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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 10.07.2009

Melancholische Geschichten zu Bildern von Edward Hopper

Frode Grytten: "Eine Frau in der Sonne", Verlag Nagel & Kimche im Carl Hanser Verlag, München 2009, 205 Seiten

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Ein Kunstinteressierter schaut sich das Bild "Nighthawks" von Edward Hopper an. (AP)
Ein Kunstinteressierter schaut sich das Bild "Nighthawks" von Edward Hopper an. (AP)

Der norwegische Autor Frode Grytten erzählt in seinem Buch "Eine Frau in der Sonne" Liebesgeschichten, die von zehn Bildern des amerikanischen Malers Edward Hopper inspiriert sind. Sie gehen von dem jeweiligen Bild aus oder führen zu ihm hin und nehmen die Stimmung, die seltsam traurige und einsame Atmosphäre auf.

In einer Geschichte heißt es, ein Zimmer mit einem Mann und einer Frau sei "in Stille gehüllt", - und das ist eine ziemlich treffende Beschreibung für die Atmosphäre auf den eindringlichen Bildern von Edward Hopper; immer wieder sieht man da Menschen, die einsam wirken, auch wenn sie zu zweit sind, die losgelöst scheinen von ihrer Umgebung. Sie wirken tatsächlich wie "in Stille gehüllt". Zehn Bilder hat Frode Grytten genau angeschaut und dabei das getan, was viele von uns auch tun, wenn sie vor einem Bild stehen, sich nämlich überlegt, was das für Menschen sein mögen, für Räume, die da zu sehen sind; warum also der Mann – auf dem Gemälde "Room in New York" - zum Beispiel so demonstrativ Zeitung liest, während seine schöne Frau gelangweilt am Klavier sitzt. Eine Spannung des Ungesagten, des Streits liegt über der Szene.

Frode Grytten malt sich aus, wie Hoppers Paar-Porträt sich auflöst, wie er nach einer Auseinandersetzung böse die Wohnung verlässt und sie enttäuscht ihrem Kinderwunsch nachsinnt. Und dann bricht plötzlich der Schrecken ein. Ein Nachbarskind stirbt bei einem Autounfall. Jetzt ist wirklich ein Augenblick der Stille eingekehrt, in dem die Frau plötzlich begreift, dass das Spiel vorbei ist, dass kein Streit, keine Beschwörung ihnen beiden helfen kann. Sie werden sich trennen. Manchmal erweist sich die Liebe ja erst in diesem Augenblick des Auseinandergehens.

Zehn melancholische, kluge Liebesgeschichten, die von Trennung und Schmerz, Leidenschaft und Sehnsucht handeln, von Eifersucht und Betrug, von seltenen Augenblicken der Aufrichtigkeit und andauerndem Verschweigen. Es gibt keine eindeutigen Wahrheiten in der Liebe und keine immer währenden Gesetze - und hinter dem scheinbaren Glück zu zweit lauert die unumstößliche Einsamkeit. Das sind die Motive, die der norwegische Autor in den Bildern des amerikanischen Malers findet. Er beschreibt, was er hinter den Szenen zu sehen meint, und nimmt uns mit auf eine eindrucksvolle, kenntnisreiche und wehmütig stimmende Liebesreise in zehn Stationen.

Allein in der letzten stimmen Bild und Geschichte nicht überein. Und das mag an einer winzigen Kleinigkeit liegen, der Autor sieht eine Frau mit Sommerkleid, wo die Leserin eine Frau im Unterrock zu erkennen meint auf dem Bild "Fenster bei Nacht". Es sind ja solche Details, die beim Betrachten eines Bildes ebenso zählen wie im Leben zu zweit.

Besprochen von Manuela Reichart

Frode Grytten: Eine Frau in der Sonne. Liebesgeschichten zu Bildern von Edward Hopper
Aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger
Verlag Nagel & Kimche im Carl Hanser Verlag, München 2009
205 Seiten, 17,90 Euro

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