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Feiertag - Kirchensendung / Archiv | Beitrag vom 13.10.2013

Mein angeknüpftes Leben

Von Susanne Krahe, Unna

Seit fast 22 Jahren lebt Susanne Krahe bereits mit transplantierten Organen. (dpa / picture alliance / Kay Nietfeld)
Seit fast 22 Jahren lebt Susanne Krahe bereits mit transplantierten Organen. (dpa / picture alliance / Kay Nietfeld)

Die Theologin und Autorin Susanne Krahe lebt mit gespendeten Organen. Sie spricht über ihre persönlichen Erfahrungen und versucht eine theologische Deutung, die aus ihrem Dialog zwischen Leben und Tod erwachsen ist.

Frank-Michael Theuer: Gut die Hälfte von Ihnen, liebe Hörerinnen, liebe Hörer, dürfte schon Post bekommen haben. Post von Ihrer Krankenkasse, darin: Ein Organspendeausweis. Diese Post soll nun regelmäßig kommen - in Deutschland ist 2012 die sogenannte "Entscheidungslösung" Gesetz geworden. Niemand muss auf diese Post antworten, keiner muss diesen Organspendeausweis ausfüllen. Die Frage aber liegt nicht nur im Briefkasten – Bin ich bereit, im Todesfall meine Organe zu spenden?
Bei mir im Studio ist Susanne Krahe zu Gast. Theologin und Autorin, erblindet – und Empfängerin von Spenderorganen.
Frau Krahe – darf man Menschen zu einer Entscheidung für oder gegen Organspende zwingen?

Susanne Krahe: Ich fürchte, unsere derzeitige Gegenwart, unsere gegenwärtige Situation, zwingt uns, in dieser Angelegenheit, die ja nicht angenehm ist, eine Position zu beziehen. Es ist nun einfach... es gehört zu unserer gesellschaftlichen, politischen und auch medizinischen Realität, dass Organe von einem Menschen auf den anderen übertragen werden können. Natürlich wünsche ich mir das nicht, dass diese Möglichkeit je in meinem Leben mal Wirklichkeit wird, und ich mal selbst ganz krank werde und eventuell ein Organ brauche; oder dass ich für einen Angehörigen entscheiden muss, ob dessen Organe verwendet werden können. Das wünsche ich mir nicht, aber dass es eine Möglichkeit ist, kann ich auch nicht einfach verleugnen. Spätestens im Ernstfall muss ich mich dann doch entscheiden.

Frank-Michael Theuer: Sie selbst standen der Organspende kritisch gegenüber. Aus guten Gründen. Darüber haben Sie geschrieben in Ihrem Buch "Der Geschmack von Blau. Was ich weiß, seit ich nichts mehr sehe." Daraus hören wir einen Ausschnitt:

"Es gab eine Zeit, da war ich aus Prinzip dagegen. Wie viele Theologinnen und ihre Ethiklehrer in den 1980er Jahren pochte mein Herz für jeden Menschen, dessen Gehirn für tot erklärt worden war. Ich bestand auf dessen Recht, "normal", also am Stillstand des eigenen Pulses zu sterben. Vor allem verlangte ich für seine Angehörigen die Chance, sich von dem geliebten Menschen zu verabschieden. Ich ahnte, wie eine Mutter sich fühlte, die sich vor ihrem Kind in einer Intensivstation wiederfand und gefragt wurde, ob das Herz, die Lunge, die Leber aus diesem atmenden, schwitzenden Körper gerupft und in einen anderen verpflanzt werden dürfen.
Eine Organentnahme war für mich "Ausweidung" eines Menschenkörpers. Eine Niere, die an fremde Adern genäht wurde, verachtete ich als "Ersatzteil", und die Gier nach solchen Werkstücken, die uns ewiges Leben verhießen, fand ich skrupellos. War es nicht theologisch inkorrekt, einfach nicht sterben zu wollen, wenn meine Zeit gekommen war?"


Frank-Michael Theuer: Diese, ja auch theologische, Theorie ist zur praktischen Erfahrung in ihrem Leben geworden, Frau Krahe...

