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Fazit / Archiv | Beitrag vom 19.02.2013

Meisterin der Designkunst

Eileen-Gray-Retrospektive im Centre Pompidou in Paris

Von Kathrin Hondl

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Für 21,9 Millionen Euro wurde der "Drachensessel" der Designerin Eileen Gray aus dem Jahr 1918 bei einer Versteigerung verkauft. (picture alliance / dpa / epa Christie's Ho)
Für 21,9 Millionen Euro wurde der "Drachensessel" der Designerin Eileen Gray aus dem Jahr 1918 bei einer Versteigerung verkauft. (picture alliance / dpa / epa Christie's Ho)

Für 21,9 Millionen Euro wurde bei einer Versteigerung im Jahr 2009 der Drachensessel der Designerin Eileen Gray verkauft. Das teuerste Sitzmöbel aller Zeiten ist in der Ausstellung im Centre Pompidou nicht zu sehen, dafür andere ausgewählte Objekte der avantgardistischen Designerin.

Dass sie das teuerste Sitzmöbel aller Zeiten schaffen würde, ahnte Eileen Gray bestimmt nicht, als sie um das Jahr 1918 herum ihren "Drachensessel" entwarf: einen kleinen braunen Ledersessel mit einer raffinierten Struktur aus orange lackiertem und silber patiniertem Holz, in das auf Höhe der Armlehnen zwei Drachenköpfe mit schwarz lackierten Augen geformt sind.

Für sagenhafte 21,9 Millionen Euro kaufte ein Pariser Galeristenpaar das edle Stück 2009 im Grand Palais bei der Versteigerung der Kunstsammlung von Pierre Bergé und Yves Saint Laurent.

Der kostbare Drachensessel ist im Centre Pompidou nicht zu sehen – die Versicherungskosten hätten wohl jeden für ein öffentliches Museum bezahlbaren Rahmen gesprengt. Doch Ausstellungskuratorin Cloé Pitiot konnte mehr als 120 Objekte und Dokumente für diese bisher umfassendste Eileen Gray-Retrospektive zusammentragen – die meisten aus Privatsammlungen, in denen sich gut zwei Drittel des Gesamtwerks befinden.

"Gray hat ausschließlich Einzelstücke geschaffen. Und die sind nicht sehr zahlreich. Insgesamt haben wohl einmal rund 150 Objekte existiert, einige wurden zerstört oder sind verloren gegangen. Es war also nicht einfach, die Stücke aufzutreiben und die privaten Sammler zu überzeugen, sich für drei Monate von ihren Tischen, Stühlen oder Sesseln zu trennen. Schließlich benutzen viele die Möbel jeden Tag. Und die Leute, die Eileen Gray sammeln, sind wirklich leidenschaftliche Sammler, sie leben mit den Möbeln, das ist fast schon ein fleischliches Verhältnis."

Es ist leicht nachzuvollziehen, dass sich die Besitzer ungern von diesen Möbeln trennen: zum Beispiel von dem sogenannten "non-konformistischen" Stuhl aus gebogenem Stahlrohr, dem eine Armlehne fehlt – "um dem Körper mehr Bewegungsfreiheit zu lassen" - oder einem grandiosen Architektenschrank aus Sykomore-Holz mit wunderschönen unterschiedlich gestalteten verchromten Metallgriffen an den vielen unterschiedlich großen Schubladen, oder auch von dem eleganten rot und schwarz lackierten Tischchen mit einem Schubladengriff aus Ebenholz und Elfenbein.

Mit Lackarbeiten begann in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts die Designkarriere von Eileen Gray, die als Tochter einer Aristokratin und eines kleinbürgerlichen Kunstmalers in Irland zur Welt kam, in London Kunst studierte und schließlich in Paris ihre Ideen umsetzte.

"Sie entdeckt die Lackkunst bei einem Restaurator in London, wo sie die europäischen und chinesischen Techniken lernt. In Paris lernt sie dann bei dem japanischen Lackkünstler Seizo Sugawara die japanische Methode. Zusammen mit ihm eröffnet sie 1910 ein Atelier, wo sie die europäischen, chinesischen und japanischen Techniken mischt. Und das ist das Besondere an ihrer Lackkunst: Weil sie keine ausgebildete Lackiererin ist, gestattet sie sich Freiheiten, für die ein Meister wie Sugawara nie den Mut hätte."

Eine Freiheit, die sie sich nimmt, ist zum Beispiel nachtblauer Lack – eine für traditionelle Lackierer undenkbare, "verbotene" Farbe. Einflüsse von Jugendstil und Japonismus sind in Eileen Grays Lackarbeiten noch sichtbar, aber auch schon die Anfänge des Art Deco. Doch als sich Art Deco in den 1920er Jahren in Paris durchgesetzt hat, ist die experimentierfreudige Gray schon wieder einen radikalen Schritt weiter und nutzt die Lacktechnik auf extrem modernen, aus simplem Rechtecken gebildeten Paravents.

Ab 1925 dann beschränkt sie sich nicht mehr allein auf Möbel und Innendekoration: Eileen Gray realisiert gemeinsam mit dem rumänischen Architekten und Architekturkritiker Jean Badovici ein Haus an der französischen Mittelmeerküste: E 1027 heißt die moderne Villa am Meer – E wie Eileen, 10 für das J von Jean, den zehnten Buchstaben im Alphabet, 2 für das B von Badovici und 7 für das G von Gray.

Für das E 1027-Haus entwarf Eileen Gray auch die gesamte Inneneinrichtung, darunter Möbel wie den höhenverstellbaren Beistelltisch aus Stahlrohr mit runder Glasplatte – ein Designklassiker des 20. Jahrhunderts, immer wieder neu aufgelegt und auch oft kopiert. Oder den ebenfalls vielfach reproduzierten "Bibendum Sessel" – benannt nach dem berühmten Michelin-Reifenmännchen, dem der Sessel mit seinen runden Wülsten auch ein bisschen ähnelt.

Für die Kuratorin der Retrospektive im Centre Pompidou ist Eileen Gray aber mehr als eine Designerin und Architektin:

"Für mich ist sie eine 'Gesamtkünstlerin'. Sie war erst Malerin und zeigte ihre Bilder im Grand Palais in Paris. Dann kam die Lackkunst, sie machte Teppiche, Möbel, Inneneinrichtungen, Architektur, Fotografie. Ständig experimentiert sie, wagt sich an alles Mögliche, ändert radikal ihren Stil – deshalb sehe ich sie in diesem Geist des Gesamtkunstwerks."

Wie unkonventionell und mutig Eileen Gray war, das illustriert auch die Geschichte der Galerie, die sie in den 20er Jahren in Paris gründete: Weil sich das für eine Frau damals nicht schickte, gab Eileen Gray ihrem Laden den poetischen Namen "Jean Désert" und verschickte Einladungen, auf denen stand: "Jean Désert präsentiert Werke von Eileen Gray". Auch als allein stehende Frau im Kreis der männerdominierten Moderne war Eileen Gray eben die Avantgarde der Avantgarde.

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