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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 03.03.2010

Mehr als Urwalddoktor mit Schnauzbart

Friedrich Schorlemmer: "Genie der Menschlichkeit: Albert Schweitzer", Aufbau Verlag, Berlin 2009, 270 Seiten

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Albert Schweitzer, Theologe und Arzt, 1963 (AP)
Albert Schweitzer, Theologe und Arzt, 1963 (AP)

Albert Schweitzer ist vielen bekannt durch sein Wirken als Arzt in Afrika. Dass er darüber hinaus auch ein engagierter Streiter gegen den Atomkrieg und nicht immer nur der nette Tropendoktor war, zeigt Friedrich Schorlemmer in seiner neuen Biografie.

"Schweitzer hat eine Aura, er ist automatisch Mittelpunkt. Alle Blicke gelten nur ihm."

Eine Notiz von Gerald Götting, Vorsitzender der CDU in der DDR. Er kommt 1960 nach Lambaréné, um den Friedenskämpfer Albert Schweitzer in Augenschein zu nehmen - und ist voller Bewunderung.

Das Besondere an Schorlemmers Buch: Es versucht, Schweitzers Lebensleistung aus seiner Lebensphilosophie zu begründen.

Der erste Teil skizziert, wie sich Schweitzers ethische Überzeugungen entwickelt haben. Wir erfahren, Schweitzer hat im Alter von 26 Jahren schon zwei Doktortitel in der Tasche, einen in Theologie und einen in Philosophie. Das Wirken des Jesus von Nazareth betrachtet er gern im Licht der Moralphilosophie von Immanuel Kant.

"Die Tat Jesu besteht darin, dass seine natürliche und tiefe Sittlichkeit dem Hoffen und Wollen einer ethischen Weltvollendung Ausdruck gibt",

schreibt Schweitzer in einem Aufsatz.

"Ethische Weltvollendung", wie sich diese Lieblingsidee des Universitätsdozenten Albert Schweitzer sukzessive in ein Lebensziel verwandelte, dem zu dienen er sich selbst verpflichtet - das haben Schorlemmer und sein Co-Autor Marcus Hawel mit Sorgfalt recherchiert.

Im Jahre 1896 liest Schweitzer einen Bericht von christlichen Missionaren über das Elend der Eingeborenen in Afrika – und fühlt sich von Stunde an zu einer neuen Lebensaufgabe berufen. Noch einmal absolviert er ein Studium, diesmal Medizin, und rüstet 1913 mit seiner Frau Helene zum Aufbruch nach Gabun am afrikanischen Äquator.

Beim Bau des ersten Hospitals in Lambaréné legt Schweitzer selbst mit Hand an. In den Abendstunden ist er oft mit Zimmermannsarbeiten beschäftigt, tagsüber steht er am OP-Tisch. Oder er behandelt Malaria, die Schlafkrankheit, die Leiden von Leprakranken. Aus Schweitzers Büchern spricht das Mitgefühl für seine afrikanischen Patienten:

"Wie meine Gefühle beschreiben, wenn so ein Armer gebracht wird! Ich bin ja der Einzige, der hier helfen kann, auf Hunderte von Kilometern! Ich rede nicht davon, dass ich ihm das Leben retten kann. Sterben müssen wir alle. Aber dass ich die Tage der Qual von ihm nehmen darf, das ist es, was ich als die große, immer neue Gnade empfinde."

Im zweiten Teil des Buches erzählt Schorlemmer die Geschichte von Schweitzers Wirken in Lambaréné. Von den schwierigen Anfängen 1913, da praktiziert der Doktor noch allein in einem umgebauten Hühnerstall, bis hin zu Schweitzers Tod im Jahre 1965 - er hinterlässt Lambaréné als ein modernes Krankenhaus mit 40 Angestellten.

Den Höhepunkt seiner Popularität erreicht Schweitzer freilich Anfang der 50er-Jahre. Da reist er mit Vorträgen und Orgelkonzerten durch die westliche Welt, bekommt den Friedensnobelpreis, wird gefeiert wie ein Popstar und kann viel Geld einsammeln für sein Urwaldhospital, vor allem in den USA. Entsprechend stark ist auch das Verlangen, den Doktor vor Ort zu besuchen:

"Manche sind höflich und fragen vorher, ob sie willkommen sind. Andere sind weniger höflich und schicken einfach ein Telegramm: 'Ich komme!' Und viele sind ausgesprochen unhöflich, stehen plötzlich da mit einer Kamera auf dem Bauch und fragen: 'Wo ist Dr. Schweitzer?'"

- berichtet Frederick Frank, 1959, er ist Zahnarzt in Schweitzers Tropenhospital. Es ist "zur zweitgrößten afrikanischen Attraktion nach den Viktoriafällen" geworden, bemerkt der "Spiegel" anno 1960.

In diesen Jahren allerdings wird der globale Beifall für Dr. Schweitzer schon merklich schwächer. Er hat zwar weiterhin Freunde in aller Welt, aber inzwischen auch mächtige Feinde. Weil er sich zusammen mit Einstein und Russel gegen die Atomrüstung der Supermächte engagiert. In USA-Regierungskreisen wird Schweitzer jetzt als Kommunist verdächtigt, und ein gerüttelt Maß an "Lambaréné-Spendern" wendet sich von ihm ab. Trotzdem: Schweitzer lässt sich nicht beirren:

"Es muss dahin kommen, dass das Töten als Spiel - als Schande unserer Kultur empfunden wird!"

Schweitzers Engagement gegen einen drohenden Atomkrieg ist in diesem Buch erstmals ausführlich dokumentiert. Spätestens hier wird klar: Dieses "Genie der Menschlichkeit", wie Schorlemmer ihn bezeichnet, war nicht immer nur nett und verständnisvoll und von christlicher Nächstenliebe erfüllt. Schweitzer konnte auch kräftig "Nein!" sagen und seine Autorität in die Waagschale werfen.

Auch Stürme von Zorn sind bezeugt: als beim Bau des Hospitals die Einheimischen nach den Begriffen des Doktors herumtrödeln anstatt zügig zu arbeiten. Und wer immer nach Lambaréné zu Besuch kam, durfte keinen Erholungsurlaub erwarten: Man wurde zur Mithilfe eingeteilt.

Am Ende des Buches kommt der Leser nicht umhin, den Hut zu ziehen vor diesem Charakter und dieser Lebensleistung. Schorlemmer ist es bei seiner Beschäftigung mit Schweitzer offensichtlich genauso ergangen, er schreibt:

"Sein Leben stellt das unsere auf die Probe."

Besprochen von Susanne Mack

Friedrich Schorlemmer: Genie der Menschlichkeit: Albert Schweitzer
Aufbau Verlag , Berlin 2009
270 Seiten, 22,95 Euro

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