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Frühkritik | Beitrag vom 03.01.2020

Melba Escobar: "Die Kosmetikerin"Wenn Frauen zu Trophäen werden

Von Sonja Hartl

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Buchcover zu Melba Escobar: Die Kosmetikerin (Heyne)
Eine Psychoanalytikerin hasst Macho-Kind-Frauen, Männer und sich selbst – bis sie eine Kosmetikerin trifft, die ganz anders ist. (Heyne)

Prostitution, Rassismus und Korruption: Melba Escobar wirft in ihrem Krimi "Die Kosmetikerin" einen schonungslosen Blick auf das vom Patriarchat zerstörte Kolumbien. Damit entsteht ein gesellschaftskritischer Roman im Genregewand.

Es sind diese "Macho-Kind-Frauen" mit blondierten Haaren, künstlichen Fingernägeln, pinkfarbenen, mit Edelsteinen verzierten Handyhüllen und schrillen Stimmen, die für die 57-jährige Psychoanalytikerin Claire Davlard dafür stehen, "was alles kaputt und faul ist in diesem Land, in dem der Wert von Frauen an der Größe ihres Hinterns, der Form der Brüste und ihrer Wespentaille gemessen wird." Sie hasst diese Frauen, sie hasst die Männer, die Frauen "wie eine Trophäe herumzeigen", sie hasst das "mafiöse Unternehmen", das seit über drei Jahrzehnten Kolumbien prägt, das strenge Klassenbewusstsein, die Arroganz der einen und Servilität der anderen. Und Claire hasst sich selbst.

Aber sie fühlt eine tiefe Zuneigung zu der Kosmetikerin Karen, die "etwas Wildes und Natürliches" ausstrahlt, das sie "wahrhaftig machte". Karen arbeitet im exklusiven "Haus der Schönheit", ist von Cartagena nach Bogotá gezogen, um Geld zu verdienen. Eines Tages kommt eine Schülerin wegen einer Intimrasur zu ihr – und am nächsten Tag ist sie tot. Karen weiß, mit wem sie sich am Abend zuvor getroffen hat. Der Mann entstammt einer einflussreichen Familie und damit gerät Karen in Gefahr.

Der patriarchalen Macho-Kultur unterworfen

Langsam entwickeln sich die Stränge um die Freundschaft zwischen Karen und Claire sowie die Ermordung der Schülerin – und in beiden zeigt sich, wie Rassismus, Sexismus und Klassenbewusstsein das Leben in Kolumbien bestimmen. Lange ist in Melba Escobars Krimi "Die Kosmetikerin" nicht klar, wer hier erzählt: Claires Abschnitte sind aus der Ich-Perspektive wiedergegeben, oftmals wechselt die Perspektive innerhalb der Kapitel. Dadurch erhält man Einblicke in verschiedene Lebensweisen von Frauen, die sich fast alle den willkürlichen Schönheitsstandards und Regeln der patriarchalen Macho-Kultur unterworfen haben. Sie werden physisch, psychisch, emotional ausgebeutet und viele Frauen reagieren auf diesen Druck, indem sie ebenfalls unterdrücken, vorzugsweise Frauen, die in einer schwächeren Position sind.

Schonungslos blickt Melba Escobar auf die Realitäten in Kolumbien, es geht um sexualisierte Gewalt, Prostitution, Rassismus, Korruption und den allgegenwärtigen Machismo. Und dadurch ist "Die Kosmetikerin" ein bemerkenswerter gesellschaftskritischer Roman im Genregewand.

Melba Escobar: "Die Kosmetikerin"
Aus dem Spanischen von Sybille Martin
Heyne, München 2019
320 Seiten, 9,99 Euro

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