und Selbstbetrug. Lebensentwürfe, in denen soziale Konflikte keinen Platz haben sollen und gerade deshalb so schmerzhaft bewusst werden. Mit einer ganzen Reihe von women’s pictures wollte Hollywood vor allem Frauen ans Kino binden. Douglas Sirk bedient diese Strategie und zugleich entzieht er den Filmen die Harmlosigkeit. Kritiker haben seine Melodramen verächtlich als kitschige Schnulzen abgetan – mit einer Ignoranz, die den Figuren in Sirks Filmen eigen ist.

Rückkehr nach Europa

Noch bevor Hollywoods Studiosystem zerfällt, dankt Douglas Sirk ab. Er zieht sich in die Schweiz zurück. Eine lange Krankheit bestärkt seinen Entschluss, Filmangebote abzulehnen. In den Sechzigerjahren inszeniert er an deutschen Theatern und wird von einer jungen Generation von Kritikern und Filmemachern in Europa gefeiert.

Jean-Luc Godard und François Truffaut schreiben enthusiastisch über seine Filme. Rainer Werner Fassbinder haben Sirks Melodramen den Kopf befreit, Pedro Almodóvar die Augen geöffnet. Quentin Tarantino verneigt sich in Pulp Fiction: "Oh, yeah, I'll have the Douglas-Sirk-Steak, bloody as hell."

DVD-Ausgaben der Filme von Douglas Sirk
Imitation of Life / Solange es Menschen gibt
A Time to Love and a Time to Die / Zeit zu leben und Zeit zu sterben
All That Heaven Allows / Was der Himmel erlaubt
(Über CarolMedia Home Entertainment)
All I Desire / All meine Sehnsucht
There’s Always Tomorrow / Es gibt immer ein Morgen
The Tarnished Angels / Duell in den Wolken
(Über Koch Media)

Literatur
Douglas Sirk: Imitation of Life: ein Gespräch mit Jon Halliday / Douglas Sirk.
Deutsche Ausgabe hrsg. von Hans-Michael Bock und Michael Töteberg. Frankfurt am Main, 1977.

Eine Produktion von Deutschlandfunk Kultur/Deutschlandfunk 2021.

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