Susanne Krahe: Ja, ich bin mit 18 Jahren, kurz vor dem Abitur, an der sogenannten Zuckerkrankheit, dem Diabetes Typ I erkrankt. Und ich bin dann im Laufe der Jahre mit dieser Krankheit - die damals viel Disziplin und eine bestimmte Unterordnung unter Gesetze und Regeln erforderte, in meinem Leben einfach nicht fertig geworden. Ich hab das nicht geschafft, mich den Bedingungen dieser Krankheit anzupassen. Und dann geschahen in meiner Lebensgeschichte die Folgen, die bei einem schlecht eingestellten Diabetes halt so passieren können: Das war die Erblindung, und kurze Zeit später dann auch das finale Nierenversagen, das mich an die Dialyse brachte. Ich konnte dann nur überleben, indem ich mich drei Mal die Woche der Blutwäsche unterzog. Das ist ein Mittel zum Überleben. Das hat mir auch damals das Leben gerettet. Aber ich war in einem ganz schlechten, ich möchte sagen, elenden Zustand. Und auch die Statistiken zeigen, dass bei bestimmten Grunderkrankungen, zu denen auch Diabetes Typ I gehört, die Überlebensdauer der Patienten an der Dialyse nicht lange ist. Ich hätte damals gar nicht gedacht, dass ich je wieder aus dieser Situation noch einmal heraus kommen würde, und das gab mir vielleicht auch den Mut, oder die Freiheit, dann zu sagen: Okay, ich lasse mich auf eine Liste zur Organtransplantation setzen.

Frank-Michael Theuer: Man hat Ihnen dann eine Niere und eine Bauchspeicheldrüse implantiert. Wie lange, Frau Krahe, leben Sie mit den Organen eines fremden Menschen?

Susanne Krahe: Fast 22 Jahre lebe ich mit den Organen eines sehr jungen Menschen, die mir implantiert wurden. Eine Niere und eine Bauchspeicheldrüse: Damit zu leben, bedeutete für mich eine völlig neue Chance. Denn ich kam damit nicht nur von der Dialyse weg, sondern ich bin auch, was ganz erstaunlich ist, seit 22 Jahren nicht mehr zuckerkrank.

Frank-Michael Theuer: In einer ganz ähnlichen Situation ist auch der Autor David Wagner. Ihm ist eine Leber transplantiert worden. 2013 hat er einen auch autobiografischen Roman geschrieben mit dem Titel "Leben". Dafür hat er auch den Preis der Leipziger Buchmesse erhalten. Aus diesem Roman hören wir ein Stück.

"Ich bin zwölf, dann dreizehn, und meine Leber ist kaputt, sie war wohl länger schon entzündet. Ich habe, obwohl noch ein Kind, eine Leber wie nach fünfzig Jahren Alkoholkonsum, kann aber auch mit einer Drittel-Leber und sehr mäßigen Leberwerten weiterleben, die Werte dürfen nur nicht schlechter werden, sagt B., mein Arzt. Es beginnt eine Kombinationstherapie mit Cortison und einem Immunsuppressivum, die Entzündung klingt ab, die Zirrhose bleibt. Es geht mir gut. Es geht mir gut, bis die Probleme mit den Nebenwirkungen der Medikamente anfangen. (S. 37)

Ich stehe wieder auf der Liste, sammle Wartezeit. Mit jedem Tag steigt die Wahrscheinlichkeit zu sterben, jeder Tag ist ein Tag näher dran am Tod. Doch jeden Tag, das ist die Ironie der Liste, steigt auch die Chance zu überleben— nur muß ein anderer vorher sterben. Und ich weiß schon: Wenn du nicht stirbst, dann sterbe ich. (S. 90)

...Möchte ich, daß du stirbst? Nein, ich möchte nicht, daß du, wo auch immer du dich gerade aufhältst, überfahren wirst. Oder durch eine Windschutzscheibe gegen einen Baum fliegst. (S. 90)"


Frank-Michael Theuer: Wenn du nicht stirbst – dann sterbe ich. Genauso: ich möchte nicht, dass du stirbst. Frau Krahe, sie leben als Organempfängerin – lässt dieser Widerspruch sich auflösen?

Susanne Krahe: Natürlich versuchen die Organempfängerinnen und noch mehr die Ärzte, auf rationale Weise mit dieser widersprüchlichen Situation umzugehen, und möglichst... ich möchte schon sagen nüchtern bis cool mit diesem Widerspruch fertig zu werden. Das ist aber nur ein Zeichen dafür, dass er sich im Grunde nicht auflösen lässt bzw. dass das, was da mit zwei Menschen passiert, mit einem sterbenden Menschen und einem überlebenden Menschen, dass das in einem Bereich ist, der die medizinische Routine weit übersteigt. Ich möchte diese Situation "Grenzsituation" nennen. Man kann es auch etwas platter sagen: Es passiert da etwas ganz Ungeheuerliches. Und es fehlen uns bis heute eigentlich die Begriffe, es fehlt uns die Sprache für das... um das auszudrücken, was besonders emotional da mit zwei Menschen, gerade mit dem Empfänger eines Organs so passiert. Deswegen finde ich es auch sehr schön, diesen Roman von David Wagner... Dass ich ihn lesen konnte, find ich sehr schön, dass das noch mal jemand Anderes versucht hat, mit seiner literarischen Sprache - das ist vielleicht die einzige Möglichkeit, sich diesem Phänomen emotional zu nähern - das Thema Organspende eben nicht so nüchtern und nicht so sachlich anzugehen.

