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Die Reportage | Beitrag vom 20.11.2020

Mein Freund, der Terrorist - Folge 5Der Tunesier

Von Christoph Cadenbach und Dominik Schottner

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Illustration: Ein Telefon hängt an einer Wand. (Anselm Magnus Hirschhäuser)
Karim sitzt mehr als ein Jahr in Untersuchungshaft. Dann verurteilt ihn ein Gericht zu 14 Jahren Haft. Die Richter sind überzeugt, dass er beim IS in Syrien war. (Anselm Magnus Hirschhäuser)

2018 reist Jan nach Tunesien. Trifft sich mit Karims Familie, hört sich ihre Version seiner Geschichte an. Während dieser Spurensuche erfährt er von Karims Urteil. Jan könnte resignieren, will aber die Freundschaft immer noch nicht ganz aufgeben.

Im Frühjahr 2017 wird Karim aus der U-Haft in seine Heimat abgeschoben, ohne dass ihm in Deutschland ein Prozess gemacht worden ist. Seine Heimat, das ist nicht Syrien, wie er immer behauptet hat, sondern Tunesien. Für Jan kommt das völlig überraschend. Er kann sich das alles nicht erklären - und die deutschen Sicherheitsbehörden tun das auch nicht. "Er hätte mal lieber richtig schön die Fresse halten können", sagt Jan über Karim, seine Lügen und erfundenen Geschichten.

Spurensuche in Tunesien 

Um herauszufinden, wer Karim wirklich ist, fliegt Jan ein Jahr nach Karims Abschiebung nach Tunis. Eine Reise, die für ihn nicht immer angenehm sein wird.

Illustration: Ein Mann steigt in ein Taxi. (Anselm Magnus Hirschhäuser)2018 reist Jan nach Tunesien. Er will endlich wissen, wer Karim wirklich ist. (Anselm Magnus Hirschhäuser)

An seinem ersten Tag spaziert Jan stundenlang durch die Straßen des Stadtzentrums und fragt sich irgendwann: Wieso sollte man von hier eigentlich weg wollen? So angenehm empfindet er die Atmosphäre, der süße arabische Tee schmeckt ihm besonders gut. Doch Jan erlebt Tunis aus der Perspektive eines weißen, privilegierten Deutschen – jemand, der die Option hat wieder nach Europa, nach Deutschland zu gehen. Das Rückflugticket schon in der Tasche.

Kein Job, keine Perspektive

Jan trifft Karims Familie – seine Schwester Amira, seinen Bruder Aymen und sogar Karims Mutter, von der Karim ihm erzählt hat, dass sie tot sei. Sie zeichnen ein anderes Bild des Landes und wissen, warum Karim es verlassen wollte. Karims Mutter beschreibt ihren Song als freundlichen, friedlichen Jungen, den alle mochten. Karim sei von der Revolution im Land enttäuscht gewesen, sah keine Perspektive für sich in seiner Heimat und wollte unbedingt nach Europa. Er sei in die Türkei gereist, um dort Arbeit zu finden. Dort habe er dann den Entschluss gefasst, sich unter die syrischen Flüchtlinge zu mischen und nach Deutschland zu fliehen. Was Jan besonders schockt: Karims eigene Mutter hat ihm geraten, sich als Syrer auszugeben und in Deutschland lieber zu erzählen, dass sie tot sei.  

14 Jahre Gefängnis

Während Jan erfährt, wer sein Freund wirklich ist, sitzt dieser in Tunesien im Gefängnis und wartet auf sein Urteil. Jan trifft Karims tunesischen Anwalt, der ihm erzählt, dass Karim 14 Jahre einsitzen wird – denn die örtlichen Behörden sind überzeugt: Karim war beim IS. 

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