"Mein Jahresendritual ist das Büchersortieren"

Moderation Liane von Billerbeck · 28.12.2007
Als Handlungen mit hohem Symbolgehalt definiert Henryk M. Broder, der zum Kulturjournalisten 2007 gekürt wurde, den Begriff des Rituals. Immer am Jahresende falle ihm auf, dass Berge von Büchern seine Wohnung okkupierten. In diesem Jahr sortiere er sie nach gelesenen und nicht gelesenen und sei erstaunt, dass letztere überwiegen.
Liane von Billerbeck: Rituale, so heißt es, verlängern das Leben. Und gerade zwischen Weihnachten und Jahresende gibt es einige, von denen wir nicht lassen wollen. Da versammelt sich die große Familie einmal im Jahr an einem bestimmten Tag zum Essen, und sowohl das Essen als auch der Ort sollen möglichst so sein wie immer. Warum uns bestimmte Rituale gerade jetzt so wichtig sind, das wollen wir mit Henryk M. Broder besprechen. Und der muss es wissen, wurde er doch kürzlich vom "Medienmagazin" zum Kulturjournalisten des Jahres 2007 gekürt. Guten Morgen, Herr Broder!

Henryk M. Broder: Guten Morgen, Frau Billerbeck!

Billerbeck: Wie erreichen Sie in Augsburg. Ist das der Ort, an dem Sie sich jedes Jahr um diese Zeit aufhalten?

Broder: Nein, letztes Jahr um die Zeit war ich in Washington. Jetzt bin ich bei der Familie. Das ist nun ausnahmsweise kein Ritual. Es ist eine schlichte Konzession an die Familie.

Billerbeck: Welche Rituale pflegen Sie denn um diese Zeit, am Ende des Jahres?

Broder: Ich habe so meinen festen Rituale, die mit der Jahreszeit wenig zu tun haben, zum Beispiel wenn ich eine Reise antrete und auf die Autobahn fahre mit dem Auto. Das Erste, was ich mache, ist nicht volltanken, sondern irgendwo in eine Raststätte gehen und dort Wiener Würstchen essen, was ich nie mache. Aber wenn ich auf der Autobahn bin, muss ich es machen. Ich bin sonst nicht imstande, eine Reise anzutreten. Vollkommen hysterisch, ich weiß es. Mein Jahresendritual ist das Bücher-neu-Sortieren und dann der meistens vergebliche Versuch, sich von einem Teil der Bücher zu trennen. Plötzlich gegen Jahresende fällt mir auf, dass ich zu viele Bücher habe, dass sie die Wohnung okkupiert haben, dass ich kaum noch Platz habe, um mich zu bewegen. Und dann versuche ich, mich von einem Teil der Bestände zu trennen. Komischerweise nicht im April oder August, immer im Dezember.

Billerbeck: Ja, das ist so, dass man irgendwas in Ordnung bringen will.

Broder: Ja.

Billerbeck: Aber jetzt interessiert mich natürlich: Wie sind die Bücher derzeit sortiert? Und wie versuchen Sie, sie umzusortieren?

Broder: Immer wieder neu. Ich habe schon alles versucht, nach Größen, nach Farben, nach Umfang, nach Themen. Im Prinzip gibt es da kein Prinzip. Im Moment versuche ich einfach, nach gelesen und noch nicht gelesen, und zu meinem Erstaunen sind die nicht gelesenen Bücher in der Mehrzahl.

Billerbeck: Braucht man eigentlich Zeit, um Rituale zu entwickeln?