Frank-Michael Theuer: Das Transplantationsgesetz spricht von einem ‚irreversiblen und vollständigen Ausfall aller Hirnfunktionen‘ als Voraussetzung jeder Organentnahme. An dieser Definition scheiden sich die Geister, auch in ethischer Hinsicht. "Hirntod": Ist diese Definition für Sie, Frau Krahe, irgendwie greifbar?

Susanne Krahe: "Hirntod" ist eine moderne Definition, die aus einer Zwangslage der modernen Medizin heraus gefunden wurde. Sie entspricht keineswegs den Menschheits-Erfahrungen oder auch nur den persönlichen Erfahrungen dessen, was eigentlich "Tod" ist. Das macht diesen Bereich Hirntod zu einer Grauzone, in der wir nie ganz sicher sein können. Wer sagt, dass mit dieser Hirntod-Definition ein für allemal eine gültige Bestimmung dessen, was Tod bedeutet, gefunden ist, der ist meiner Meinung nach anmaßend. Gerade als Betroffene habe ich versucht, diese Grauzone nicht nur auszuhalten, sondern durch Kommunikation mit meinem Spender, durch das Schreiben und das Ansprechen eines "Du" mich in der Grauzone zurecht zu finden.

"Hilf mir, Unbekannter! Sprich: Ist ein Hirntoter auch wirklich tot, und wie tot darf man sein, ehe das Messerchen ansetzt; je toter, desto erlaubter der Schnitt? Warum gibt man den Toten Narkose, wenn sie doch angeblich keinen Schmerz mehr empfinden, warum steigt denen der Blutdruck während der Operation? Ein Körper, der atmet, Reflexe hat, schwitzt und ausscheidet, kann sein Lebendigsein nicht bloß spielen.
Hilf mir, du Unbekannter. Sag, dass es kein Zurück mehr gibt. Sag, dass dich nur jemand aus der Schwebe genommen und dich neu geerdet hat. Sag, dass ich das Bündel, das du im letzten Sturzflug verloren hast, auffangen und mir auf den Rücken schnallen durfte. Erlaube mir, deine abgebrochenen Träume zu Ende zu träumen."


Frank-Michael Theuer: Ihre Sichtweise, wie ich sie höre, stimmt nicht mit der offiziellen Hirntod-Definition überein, nach der ein hirntoter Mensch wirklich "tot" ist…

Susanne Krahe: Ja. Wie tot kann ein Mensch gewesen sein, dessen Organe fast 22 Jahre in meinem Körper weiterarbeiten? Das zeigt schon, dass da mit dem Begriff Tod und Leben so einfach nicht umgegangen werden kann; hier ist das Leben, und dort hört das Leben auf, und hier fängt der Tod an. So einfach ist das nicht! Es handelt sich beim Hirntod ja auch um eine juristische Definition, die notwendig ist, um den Ärzten bei ihrem Tun Rechtssicherheit zu verschaffen. Aber als Philosoph oder auch als Theologin muss ich mich nicht unbedingt an diese Definition, an diese Bestimmung anschließen. Ich habe, sagen wir mal, mein zweites Leben mit den Organen empfunden als eine Art Übergang. Von einem anderen Menschen kommt ein Stück Leben, und ich trage das in mein Leben hinein. Es geht bei der Existenz als Organempfängerin darum, eine Art "Symbiose" mit dem fremden Organ zu leben.

