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Fazit / Archiv | Beitrag vom 06.12.2010

Mein Gott, der fühlt ja wie ich!

"Problema", ein Film über den Zustand der Seelen und der Welt

Von Vanja Budde

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Leben auf der Erde heute: Wie fühlt es sich an? Wo führt es hin? (Nasa/Apollo)
Leben auf der Erde heute: Wie fühlt es sich an? Wo führt es hin? (Nasa/Apollo)

112 Intellektuelle und Künstler haben im Sommer 2006 in Berlin die innere und äußere Verfassung des Globus seziert und dabei an vier Tagen 100 Fragen diskutiert, die die Weltgemeinschaft bewegen. Nun gibt es einen Film über diese Gespräche am "Runden Tisch der Denker".

Welches ist die wichtigste Geschichte, die nicht erzählt wird? Bedingt unser Wohlstand die Armut der Dritten Welt? Was bedeutet es heutzutage, Mut zu haben? Welcher Religion gehört Gott an? Wie stoppen wir den Klimawandel? 100 Fragen, stellvertretend gestellt von der nigerianischen Bürgerrechtlerin Hafsat Abiola und dem US-Schauspieler Willem Dafoe. 112 Männer und Frauen suchen in vielen Sprachen gleichzeitig nach Antworten.

Zu Beginn ist der Film "Problema" verwirrend: Eine Kakophonie der Stimmen, in rascher Schnittfolge wechseln die Gesichter. Meine Güte, denkt man: Anderthalb Stunden Gerede, das kann ja heiter werden.

Doch dann entwickelt dieses globale Filmprojekt einen eigenwilligen Reiz: Faszinierend, diesen Menschen von allen Kontinenten beim Nachdenken zuzusehen. Zu hören, wie sie um Antworten ringen auf Fragen, die man sich oft genug selbst gestellt hat.

Ralf Schmerberg, einer der teuersten Werbe-Regisseure mit 50.000 Dollar Tagessatz, hatte mit Spots für Nike, Coca Cola und Lufthansa Millionen verdient und war frustriert, dass seine Kundschaft von sozialen Belangen nichts wissen wollte. Schmerberg und sein Team haben die Debatte über die wichtigsten Probleme der Menschheit im Internet organisiert: auf der Plattform "Dropping Knowledge" weltweit mehr als 50.000 Fragen gesammelt; eine breit gefächerte Mischung ausgewählt; alle 11.200 Antworten gefilmt und die Interessantesten montiert.

Das Projekt habe ihn am Schneidetisch fast in den Wahnsinn getrieben, erzählt Ralf Schmerberg, und es verschlang sein Vermögen. Macht nichts, sagt der Vater von vier Kindern: Verdiene ich eben neues Geld in der Werbung. Er habe viel bekommen und etwas zurückgeben wollen. Schmerberg:

"Die Frage ist so alt wie die Menschheit, das miteinander Sprechen und miteinander Suchen ist so alt wie die Menschheit. Wir haben es ins digitale Zeitalter übertragen, aber eigentlich - was wir hier machen, ist orale Tradition."'"

Der sich manch prominenter Künstler angeschlossen hat: Der Musiker Giora Feidman war beim Table of Free Voices dabei, der Schriftsteller Bora Cosic, der Filmemacher Wim Wenders:

""Ich weiß es, ab dem Moment, wo hier zum ersten Mal das Gemurmel angefangen hat und dieses Stimmengewirr. Da ist es mir richtig den Rücken runter gerieselt, da hab ich gemerkt: Das bringt was, das hilft was."

Zumindest bringt "Problema" dem Zuschauer etwas: Zwar sind weder die Fragen neu noch die Antworten, aber in ihrer Vielfalt vereinigen sich die Stimmen der 112 Persönlichkeiten zu einem Orchester, einem Film-Mantra, das überraschende emotionale Wucht entwickelt. Auch wenn manche der Denkerinnen und Denker pessimistisch in die Zukunft blicken und ihren Glauben an die Menschheit verloren haben. Filmausschnitt:

"All for ourselves and nothing for other people." "Actually, we can’t stop global warming any more.” "I don’t believe in human kind now, I don’t.”"

Schmerberg: ""Da drückt jemand seine Verzweiflung aus und da fühlen wir uns plötzlich connected. Also es gibt wirklich viele Sätze im Film, wo wir merken, mein Gott, der fühlt ja wie ich! Der hat ja Angst, der ist überfordert, der ist gestresst. Wo man merkt, ich bin überhaupt nicht alleine mit meiner Verlorenheit, sondern das ist ein globaler Moment: Die Menschheit steht an einem Punkt, an dem sie nicht weiter weiß."

Der Werbe-Profi Schmerberg hat die Antworten furios und schnell geschnitten. Er ergänzt den direkten Blick der Sprechenden in die Kamera mit Musik und einer Collage tausender Bilder aus den Archiven der Welt. Das macht "Problema" auch optisch zum Erlebnis. Für deutsche Untertitel hat das Geld nicht gereicht, wegen fehlender Bilder-Rechte wird es keine DVD geben. Aber von heute an steht das philosophische Filmdokument "Problema" als kostenloser Download zur Verfügung.

Schmerberg: "Für diese Filme ist kein Forum mehr vorhanden, letztendlich ist Kino vorbei. Es gibt neue Formen, die entstehen und für die haben wir uns entschlossen, und wir finden es total aufregend, nen Film umsonst anzubieten, das ist eine ganz andere Haltung."

... die der Künstler Jonathan Meese begrüßt.

Jonathan Meese in "Problema": "Das wird wahrscheinlich noch in die Welt raus katapultiert, wie son Diskus, super!"


Der Film zum Download unter www.problema-thefilm.org.

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