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Fazit / Archiv | Beitrag vom 23.02.2019

"Meine geniale Freundin" auf der BühnePanorama aus italienischer Nachkriegszeit

Von Michael Laages

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Das Bild zeigt die Schauspielerin Lorena Handschin als Lila in der Bühnenfassung von "Meine geniale Freundin". (Hans Jörg Michel / NTM)
Traut sich was: die "geniale Freundin" auf der Bühne. (Hans Jörg Michel / NTM)

Zwei höchst unterschiedliche Freundinnen, die ein Leben lang verbunden sind - darum geht es in den Büchern der "Neapolitanischen Saga" von Elena Ferrante. Eine Fernsehserie floppte, jetzt kommt der Bestseller am Nationaltheater Mannheim auf die Bühne.

Ein bisschen Eitelkeit darf sein: "Meine geniale Freundin" jedenfalls ist in den Romanen von Elene Ferrante die italienische Schriftstellerin selber, so jedenfalls hat die Kindheitsfreundin Lila sie charakterisiert.

Die beiden stammen aus dem Rione. So heißt in Neapel ein kleinbürgerliches, um nicht zu sagen armes Vorstadt-Viertel. In dieser durchaus schwierigen Nachbarschaft beginnen für die Mädchen, Elena und Lila, in den 50er- und 60er-Jahren (die die ersten beiden Teilen der Tetralogie umfassen) zwei sehr unterschiedliche Biografien.

Elena, die Strebsame, ist auch im Theater die Erzählerin. Lila, die Wilde, die den eigenen, nicht immer zielsicheren Lebensplan durchzusetzen versucht, gegen alle (und speziell männliche) Widerstände, wird zur eigentlichen Hauptfigur.

Mehrere Doubles für Lila

Diese Lila erlebt viel und die Mannheimer Regisseurin Felicitas Brucker hat ihr auch darum mehrere Doubles mit auf den Bühnenweg gegeben. Unanpassbar ist Lila schon in der Familie, obwohl sie die einzige wirklich Kreative ist: Sie entwirft die Schuhe, die Vater und Bruder in mühevoller Handwerksarbeit herstellen. Der Erbe der "Salumeria" um die Ecke, der Schlachter im Viertel also, umwirbt sie. Und wider besseres Wissen über die eigenen Gefühle heiratet sie ihn – schon in der Hochzeitsnacht aber mutiert er zum besitzergreifenden Haus-Tyrannen.

Über der unglücklichen Ehe wie über allen Beziehungen in der kleinen Gemeinde lastet obendrein auch noch der Fluch der Mafia – ohne die Familie Salaro und das Geld aus deren Trattoria geht hier gar nichts, für niemanden und nichts.

Das Bild zeigt die Schauspielerin Lorena Handschin in einer Szene der Bühnenfassung von "Meine geniale Freundin" (Copyright: Hans Jörg Michel)Schauspielerin Lorena Handschin als Lila. (Copyright: Hans Jörg Michel)

Lila ist eigentlich mit vielen Talenten gesegnet, auch und gerade künstlerischen, und als Nur-Ehefrau lebt sich unter dem eigenen Niveau und gerät so an immer wieder neue Abgründe.

Derweil folgt Elena, die Erzählerin aus noch schlichteren Verhältnissen, dem klassisch-bürgerlichen Versprechen, für das die alte Lehrerin steht: Aufstieg durch Bildung. Aufs Internat wird sie mit einem Stipendium geschickt, sie studiert und gerät dort in die aufrührerischen Kreise Linker und Radikaler.

Biografie erzählt als schneller Bilderbogen

Am Ende dieses ersten Theaterabends ist sie tatsächlich Schriftstellerin geworden. Und sie bemerkt verblüfft, dass eine kleine Erzählung der Schulfreundin Lila von früher ihr im Grunde all das poetische Material geliefert hat, von dem sie nun zehrt. Verloren hatten die beiden einander nie. Als Studentin versucht Elena sogar, der Freundin Lila eine Art Flucht aus den zerfallenden familiären Strukturen zu ermöglichen. Aber damit hat sie das gesellschaftliche Drama um die unbändige Freundin im Grunde nur verschlimmert. Auch Lila flieht – und gerät einmal mehr viel zu nah an das Spinnennetz der Mafiosi heran.

Das Bild zeigt die Schaulspieler Martin Weigel, Eddie Irle, Lorena Handschin, Arash Nayebbandi, Nicolas Fethi Türksever in einer Szene der Bühnenfassung von "Meine geniale Freundin" in Mannheim. (Copyright: Hans Jörg Michel)Vom Schicksal "gebeutelt": Lila (Lorena Handschin). (Copyright: Hans Jörg Michel)

Felicitas Brucker erzählt dieses Epos voll unterschiedlichster Figuren geschickt als schnellen Bilderbogen. Viva Schudt hat dafür ein bühnenbreites Portal mit zwei Etagen gebaut, in der ein Plexiglas-Kasten den Raum der häuslichen Dramen markiert. Fünf Männer stehen für alle maskulinen Profile in diesem Panorama aus italienischer Nachkriegs- und Aufbruchszeit – und keins dieser Profile ist wirklich sympathisch.

Weit weg vom Heute und Hier

Lila steht dieser Macho-Riege in vier Altersstufen gegenüber, und zwar fast immer in scharfer Konfrontation. Erzählerin Elena bekommt nur gelegentlich ein Alter Ego. Vespa-Motorroller, Auto und Musik geben der Fabel viel italienisches Flair. Im Rione, dem Vorstadtviertel, will Ferrante wie unter dem Brennglas vom fatalen, ja durch und durch kranken Zustand der Welt erzählen, vom Terror der großen und der kleinen Männer-Mächte – und so intensiv Felicitas Brucker und dem Ensemble das erzählerisch auf der Bühne gelingt, so weit weg bleiben die Geschichten bislang noch vom Heute und Hier.

Sehr italienisch sehen diese menschlichen Katastrophen aus, bislang, im ersten Teil, sind sie noch massiv grundiert durch die Zwänge südeuropäisch-katholischer Kultur aus Machismo und Familienhörigkeit. Erst die politischen Verwerfungen der historischen 60er-Jahre lassen uns dieses Italien etwas näher rücken.

Aber der zweite Teil (mit den Roman-Bänden drei und vier) ist ja schon projektiert. Ferrantes Moderne dürfte unbedingt das Zeug haben zu pointierter Gegenwart.

"Meine geniale Freundin" nach den Romanen von Elena Ferrante. Am Nationaltheater Mannheim in der Inszenierung von Felicitas Brucker.

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