Frank-Michael Theuer: David Wagner scheint das ähnlich zu empfinden und macht sich Gedanken darüber:

"Und wieder: Kann ich meiner Erinnerung trauen? Wurde mir vielleicht eine neue eingepflanzt? Habe ich auf einmal eine andere Vergangenheit und: das bisher nur nicht bemerkt? Sind das womöglich deine Erinnerungen? ... Ich bin jetzt eine Chimäre, B. hat es mir erklärt: Nach einer Transplantation zeigt sich ein Chimärismus im Knochenmark des Organempfängers. Genotypisch bin ich nicht mehr nur der, der ich war, ich bin jetzt auch die Person des Spenders, also du. Die Biochemie, die in mir Bewusstsein erzeugt, ist eine andere geworden...
Ich bin ein zusammengesetzter neuer Mensch, ergänzt und verbessert, eine Chimäre, ein Hybrid, ein Replikant beinah. (S. 163)"


Frank-Michael Theuer: Auf Ihrer Seite, Frau Krahe, also als Organempfängerin werden nicht zuletzt die Identität und Individualität in Frage gestellt. Welche theologischen Aspekte werden davon berührt?

Susanne Krahe: Platt gesagt kann man sich fragen, ob bei solchen Vorgängen nicht dem Schöpfer ins Handwerk gepfuscht wird. Oder: schwingt der Mensch sich nicht sogar selbst zu einem Schöpfer auf? Oder will der Mensch nicht seine Sterblichkeit verleugnen, nicht wahrhaben, und sich womöglich mittels der Organe eines anderen Menschen unsterblich machen? Das ist eine Frage, die man als Organempfängerin öfter gestellt bekommt, auch vorgeworfen bekommt. Ich kann dazu nur sagen: Es geht bei der Organtransplantation nicht darum, Unsterblichkeit... einen Schritt in die Unsterblichkeit zu machen. Gerade als ein Mensch, der symbiotisch zusammen mit den Organen des Spenders lebt, bin ich besonders verletzlich; ich muss Medikamente nehmen, um die Organe des Spenders in meinem Organismus nicht zu gefährden. Ich bin besonders den Gefahren von Bakterien usw. ausgesetzt. Ich habe ja jetzt nicht mehr Verantwortung nur für mich selbst. Ich hab jetzt Verantwortung für Zwei. Wenn ich sterbe, stirbt auch der letzte Rest meines Spenders. Das macht dieses Leben in gewisser Weise schwerer als vorher, wenn man das überhaupt sagen kann. Es gibt ihm eine ganz andere Verantwortung. Um Unsterblichkeit kann es aber nicht gehen, höchstens um eine Verschiebung des Todeszeitpunkts. Aber kaum jemand weiß sich so nah, nach wie vor, an der Todesgrenze wie der Empfänger eines fremden Organs.

Frank-Michael Theuer: Wie nahe Ihnen das geht – im wahrsten Sinne des Wortes – beschreibt für mich sehr eindrücklich wieder ein Text von Ihnen als Autorin:

"Er steckt mir im Kopf, er liegt mir im Blut, im Magen, in den Haaren.
Er bleibt mir auf den Fersen wie ein Überbein. Mein Schweiß, sein Schweiß. Seine Sekrete in meinem Blut, meine Säfte in seinen Zellen. Sein Tod, unser Leben.
Mein Sterben, unser Tod. Meine Sorge, mein Stich in der Leiste, mein Stachel im Fleisch. Er geht mir durch Mark und Bein, wenn ich schreie."


Frank-Michael Theuer: Mit Spenderorganen zu leben – was das emotional bedeutet, das bringen Sie wie David Wagner in ihren Texten ganz dicht zu Ausdruck. Bei den Emotionen bleiben Sie aber nicht stehen: Sie geben sich nicht zufrieden mit Nächstenliebe als einfache christliche Begründung für Organspende. Wie deuten Sie auch Ihre ganz persönliche Erfahrung theologisch?

Susanne Krahe: Für mich ist der Organempfang und die Möglichkeit, ein zweites Leben sozusagen geschenkt bekommen zu haben durch die Ressourcen eines anderen Menschen, für mich ist das eine konkrete Erfahrung dessen, was Paulus und Luther "Rechtfertigung" genannt haben. Um diesen komplizierten, theologischen Zusammenhang mal etwas runter zu brechen, kann man es auch so ausdrücken: Rechtfertigung, das ist Gottes Okay zu unserer menschlichen Schwäche, zu unserem Scheitern, zu unserem Unwillen oder auch unserer Unfähigkeit, unsere Chancen von uns aus zu nutzen. In meiner eigenen Lebensgeschichte hat sich das dann so dargestellt: Ich konnte mit meiner Zuckerkrankheit überhaupt nicht umgehen bzw. ich bin völlig falsch damit umgegangen. Man könnte auch sagen: Ich habe meine eigenen Ressourcen verwirtschaftet, und ich konnte dann nur durch die Ressourcen eines anderen Menschen leben. Ich durfte das aber auch. Die Gnade bzw. die Rechtfertigung, wie die Bibel sie versteht, und wie auch ich sie jetzt begriffen habe, wirklich in meinen Gefühlen und in meinem ganzen Leben begriffen habe, die kann sich niemand verdienen. Die kommt von Gott, und da können wir nur "ja" zu sagen. Wie hätte ich als kranker Mensch mir auch etwas verdienen sollen, oder wie hätte ich etwas tun können, oder auch wollen können, etwa wollen, dass ein bestimmter Mensch, der dann so gut zu mir passte, sterben sollte...? Das war ja alles gar nicht der Fall. Was da passiert ist, diese ungeheure Erfahrung, die ist etwas völlig Unberechenbares, auch Unplanbares, und die kann man dann nur annehmen als ein ganz großes Glück und mit großer Dankbarkeit.

