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Lesart / Archiv | Beitrag vom 02.09.2016

Melbourne Writers' FestivalWas australische Schriftsteller bewegt

Von Gerd Brendel

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Fußgänger am Federation Square im australischen Melbourne im März 2004 (picture alliance / dpa / Heikki Saukkomaa)
Das Writers' Festival findet am Federation Square in Melbourne statt (picture alliance / dpa / Heikki Saukkomaa)

Melbourne ist Australiens europäischste Stadt. Dort findet jedes Jahr das wichtigste Literaturfestival des Landes statt: Das "Melbourne Writers-Festival". Die Autoren diskutieren diesmal über ihre nationale Identität.

"My stories are new in this country..."

Meine Geschichten sind neu, beginnt die Lyrikerin und Spoken-word-Performerin Maxime Beneba Clarke ihre Rede zur Eröffnung des Writers' Festival in Melbourne.

Clarke: "So I want to first acknowledge the many thousands of years of storytelling which have occured in this country."

Großen Respekt vor den ältesten Aboriginees

Und dann verneigt sich die gebürtige Jamaikanerin vor der Jahrtausende alten mündlichen Erzähltradition der australischen Ureinwohner. Mit dem Respekterweis vor den Ältesten der Aboriginees – aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft - beginnt in Australien fast jede offizielle Rede.

Clarke: "I want to pay my respects to their elders past present and future..."

Und dann rappt und singt Beneba Clark ihre Geschichte einer schwarzen Mutter in der weißen Mainstream-Kultur Australiens:

"The teacher reads snow-white…"

Sie erzählt, wie ihre Tochter sich versucht, das Gesicht zu bleichen, nachdem der Lehrer das Märchen von Schneewittchen, so weiß wie Schnee, in der Schule vorgelesen hat.

Jeder hat eine andere Vorstellung von Identität

"Identität" lautet das Thema des "Writers' Festival" in diesem Jahr.

"Was bedeutet Identität hier und heute in Australien? Gibt es so etwas wie eine nationale Identität? Was oder wer gehört dazu? Wer darf dazu beitragen?", fragt Festivaldirektorin Lisa Dempster. Jede Autorin, jeder Autor im Festivalprogramm gibt eine andere Antwort. Der zweite Star des Eröffnungsabends nach Clarke ist Alex Patric. Sein Roman "Black Rock White City", über ein Flüchtlingspaar aus Sarajevo, das an der Trauer über das von Heckenschützen ermordete Kind zerbricht, hat die Juroren des renommieren "Miles Franklin Literary Awards" überzeugt.

Alex Patric: "Ich bin Australier mit serbischen Wurzeln.Und diese Erfahrung, nicht zum anglo-australischen Mainstream zu gehören, hat mich zum Schreiben gebracht."

So wie ihm ist es vielen der Autoren beim Festival ergangen. Christos Tsiolkas zum Beispiel, der Englisch nach Griechisch erst in der Schule lernte und dessen Roman "Nur eine Ohrfeige" mehrfach verfilmt wurde oder Rajit Savanadasa.

"Meine Sicht auf die Vergangenheit hat sich verändert"

Auch Savanadasas Erstlingsroman "Ruins" ist eine Familiengeschichte, aber der Australier blickt alles andere als romantisch verklärt auf seine Jugend in Colombo zurück.

Rajit Savanadasa: "Nach ein paar Jahren hier in Australien hat sich meine Sicht auf die Vergangenheit verändert und auch auf meine eigene Familie. Meiner Mutter zum Beispiel gefällt gar nicht, wie kritisch ich über das Verhältnis des Hausmädchens zum Rest der Familie schreibe."

Nicht nur die Mehrheitsgesellschaft der alteingesessenen Australier verändert sich durch die Neuankömmlinge.

Seit einiger Zeit engagiert sich Savanadasa für Flüchtlinge und schreibt ihre Geschichten auf.

Flüchtlingsgeschichten werden gerade in Australien nicht nur auf Literaturfestivals gelesen und diskutiert. Am ersten Festivalwochenende versammeln sich auf dem Rasen vor der alten Staatsbibliothek Tausende, um gegen die Flüchtlingspolitik der frisch gewählten konservativen Regierung zu demonstrieren.

Familie finden im Geschichtenteilen

Der Abgeordnete Adam Bandt erinnert den Premierminister daran, dass jeder mit Ausnahme der Ureinwohner , irgendwann einmal mit einem Flüchtlingsboot angekommen ist, hier in Australien.

Zurück ins Reich der Fiktion. Auf dem Literaturfestival signiert der frischgebackene Preisträger Alex Patric sein Buch. Literatur dokumentiert nicht nur die einmal angenommene Identität, sondern Literatur kann auch helfen eine ganz neue Identität zu schaffen.

"It’s in in the sharing of literature that we find family. It is to bind people together..."

Wir finden unsere Familie im Teilen von Geschichten. Religion: Das Wort kommt von "Religio". Das kann man mit "sich verbinden" übersetzen und das sollte auch Literatur leisten.

Was bedeutet Identität hier und heute in Australien? Jede Autorin, jeder Autor im Festivalprogramm gibt eine andere Antwort. Literatur bringt Menschen zusammen. Und das ist nötiger denn je, nicht nur in Australien.

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