Broder: Nein. Rituale werden ja definiert als Handlungen mit hohem Symbolgehalt. Und es gibt eine Reihe von Ritualen, die gegen jede Zeitökonomie sprechen. Es gibt ja Menschen, die müssen dringend etwas machen. Und was machen sie dann? Sie stellen sich in die Küche und machen das Geschirr, das seit drei Tagen da schon rumliegt und genauso gut noch drei Tage rumliegen könnte. Mein hysterisches Büchersortieren ist so etwas. Wenn ich, sagen wir, eine Geschichte schreiben will, die mir ein bisschen lästig ist, dann mache ich garantiert etwas anderes. Dann mache ich Post auf, die seit zwei Monaten da rumliegt. Also Rituale sind auch Mechanismen zur Zeitverzögerung. Im Prinzip sind das Versuche, die Zeit anzuhalten. Und dass sie sich gegen Jahresende häufen, hat damit zu tun, dass man plötzlich so die Endlichkeit spürt. Es ist zwar nicht so, dass am 31. Dezember alles vorbei wäre, aber ein Jahr ist vorbei. Eine Marke ist vorbei. Und ich glaube nicht, dass Menschen ohne Rituale auskommen. Es gibt ja die seltsamsten Rituale, die nicht als solche erkannt werden. Ich saß neulich im einem Café. Am Nebentisch saß ein junger Mann und warb um die Frau, mit der er da am Cafétisch saß. Sie war sichtlich gelangweilt. Aber er konnte mit dem Balzen gar nicht aufhören. Das ist auch ein Ritual. Ich war schon versucht, auf ihn zuzugehen und zu sagen: Junge, lass es sein, das wird nichts, glaubs mir! Aber ich habe mich nicht getraut. Die Woche der Brüderlichkeit ist so ein Ritual, der Tag der Deutschen Einheit. Ein wunderbares Ritual, an dem wir seit Monaten teilnehmen, sind die Verhandlungen zwischen Herrn Mehdorn und Herrn Schell. Das wird uns wahrscheinlich das nächste Jahr noch über begleiten.

Billerbeck: Ist das eigentlich alles ein Ritual? Oder sind das nur Traditionen? Und wo unterscheiden sich eigentlich diese beiden?

Broder: Es ist sehr schwer zu unterscheiden. Rituale sind Traditionen. Und Traditionen basieren auf Ritualen. Es gibt auch Traditionen, die zu Ritualen werden. Schauen Sie, wenn irgendwo, Gott behüte, ein Kind entführt wird, gibt es sofort ein kleines Mahnmal. Und dann kommen alle Nachbarn hin, legen die Spielzeuge hin. Und an einem dieser Spielzeuge klebt garantiert ein Zettel mit dem Wort: Warum? Das haben die Leute im Fernsehen gesehen. So entstehen Rituale, aus der Banalität des Alltags. Das Kreischen der Mädchen bei jedem Auftritt der "Tokio Hotel"-Boygroup. Das ist inzwischen auch ein Ritual.

Billerbeck: Wer braucht eigentlich diese Rituale besonders? Sind das eher unsichere Menschen, oder brauchen wir die alle, um so einen Anker zu haben, an dem wir uns festhalten können?

Broder: Das hat nichts mit Sicherheit, Bildung, Alter oder sonst etwas zu tun. Ich glaube, dass Rituale Wegzeichen sind, Markierungen am Wegrand, dass man ohne die nicht ankommt, auskommt. Stellen Sie sich vor, ein Abitur ohne Abiturfeier könnte es gar nicht geben. Ein Begräbnis ohne Ansprache könnte es gar nicht geben. Eine Hochzeit ohne Tanz, das wäre auch unmöglich. Ob es Rituale oder Traditionen sind, spielt im Detail und im Einzelnen überhaupt gar keine Rolle. Es kommt einfach darauf an, dass die Menschen Haltegriffe in ihrem Leben brauchen, um sich daran festzuhalten. Und ich glaube persönlich, je mehr Haltegriffe, umso besser. Und manchmal beneide ich Menschen, die noch mehr Rituale haben. Kirchengang ist ein wunderbares Ritual. Das bleibt mir versagt, weil ich nicht glaube. Aber es ist eine schöne Geschichte, um das Ego zu stabilisieren.

Billerbeck: Es gibt ja am Jahresende auch ein paar politische Rituale. Ich erinnere an die Ansprache des Bundespräsidenten zu Weihnachten oder der Kanzlerin zum neuen Jahr. Und im "Streiflicht" der "Süddeutschen Zeitung", da konnte ich gestern lesen, dass es doch mal ganz nett wäre, wenn der Bundespräsident mal nicht seine Rede halten würde links der korrekt, ohne Lametta geschmückte Weihnachtsbaum, rechts die deutsche Flagge, irgendwo dahinter die bullernde Zentralheizung, sondern beispielsweise auf einem Pferd. Warum ist das eigentlich nicht zu erwarten?

Broder: Nein, weil das würde die Feierlichkeit stören. Außerdem würde das den Gewohnheitseffekt vollkommen zerstören. Es hatte mal eine wunderbare Geschichte mit Kanzler Kohl gegeben. Der hat an zwei Jahren hintereinander die gleichen Rede gehalten.

Billerbeck: Ja, aber nur, weil einer die Kassette zum zweiten Mal eingelegt hatte im Fernsehen.

