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Die Reportage | Beitrag vom 20.11.2020

Mein Freund, der Terrorist - Folge 4Der Staatsfeind

Von Christoph Cadenbach und Dominik Schottner

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Illustration: zwei Hände mit Handschellen (Anselm Magnus Hirschhäuser)
Zugriff: Im November 2016 werden Karim und Jan von einem Spezialeinsatzkommando der Polizei überwältigt. (Anselm Magnus Hirschhäuser)

Ende 2016 sitzt Karim in Untersuchungshaft. Die Ermittler finden heraus, dass Karim nicht Karim heißt und er Tunesier ist. Jan kann das alles nicht glauben. Er will Karim helfen und besucht ihn im Gefängnis. Es wird das letzte Treffen der beiden.

Spezialeinsatzkommando, Terrorverdacht, Gefährder – Begriffe, die Jan bisher nur aus den 20-Uhr-Nachrichten kennt. Doch auf einmal sind sie nicht mehr ganz so fern, nicht mehr ganz so entkoppelt von Jans Lebensrealität. Sein bester Freund, Karim, hat diese Begriffe in Jans Leben gebracht. Und darauf ist Jan nicht vorbereitet. Im November 2016 werden Jan und Karim in Berlin-Schöneberg von einem Spezialeinsatzkommando übermannt, vorläufig festgenommen und verhört.

Die Beamten wollen einen IS-Terroristen stellen: nämlich Karim. Sie vermuten, dass er kurz davorsteht, einen Anschlag zu verüben. Der Zugriff ist das vorläufige Ende einer Observation durch den Verfassungsschutz, von dem Jan und Karim bis dahin nichts mitbekommen haben.

Eine Küche voller geköpfter Kuscheltiere 

Während Karim von den Beamten sofort in eine Gefangenensammelstelle gebracht und bewacht wird, wird Jan von ihnen nicht als Mittäter, sondern als Zeuge vernommen. Dafür nehmen die Beamten ihn mit zur Durchsuchung seiner Wohnung, weil hier auch Karim gewohnt hat. Als sie dort ankommen, ist Jans ganze Küche voller geköpfter Kuscheltiere. Die hatte Jan von Freunden und Bekannten bekommen und wollte sie eigentlich Kindern in der Geflüchtetenunterkunft schenken.

Illustration: Ein Mann rennt weg. (Anselm Magnus Hirschhäuser)Jan realisiert erst nicht, dass ihn Polizisten verfolgen. Deshalb ergreift er die Flucht. (Anselm Magnus Hirschhäuser)

Während Jan dieser surrealen Suche nach Beweismitteln in seiner Küche zusieht, kreisen seine Gedanken um Karim. Er will seinem Freund helfen und ruft den Notdienst der Vereinigung Berliner Strafverteidiger an. Jan will zu diesem Zeitpunkt einfach nicht glauben, dass die Anschuldigungen der Polizei gegen Karim stimmen. Was Karim jetzt bevorsteht: ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung im Ausland und der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat.

Wiedersehen im Gefängnis 

Karim wird am nächsten Tag mit einem Hubschrauber zum Bundesgerichtshof nach Karlsruhe geflogen, zu einer Vernehmung durch einen BGH-Richter. Der übliche Weg, wenn es um Terrorismus geht: Dann ist nicht die örtliche Staatsanwaltschaft, sondern die Bundesanwaltschaft zuständig.

Karims Freunde in Berlin können das alles nicht glauben. Der Typ, mit dem sie letzte Woche noch Kaffee trinken waren, soll ein IS-Terrorist sein? Unmöglich. Im Januar 2017 darf Jan Karim in der Untersuchungshaft besuchen. Dass sein Besuch das letzte Treffen der beiden sein wird, weiß damals keiner von ihnen. Undenkbar damals auch: dass Karim kein Strafprozess in Deutschland bekommen wird.

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