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Interview / Archiv | Beitrag vom 13.09.2011

Mehr Geld für Ärzte "steht im Hintergrund"

Berliner Klinikarzt: Mediziner leiden unter Überlastung und Bürokratie

Michael de Ridder im Gespräch mit Nana Brink

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Operationssaal (AP)
Operationssaal (AP)

Heute beginnen die Tarifverhandlungen für die deutschen Krankenhausärzte. Der Leiter einer Berliner Rettungsstelle, Michael de Ridder, fordert Entlastungen der Ärzte sowie eine bessere Vereinbarkeit von "Hochleistungsmedizin" und Menschlichkeit.

Nana Brink: Dass sich da etwas aufgestaut hat in den Krankenhäusern, wird heute, da die Tarifverhandlungen für die 50.000 Krankenhausärzte in Deutschland beginnen, ziemlich offensichtlich. Die Belastungen sind zu hoch, die Menschen können nicht mehr, sagt ver.di und spricht von hohen Ausfallquoten. Und auch wir, die Patienten, spüren den Druck vieler Ärzte, wenn sie wenig oder gar keine Zeit für ein persönliches Gespräch haben. Die Gewerkschaft ver.di zum Beispiel führt eine lange Liste auf: Überstunden, Bereitschaftsdienste, Nachtarbeit sollen reduziert werden, um die Ärzte zu entlasten. Aber wie ist der Alltag von Ärzten in den Krankenhäusern wirklich? Am Telefon ist jetzt einer, der sozusagen an vorderster Front arbeitet: Dr. Michael de Ridder, Leiter der Rettungsstelle des Berliner Vivantes Klinikums Am Urban, einen schönen guten Morgen, Herr de Ridder!

Michael de Ridder: Einen schönen guten Morgen!

Brink: Wenn Sie Ihren Bereich nehmen, was sind die Herausforderungen der Ärzte dort?

de Ridder: Sie sind gewaltig. Meine Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen müssen als Rettungsstellenärzte enormen psychischen und physischen Herausforderungen standhalten. Sie müssen hohe klinische Erfahrungen mitbringen. Sie müssen Anpassungsbereitschaft, Entscheidungsfreude und – ganz, ganz, ganz wichtig – hohe kommunikative Kompetenz mitbringen. Denn sie müssen nicht selten sechs, zehn oder mehr Patienten gleichzeitig behandeln, die einerseits im engeren Sinn eine medizinisch-diagnostische Herausforderung darstellen, andererseits aber auch schwierigste soziale Hintergründe haben.

Beispielsweise die gleichzeitige Behandlung von einem Patienten, den Sie natürlich überhaupt nicht kennen, mit bedrohlichen Herzrhythmusstörungen; ein Patient, der mit einer Substanz vergiftet ist, die Sie nicht kennen; die gleichzeitige Behandlung eines hoch angespannten Menschen, der unter einer Psychose leidet, ein klagsamer, dementer Pflegeheimbewohner. Das sind Herausforderungen, die eine hohe Belastung darstellen, der wir natürlich schon insofern entgegenkommen, als wir diese Ärzte im Schichtdienst arbeiten lassen und insofern die Arbeitszeit immer sehr begrenzt ist, aber natürlich auch wieder eine Belastung bedeutet alleine durch die Wechselschichten.

Brink: Was bedeutet denn Schichtdienst, wie lange ist das bei Ihnen, wie muss ich mir das vorstellen?

de Ridder: Der Schichtdienst dauert achteinhalb Stunden.

Brink: Wenn Sie jetzt ein ganz praktisch konkretes Beispiel von irgendjemandem nehmen, der zum Beispiel zu Ihnen kommt und Ihnen erzählt, wie das ist, was wäre das in diesen acht Stunden?

de Ridder: Also, das sind Patienten, die wie gesagt Probleme haben, die ich eben aufgezählt habe, und die natürlich, wo jetzt entschieden werden muss, was machen wir mit diesen Patienten? Wie behandeln wir ihn adäquat, können wir ihn entlassen in hausärztliche oder fachärztliche Weiterbehandlung, oder aber müssen wir ihn stationär aufnehmen? Und vielleicht gestatten Sie mir: Dieses große Problem, was wir heute haben in der stationären Krankenhausmedizin, ist doch eines, das ist mir ganz wichtig: Es ist die Vermittlung von Hochleistungsmedizin – ich sprach gerade davon – einerseits und Menschlichkeit andererseits. Dieses darf kein Widerspruch sein. Und Ärzte leiden darunter, dass dies oftmals oder sehr häufig zu einem Widerspruch wird, weil das natürlich auch ihre sozusagen Lebensqualität beeinflusst in dem Sinne, dass sie merken, sie können ihrem ärztlichen Auftrag nicht mehr so gerecht werden, wie sie das eigentlich wünschen.

