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Die Reportage | Beitrag vom 20.11.2020

Mein Freund, der Terrorist - Folge 6Der Geschichtenerzähler

Von Christoph Cadenbach und Dominik Schottner

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Illustration: ein Mann von hinten, der seine Kapuze überzieht (Anselm Magnus Hirschhäuser)
Jan im Sommer 2020 auf dem Tempelhofer Feld - mit Blick auf die Hangars, wo Jan und Karim sich kennengelernt haben. (Anselm Magnus Hirschhäuser)

Im März 2020 kommt Karim frei. Er erklärt, wie er erst zum Krieger, dann zum Deserteur wurde und am Ende aus Angst all die Geschichten über sich erfunden hat. Dabei lügt er wieder und stellt damit seine Freundschaft zu Jan auf eine letzte Probe.

Karim - ein scheinbar bestens integrierter Geflüchteter, der wegen Terrorverdachts eines Tages in Berlin verhaftet und daraufhin in sein Heimatland Tunesien abgeschoben wird. Dort direkt ins Gefängnis wandert - für 14 Jahre, wegen Mitgliedschaft in der Terrororganisation IS. Drei Jahre sitzt Karim in Tunesien in Haft, bereits Anfang 2020 wird er entlassen. Sein Strafmaß wurde in einem Revisionsprozess drastisch gesenkt.

Der beste Tag in Karims Leben

Wenn man Karim fragt, ob er wirklich beim IS war, behauptet er, er hätte keine andere Wahl gehabt. Er wäre in seinem Wohnviertel in Tunis von Islamisten angelockt worden, die ihm Geld versprochen hätten. Dennoch: Für den IS hätte er nie gekämpft. Er sagt, er wäre bei Ahrar Al Sham gewesen. Ende 2013, als Karim nach Syrien ging, war das eine der größten islamistischen Milizen. Verbündet mit der Al Qaida-nahen Nusra Front, aber verfeindet mit dem IS. Einen Anschlag in Deutschland hätte Karim nach eigener Aussage nie geplant – der Tag, an dem er in Deutschland angekommen ist, sei der beste seines Lebens gewesen. 

Illustration: Ein Mann sitzt in einem Auto. (Anselm Magnus Hirschhäuser)Flucht vor dem IS: Karim erzählt, dass er aus Syrien mit einem gestohlenen Auto Richtung Türkei geflohen ist. (Anselm Magnus Hirschhäuser)

Was an dieser Geschichte wahr, was daran gelogen ist, das weiß nur Karim. Selbst die Polizisten in  Tunesien nannten ihn einen Märchenonkel, einen guten Geschichtenerzähler. Inzwischen hat auch sein einstiger bester Kumpel Jan aufgegeben, Karim und seine Beweggründe verstehen zu wollen. Er hat reichlich Abstand zwischen sich und Berlin und all die Erinnerungen an die gemeinsame Zeit mit Karim gebracht – Jan lebt jetzt die meiste Zeit des Jahres in Portugal. 

Kontakt hat Jan nicht zu Karim aufgenommen. Seiner Meinung nach liegt es an Karim, einen Schritt zu machen und sich zu entschuldigen. Den Karim, der er mal kannte, den gibt es für Jan nicht mehr. 

Jan glaubt nicht an ein Happy End 

Jans Freunde dagegen haben über die Jahre eine andere These entwickelt: Karim hätte wegen Jan und dem gemeinsamen Leben der beiden keinen Terroranschlag in Deutschland verübt. Zu sehr hat er seine neue Freiheit geliebt. Jan findet das eine schöne Theorie, glaubt aber nicht daran. Glaubt nicht an ein Happy End. Aber schafft er es wirklich, mit dem Kapitel Karim abzuschließen? So ganz ohne Aussprache, ohne finales Goodbye?

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