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Mittwoch, 25.11.2020
 
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Die Reportage | Beitrag vom 20.11.2020

Mein Freund, der Terrorist - Folge 2Der Bruder

Von Christoph Cadenbach und Dominik Schottner

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Illustration: zwei Männer, einer von ihnen trägt ein Maschinengewehr (Anselm Magnus Hirschhäuser)
Dicke Freunde. Doch einer von beiden verrät die Freundschaft. (Anselm Magnus Hirschhäuser)

Als Karim bei Jan einzieht, beginnt ein Sommer mit Partys und gemeinsamen Freunden. Schnell sind beide wie Brüder. Karim scheint perfekt integriert zu sein. Doch wie passt dazu ein Foto, das ihn mit einer Kalaschnikow zeigt?

Freundschaften können einen überraschen. Und manche Freunde überraschen einen so sehr, dass man sich von ihnen trennen muss. Weil man enttäuscht ist, sich betrogen fühlt, wenn der engste Freund plötzlich schlimm lästert, geliehenes Geld nicht zurückzahlt oder mit der eigenen Partnerin schläft. Bei Jan und Karim ist das alles eine Spur krasser: beide  werden im November 2016 durch den Einsatz eines Spezialeinsatzkommandos der Polizei getrennt. Der Vorwurf: Karim ist ein islamistischer Terrorist.

Jan hat davon nichts geahnt. Im Gegenteil, nachdem Jan den Geflüchteten bei sich einziehen lässt, kosten die beiden ihre Freiheit in vollen Zügen aus. Sie gehen sogar zusammen in den Berliner Club "KitKat" – bekannt für seine Fetisch- und Sexpartys. Retrospektiv fragt sich Jan: Wie kann jemand dort feiern und gleichzeitig ein islamistischer Terrorist sein?

Hungrig auf ein neues Leben

​Bevor der Polizeieinsatz alles änderte, war Karim für Jan einfach ein Freund, der aus Syrien geflüchtet ist. Angekommen in Berlin und hungrig auf ein neues Leben. Dieses Leben bestritten die beiden gemeinsam, alles fühlte sich an wie nie enden wollende Semesterferien: Party, Ausflüge an den See, Frauengeschichten.

Illustration: Ein Mann mit Maschinengewehr (Anselm Magnus Hirschhäuser)Über WhatsApp tauscht sich Karim mit einem gewissen Khalaf in der Türkei aus. Der schickt ihm ein Foto, das Karim mit einem Sturmgewehr zeigt. (Anselm Magnus Hirschhäuser)

Doch natürlich war dort auch noch der Krieg in Syrien, den Karim angeblich hinter sich gelassen hatte. Immer wieder holen ihn die Erinnerungen an diese Zeit ein. Er weint tagelang, als sein Vater und seine Mutter sterben. Dabei an seiner Seite: Jan. Karim wird auch äußerlich immer mehr zu Jan. Auf Fotos von damals sieht man sie oft beide mit ähnlichen Kappen auf dem Kopf, mit einem breiten Grinsen im Gesicht, locker sitzenden Skaterklamotten.​ ​Jan, der Ältere, und Karim, der Jüngere.

Wer ist Karim wirklich?

Karim scheint in Berlin sein altes Leben in Syrien immer mehr abzulegen. Wenn er Frauen kennenlernt, erzählt er ihnen, er sei Franzose. Doch so ganz lässt ihn seine Vergangenheit nicht los. Im Spätsommer 2016 erzählt er Jan, dass seine Schwester und drei Cousinen auf der Flucht nach Deutschland sind. Jeden Tag telefoniert er auf ihrer Route mit ihnen – bald gibt es kein anderes Thema mehr.

Doch wie sich später herausstellen wird, telefoniert und chattet Karim nicht nur mit seiner Schwester. Er hat auch noch Kontakt zu anderen Menschen, die die Vermutung, dass Karim vielleicht tatsächlich ein IS-Terrorist ist, verdichtet.

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