Broder: Ja, aber das Schöne war, dass es außer Kohl niemand gemerkt hatte. Und Kohl hat es selbst nur dadurch gemerkt, dass ihm auffiel, er habe die gleiche Krawatte in zwei Jahren hintereinander angehabt. Aber ansonsten wäre es völlig egal gewesen. Nicht der Inhalt entscheidet, sondern einfach die Form, die Form der Darbietung. Das ist das, worauf es ankommt. Es gibt auch Rituale nach Neujahr. Gucken Sie sich die Aschermittwochveranstaltungen der Parteien an. Gucken Sie sich den Karneval an. Wenn Sie genau hingucken, ist eigentlich jeder Monat voll mit Ritualen, die einzelne Gruppen ansprechen oder ganze Gesellschaften. Der ganze Karneval ist ein Ritual, das ich persönlich ziemlich schrecklich finde. Aber es gibt den Menschen etwas. Und ich glaube, ohne diese Rituale wäre das Leben wirklich ärmer und schwächer und reizloser oder noch schwächer und noch ärmer und noch reizloser, als es ohnehin schon ist.

Billerbeck: Nun sagen ja manche Leute, Rituale sind nicht nur dazu da, das Leben zu verändern. Sie machen das Leben auch langweiliger. Und dann greifen sie zum schärfsten Mittel, zu dem sie in der Lage sind, sie brechen das Ritual. Was passiert dann?

Broder: Ja, das gehört dazu. Kein Tabu existiert ohne den Tabubruch. Und genauso ist es bei den Ritualen. Nehmen Sie dieses bekannteste deutsche Ritual, das wirklich Geschichte gemacht hat, diese Demonstration der Studenten vor 30 Jahren "Unter den Talaren - Muff von 1000 Jahren". Es gab ein Ritual des Aufzugs der Professoren. Die Studenten haben es gestört. Das hat Geschichte gemacht. Also natürlich gehört zum Ritual eine gewisse Verweigerung des Rituals, auch Leute, die nicht mehr heiraten, verweigern sich dem Ritual. Aber ganz am Ende landen sie doch beim Standesamt oder schließen eine Ehevertrag ab. Also der Aufbruch ist Teil der Tradition oder Teil der Inszenierung.

Billerbeck: Gibt es eigentlich auch interkulturelle Rituale? Ich habe in der Zeitung gelesen heute, dass zum Beispiel die Serie "Dinner for One", die ja für viele von uns am Jahresende irgendwie ganz dringend dazugehört, in Großbritannien völlig unbekannt ist.

Broder: Ja, das ist sehr komisch. Ist es eigentlich eine britische Produktion? Ja? Ist es keine deutsche Produktion?

Billerbeck: Ja, die ist aber nach Deutschland geholt worden.

Broder: Ist nach Deutschland geholt worden. Hier wurde sie sozusagen institutionalisiert. Nun haben die Briten andere Rituale, die wahrscheinlich genauso schrecklich sind, diese Prügeleien in Internaten, wenn Kinder aufgenommen werden. "Dinner for One" ist für mich auch die absolute Pflicht, aber nicht nur. Ich sage zum Beispiel sämtliche Termine und Verabredungen am Mittwochabend ab, wenn "Desperate Housewives" auf ProSieben laufen. Und wer mich da anruft, mit dem stelle ich jeden Kontakt ab, wenn ich vergessen habe, das Telefon auszuschalten. Nein, es gibt selten interkulturelle Rituale. Das hängt wohl doch sehr von der jeweiligen Gesellschaft ab. Schauen Sie, bei Juden ist es zwar das Matzenessen an Pessach. Bei den Christen ist es dieser Osterhasenbrauch und das Lamm an Ostern. Es gibt da selten Überschneidungen. Man kann natürlich am Ritual anderer Leute partizipieren. Dadurch wird das besonders schön. Ich war einmal in einem Weihnachtsgottesdienst der Armenier. Und das war das Großartigste, was ich seit Langem erlebt habe. Das war einfach fantastisch. Aber da gibt es selten Schnittpunkte. Wahrscheinlich sind Rituale noch die letzten Autonomie-Inseln der Kulturen.

Billerbeck: Wie wichtig Rituale für uns sind, darüber sprachen wir mit Henryk M. Broder, kürzlich zum Kulturjournalisten des Jahres 2007 gekürt. Ich danken Ihnen, und ich wünsche ein gutes neues Jahr!

Broder: Gern, mit vielen netten Ritualen! Vielen Dank!

Billerbeck: Tschüss!