Seit 11:05 Uhr Deutschlandrundfahrt

Sonntag, 17.02.2019
 
Seit 11:05 Uhr Deutschlandrundfahrt

Fazit / Archiv | Beitrag vom 05.10.2011

"Melancholia"

Lars von Triers bildgewaltiges Drama über das Ende der Welt

Von Jörg Taszman

Podcast abonnieren
Dexter (John Hurt) tanzt mit seiner Tochter Justine (Kirsten Dunst) auf deren Hochzeit. (Concorde Filmverleih)
Dexter (John Hurt) tanzt mit seiner Tochter Justine (Kirsten Dunst) auf deren Hochzeit. (Concorde Filmverleih)

Ein Planet rast auf die Erde zu - und die junge Justine heiratet pompös. Doch dann platzt die Hochzeit, Verzweiflung macht sich breit - auch bei ihrer Schwester Claire. Der für seine Risikobereitschaft gefeierte Däne Lars von Trier zeigt in seinem Meisterwerk "Melancholia", wie zwei sehr ungleiche Schwestern mit der drohenden Katastrophe umgehen.

Eine Braut ganz in Weiß auf einem Golfplatz. Eine Frau sinkt mit ihrem Kind in den Boden. Es "wagnert" laut, die Bilder frieren ein, die Apokalypse naht und schlägt zu. Unsere Erde wird vom Planeten "Melancholia" geschluckt.

So beginnt der neue Lars von Trier, der von den ungleichen Schwestern Justine und Claire handelt, denen wir auf einer Hochzeit begegnen. Die blonde Justine hat geheiratet und nicht nur die Stretch-Limo ist überdimensional. Bezahlt hat die opulente Familienfeier der aalglatte Schwager und Golfplatzbesitzer, dem es peinlich genau auf die Etikette ankommt. In diesen Szenen einer dysfunktionalen Familie sprüht Lars von Trier nur so von Bosheit, kann sich dabei auf polternde Eurostars wie Charlotte Rampling, John Hurt oder Stellan Skarsgard verlassen. Und natürlich geht alles schief: Justine ist depressiv, geht fremd, der Bräutigam und so ziemlich alle weiteren Männer suchen das Weite und nun folgt das zweite Kapitel des Films: Claire.

Plötzlich weidet sich der streitbare Däne wieder am Leid der Frauen und lässt Charlotte Gainsbourg als ältere Schwester Claire über eine Filmstunde lang nur heulen oder hysterisch ängstlich sein. Der Weltuntergang ist unvermeidbar und "Melancholia" verkommt zur Lars-von-Trier-Show. Nur Kirsten Dunst als wiedererstarkte Schwester Justine, die plötzlich nackt im Wald dem Ende erotisiert entgegenfiebert, vermag das Interesse des Zuschauers hier und da noch zu wecken.

Denn das Ärgerlichste an diesem pathetischen, formal perfekten Film ist seine Redundanz und seine Selbstverliebtheit. "Melancholia" wirkt nur noch wie ein Zitat früherer Lars von Trier Filme. Wer jetzt, wie viele Kritiker, ein Meisterwerk lobpreist, ist dem manipulativen Genie des neurotischen Dänen auf den Leim gegangen. Schöner Sterben ist nicht, auch nicht im Kino.

Dänemark / Schweden / Frankreich / Deutschland 2011. Regie: Lars von Trier. Darsteller: Kirsten Dunst, Charlotte Gainsbourg, Kiefer Sutherland, John Hurt, Charlotte Rampling, Alexander Skarsgård. 136 Minuten, ab 12 Jahren.

Links bei dradio.de
Cannes 2011 - was außer dem Skandal übrig bleibt
Regisseur Andreas Dresen über seinen Auftritt bei den Filmfestspielen
Festival Cannes erklärt Regisseur Lars von Trier zur Persona non grata

Filmwebseite "Melancholia"

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsGiftigkeit kennt keine Grenzen
Bildnummer: 53251652 Datum: 25.07.2009 Copyright: imago/imagebroker Gummi- und Kunststoffprodukte enthalten gesundheitsschädliche und geruchsaktive Substanzen (imago)

Giftigkeit - neudeutsch auch Toxizität genannt - in allen Facetten bestimmt den Wochenrückblick auf die Kulturseiten der Zeitungen. Die "Zeit" schreibt gar vom Gefühl der Selbstgiftigkeit. Die Berlinale war auch Thema.Mehr

weitere Beiträge

Der Theaterpodcast

Folge 11Von Vielfalt und Verstärkung
Ein Darsteller des Musicals "Miss Saigon" mit einem angeklebten kleinen Stirnmikrofon steht am 25.01.2019 in Köln bei einem Fototermin auf der Bühne. (imago / Horst Galuschka)

Wer spricht wie auf deutschen Bühnen? Es gibt zwar immer mehr Schauspieler*innen mit angeklebten Mikrofonen, aber noch zu wenige aus benachteiligten Gruppen. Um Diversity und Mikroports geht es in Folge #11 des Theaterpodcasts.Mehr

Folge 10Wachgerüttelt, durchgeschüttelt
Eine Frau hat sich einen #MeToo-Schriftzug auf den Unterarm geschrieben. (imago stock&people)

Was bleibt im Rückblick auf die Debatten dieses Theaterjahres? #MeToo, ganz klar. Über Gleichstellung sprechen Susanne Burkhardt und Elena Philipp mit France-Elena Damian vom Verein Pro Quote Bühne und diskutieren darüber, ob Theatermacher mit rechten Ideologen reden sollten.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur