Seit 23:05 Uhr Fazit

Mittwoch, 12.08.2020
 
Seit 23:05 Uhr Fazit

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 20.01.2011

Meisterwerk literarischer Innenschau

Janet Frame: "Dem neuen Sommer entgegen", C.H.Beck, München 2010, 288 Seiten

Podcast abonnieren
Das Assoziative, die raue und fransige Textur des Romans entspricht ganz dem schwankenden Wesen seiner Protagonistin. (Deutschlandradio / Bettina Straub)
Das Assoziative, die raue und fransige Textur des Romans entspricht ganz dem schwankenden Wesen seiner Protagonistin. (Deutschlandradio / Bettina Straub)

Bekannt wurde Janet Frame durch ihre von Jane Campion verfilmte Autobiografie. Nun ist aus Frames Nachlass mit "Dem neuen Sommer entgegen" ein autobiografischer Roman erschienen, der so lebendig wie kaum ein anderer von den Beschwernissen einer empfindsamen Seele erzählt.

Schüchtern ist gar kein Ausdruck für das zurückhaltende Wesen der 30-jährigen Grace Cleave. Die Schriftstellerin ist von Ängsten geradezu umzingelt und zu entspannter zwischenmenschlicher Interaktion kaum in der Lage. Die banalste Unterhaltung verunsichert sie zutiefst; kleine Kinder versetzen sie in Panik. Dennoch nimmt sie eine Einladung der Thirkettles an, ein Wochenende bei ihnen auf dem Land zu verbringen.

Wir befinden uns in England, Anfang der 60er-Jahre, und Grace Cleave ist das Alter Ego der Autorin Janet Frame. Wie ihre Heldin steckte Frame damals mitten in einem anderen Roman, dann aber drängte es sie, die Geschichte dieses Wochenendes zu schreiben, eines im Grunde ganz normalen Wochenendes bei völlig normalen Leuten. Bei beneidenswert normalen Leuten: Grace Cleave ist sich ihrer kommunikativen Schwierigkeiten, ihres mangelnden Selbstvertrauens durchaus bewusst. Ein Leben wie das der Thirkettles, eines glücklichen Ehepaars mit zwei Kindern, scheint ihr unvorstellbar und unerreichbar. Das liegt nicht zuletzt an ihrer eigenen Familiengeschichte.

Grace ist – wie Janet Frame – unter ärmlichen Bedingungen in Neuseeland aufgewachsen. Bei ihrem Besuch auf dem Land treten die Erinnerungen an ihre Kindheit immer wieder in den Vordergrund. Die Thirkettles wirken da wie eine Kontrastfolie – weder prügeln sie ihre Kinder, noch schlägt der Mann seine Frau, nur weil sie ihm widerspricht. Hinzu kommt, dass auch die Thirkettles eine neuseeländische Vergangenheit haben und überall Bücher von den beiden Inseln auf der Südhalbkugel herumstehen. So gleiten die Gedanken Grace Cleaves immer wieder von der einen Seite des Globus auf die andere, zu ihrem Vater, dem Eisenbahner, zu den ständigen Wohnortwechseln, den geliebten Geschwistern, der wunderlichen Mutter.

Dieser Erinnerungsschub wohl ist für Grace Cleave das eigentlich besondere an ihrem Wochenende auf dem Land. Und wie er in die Geschichte dieses Wochenendes – banale Gespräche beim Essen, ein Spaziergang, ein kurzer Ausflug – eingebettet ist, macht "Dem neuen Sommer entgegen" auch zu einem sehr besonderen Buch. Es wirkt nämlich keineswegs geschmeidig komponiert, sondern frei und ungefügt.

Das Assoziative, die raue und fransige Textur des Romans entspricht ganz dem schwankenden Wesen der Grace Cleave. "Ich bin ein Zugvogel" denkt sie immer wieder, "kein Mensch". Und etwas flatterhaft Schwirrendes, bezaubernd Unberechenbares ist auch ihrer Prosa eigen. Dem Leser wird nicht analytisch sezierend das Innere einer Kunstfigur vorgeführt, nein, die Angstschübe, Gefühlsschwankungen, Gedankensprünge der Grace Cleave erreichen ihn ganz unmittelbar, nicht wie kalkulierte Effekte einer übergeordneten Autoreninstanz.

Dazu mag auch beitragen, dass Janet Frame ihren Roman nicht auf eine Veröffentlichung hin verfasst und überarbeitet hat. Sie schrieb ihn 1963 vielmehr innerhalb kürzester Zeit, um ihn bis zu ihrem Tod 2004 dann in ihrem Schreibtisch zu verstecken. Die Übersetzerin Karen Nölle hat das kleine Meisterwerk literarischer Introspektion nun auch meisterlich ins Deutsche gebracht.

Besprochen von Tobias Lehmkuhl

Janet Frame: Dem neuen Sommer entgegen
Übersetzt von Karen Nölle
C.H.Beck, München 2010
288 Seiten, 19,95 Euro

Buchkritik

weitere Beiträge

Literatur

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur