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Die Mauer ist weg / Archiv | Beitrag vom 31.10.2009

Mein 9. November: Hans-Peter Ehrlich

Hans-Peter Ehrlich, 61 Jahre alt, ist Stadtdekan der Evangelischen Kirche in Stuttgart. Die Kirchenleute hatten schon vor der Grenzöffnung einen sehr intensiven Kontakt zu ihren Kollegen in Leipzig und Dresden. Als die Mauer fiel, nahm Dekan Ehrlich gerade an einer Fortbildungsveranstaltung der Arbeitgemeinschaft der Evangelischen Jugend in Görlitz zum Thema "Verhältnis der Völker der Sowjetunion zu Deutschland teil".

Das war überraschend und auch anrührend, weil ich mit einem Kollegen aus dem Erzgebirge das Zimmer teilte und dieser methodistische Pfarrer, als er von mir geweckt wurde mit dem Hinweis, die Mauer ist offen, gesagt hat natürlich, ich würde spinnen. Als er sich dann schließlich die Augen gerieben hatte und unter die Dusche ging, fing er unter der Dusche an zu tanzen. Das hab ich noch sehr eindrücklich in Erinnerung.

Am 9. November und am Tag darauf, war ich ganz und gar nicht auf Gottesdienste aus, sondern wir haben uns einfach gefreut. Ich hab dann beim nächsten Jugendgottesdienst, bei dem ich in Dresden war, das war am Vorabend des 1. Advents, zum ersten Mal mich ungefiltert äußern können, was ich in den Jahren zuvor nicht konnte. Da habe ich zwar auch oft teilgenommen als Partner aus Stuttgart, aber musste meine Botschaften immer sehr verklausuliert oder auch in Gebetsform verpackt loswerden. Da konnte ich endlich einmal reden und meiner Freude über das Zusammenfinden der beiden deutschen Staaten Ausdruck geben.

Dann bin ich zunächst zu meinem Flieger nach Westberlin, bin zurückgeflogen nach Stuttgart. Und das erste, was mir in Stuttgart auffiel, als ich ankam, war ein Trabi, der ungefähr 200 Meter von unserem Haus entfernt stand. Und auf dem lagen zwei Bananen, also ein Willkommensgruß aus Westdeutschland an jemanden, der aus Ostdeutschland gekommen war.

Wir mussten das alle erst verarbeiten. Und dann an den normalen Gottesdiensten an den Sonntagen drauf war natürlich das Thema Dank für die gewaltlose Revolution in der DDR im Vordergrund gestanden.

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