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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 03.05.2011

Mehrdeutiges Zentralorgan

Peter Stephan Jungk: "Das elektrische Herz", Zsolnay Verlag, Wien 2011, 190 Seiten

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Der Protagonist in Jungks Roman hat gleich mehrere angeborene Herzfehler. (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)
Der Protagonist in Jungks Roman hat gleich mehrere angeborene Herzfehler. (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)

Den elementaren Fragen des Lebens widmet sich Peter Stephan Jungk in "Das elektrische Herz". Sein neuer Roman vermischt leichtfüßig und amüsant die vielen Bedeutungsebenen, die mit dem menschlichen Herzen in Verbindung stehen.

Peter Stephan Jungk ist leider immer noch ein allzu unterschätzter Autor. Sein neuer Roman nimmt in gewisser Weise wieder den Ton und das Milieu auf, das sein fulminanter voriger Roman "Die Brücke über den Hudson" ausgezeichnet hat: Es geht um eine moderne jüdische Sozialisation, um Familien, die in der westlichen Hemisphäre zerstreut sind, um eine psychisch ungeheuer starke Spannung zwischen Tragödie und Komödie. In der Sprache entscheidet sich Jungk im Zweifelsfall eher für die Komödie. Was er schildert, verbirgt die tragischen Komponenten aber keineswegs.

Die Hauptfigur Max David Villanders, ein Dramatiker, hatte früher große Erfolge, auch und gerade auf dem Broadway, aber er sucht mittlerweile mehr oder weniger resignativ nur noch den Anschluss daran. Er wohnt in Paris mit seiner langjährigen Frau Catherine, die aber oft auf Reisen ist.

Auslöser des Textes, den wir nun vor uns haben, ist die zweite große Herzoperation, der sich Villanders unterziehen muss. Er hat angeborene Herzfehler, und aus diesem Umstand schlägt der Text in viele verschiedene Richtungen Funken: Schon ein Herzfehler ist ja eine einzige Mehrdeutigkeit. Die Beziehung des Dramatikers zu seinem Herzen ist das Leitmotiv seines Lebens, und unter diesem Aspekt rauschen in ereignisreichen Rückblenden die Stationen seiner Biografie an ihm vorbei. Nur eine der zahlreichen Pointen ist dabei, dass das Herz immer noch auf den Namen Jakob Stein hört, Villanders Geburtsnamen. Schon das kennzeichnet ein spezifisches Identitätsproblem, das im Lauf der meist sehr kurzen, einschneidenden Kapitel immer mehr Konturen gewinnt.

Was am Anfang geheimnisvoll dialogisch anmutet, stellt sich bald als verstörende Gewissheit heraus: Es handelt sich bei diesem Roman wirklich um ein Gespräch zwischen dem vermeintlichen Ich Villanders und seinem Herzen. Das Herz mischt sich aus seiner Perspektive recht kühn in die Schilderung der Tatbestände ein und korrigiert Villanders Einschätzungen mitunter – man möchte es wirklich sagen – sehr "beherzt".

Vor allem bei der sexuellen Sozialisation, bei Gefühlen für und gegen Frauen hat es entscheidend mitzureden, und das kulminiert in einer groß angelegten Feier im Jerusalemer Hotel "King David", bei der Villanders noch einmal mit all seinen früheren Geliebten konfrontiert wird.

Die vielen Herz-Ebenen machen den Reiz dieses Buches aus: Das konkrete Organ, das zu Operationen nötigt. Das Herz im übertragenen Sinn, das die "zentrale Metapher" für das Leben, Denken und Fühlen überhaupt ist. Das Herz als Symbol für die Liebe. Leichtfüßig, mit amüsanten Dialogen, werden somit elementare Fragen gestellt: Über das Schreiben, über die Selbstironie und vor allem über "alles, was Männer und Frauen bewegt". Denn nichts weniger als das "spielt sich in unseren elektrischen Kammern ab", wie das Herz einmal listig verheißt.

Besprochen Helmut Böttiger

Peter Stephan Jungk: Das elektrische Herz
Roman
Zsolnay Verlag, Wien 2011
190 Seiten, 18,90 Euro

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