Frank-Michael Theuer: Über den Gedanken der Rechtfertigung, über das unverdiente ‚Ja‘ Gottes zum Menschen komme ich (am Schluss der Sendung) noch einmal zurück zu den Gefühlen. Von David Wagner, der wie Sie, Frau Krahe, mit Spenderorganen lebt, haben Sie noch einen Text mitgebracht. Auf mich wirkt er wie ein offenes Ende seines autobiographischen Romans:

"Das Problem mit der Dankbarkeit, die ich eigentlich empfinden müsste: Sie müsste viel, viel größer sein. Aber ist das nicht überhaupt das Problem mit den ganz großen Geschenken? Sie lassen sich nicht erwidern. Sie machen klein. Wie sollte ich mich für mein Dasein bedanken? Demut, obwohl ich den lieben Gott hin und wieder darum bitte, halte ich nie lange durch. (S. 208f)"

Frank-Michael Theuer: Als Schlusswort – dass ich Ihnen gerne überlasse – haben Sie noch einen eigenen Text mitgebracht. Sie lassen uns damit teilhaben an einem Frieden, den Sie gefunden haben – und der, so finde ich, jeder Diskussion über Organspenden, Transplantationsskandale und Entscheidungsdruck gut tut. Ich danke Ihnen für unser Gespräch.

"Manchmal liege ich nach dem Aufwachen ein paar Minuten auf dem Rücken und fahre meine Antennen nach innen aus. Wie alle Blinden erlebe ich die Klänge des eigenen Körpers als eine fein abgestimmte, sorgsam komponierte Symphonie. Das Streichorchester des Blutstroms schwillt zum Rauschen an, ein einsamer Trommler gibt sich Mühe, im Takt zu bleiben...
Ich spüre mich und meine Gänsehaut. Ich fühle mich, von der Zungenspitze bis in die Leiste.
Diese empathische Haltung gegenüber jeder Körperzelle war nicht von Anfang an entwickelt... Ich war abhängig von einem Körper, den ich am liebsten links liegen ließ, als hätte ich aus dem eigenen Kreislauf, den Nervenbahnen und Verdauungsprozessen aussteigen können wie aus einer Straßenbahn.
Heute bin ich gern Körper und verwundbar, empfindlich, defekt und reparaturbedürftig. Etwas kokett bezeichne ich mich als ein "Montagsmodell". Aber das Montagsmodell gehört zu einer Serie von Sonderanfertigungen."


Musik dieser Sendung:
(1) Klaviersonate c-moll KV 457 2. Adagio, Alfred Brendel, "Mozart, Das Beste 7, Klavierkonzerte"
(2) Klaviersonate c-moll KV 457 1. Molto, Alfred Brendel, "Mozart, Das Beste 7, Klavierkonzerte"
(3) Klaviersonate c-moll KV 457 3. Allegro, Alfred Brendel, "Mozart, Das Beste 7, Klavierkonzerte"

Literaturangaben:
Wagner, David: Leben, Rowohlt Verlag, 3. Auflage, Reinbek bei Hamburg März 2013, Prosa, Buchzeilen: 39

Die Texte von Susanne Krahe sind an ihre Autobiografie angelehnt: Krahe, Susanne: Der Geschmack von Blau. Was ich weiß, seit ich nichts mehr sehe, Neukirchener Aussaat Verlag, Neukirchen-Vluyn 2011.

"Die redaktionelle und inhaltliche Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Pfarrer Frank-Michael Theuer, Senderbeauftragter für Deutschlandradio, Rundfunkarbeit im Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik (GEP), für den Medienbeauftragten des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland."

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