Brink: Erfahren Sie das täglich, kommen Ärzte, die unter Ihnen arbeiten, mit genau diesem Problem, ja einem strukturellen Problem von Krankenhausärzten, zu Ihnen?

de Ridder: Ja, viele Ärzte haben dieses Problem und sie benennen das auch. Und gleichzeitig muss ich natürlich sagen, wir tun gerade bei Vivantes eine ganze Menge dafür, dass die Arbeitsbedingungen für Ärzte sich verbessern. Auf der einen Seite beispielsweise haben wir ein sehr geordnetes Weiterbildungsprogramm geschaffen, wir sind dabei, die Ärzte vor übermäßigen, überbordenden Dokumentationspflichten zu entledigen, wir sind ein Unternehmen, das von der Hertie-Stiftung berufundfamilie die Zertifizierung für ein audit erhalten hat. Das heißt, wir verpflichten uns in den nächsten drei Jahren, ganz bestimmte strukturelle Änderungen an unseren Arbeitszeitmodellen vorzunehmen, beispielsweise Lebensphasen-orientierte Arbeitszeitgestaltung zu ermöglichen, Arbeitszeitkonten einzuführen, die Mutterschutzrichtlinie auszugestalten oder auch beispielsweise – heute ganz wichtig – die Verbesserung der Rahmenbedingungen für Beschäftigte mit betreuungspflichtigen Kindern und pflegebedürftigen Angehörigen.

Brink: Ist es also nicht nur eine Frage des Gehaltes, was ein Problem ist, sondern auch eine Frage, dass Ärzte entlastet werden von Bürokratie und Fortbildungsmaßnahmen bekommen?

de Ridder: Sie treffen den Nagel auf dem Kopf, Geld steht im Hintergrund heute. Die Gehälter der Ärzte sind nicht schlecht, zumal in Berlin. Vivantes zahlt Spitzengehälter. Und das ist nicht das – das höre ich ja auch immer wieder –, was die Ärzte wünschen, es geht um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Das ist ein ganz vordringliches Problem und weniger das Geld.

Brink: Das ist ja nun eine schöne Forderung, der bestimmt auch jeder Arzt gerne, gerade wenn er Sie als Chef hat, zustimmen wird. Aber haben Sie denn auch eine Idee, wie Ihre Vorstellungen finanziert werden sollen?

de Ridder: Na ja, das ist natürlich ein Problem, weil das kann nicht alleine bei den Krankenhäusern bleiben. Es ist doch vollkommen klar: Wenn wir diese strukturellen Maßnahmen durchsetzen, kostet das letztendlich auch Personal. Aber man muss hier auch sagen: Hier sind natürlich auch die Kostenträger gefordert, hier ist letztendlich die Politik gefordert, die sagen muss, wie das alles gegenfinanziert werden soll, wenn wir zufriedenere Patienten und zufriedenere Ärzte haben wollen.

Brink: Was sind denn Ihre konkreten Forderungen an die Politik oder zum Beispiel auch die Krankenkassen, Krankenversicherungen?

de Ridder: Na ja, ich würde sagen, wir brauchen eine Umschichtung der Ressourcen. Wir brauchen auf der einen Seite … Oder sagen wir so: Wir können heute sagen, wir haben zu viel beispielsweise inadäquate Inanspruchnahme von bildgebenden Verfahren. Wir haben im internationalen Vergleich gesehen zu viel Patienten, zu viel Ressourcen auf den Intensivstationen, wir haben im Pharmasektor unendliche Möglichkeiten zu sparen. Warum haben wir immer noch keine Positivliste? Also, es gibt große Möglichkeiten, sozusagen Ressourcen und Mittel freizusetzen, damit es in dem Bereich, den wir hier ansprechen, besser werden kann.

Brink: Dr. Michael de Ridder, Leiter der Rettungsstellung des Berliner Vivantes Klinikums Am Urban, schönen Dank für das Gespräch, Herr de Ridder!

de Ridder: Ich danke, auf Wiederhören!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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