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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 28.05.2010

Mehr als Heimatglück und Liebesleid

Zur politischen Konnotation von Schlagertexten

Von Rolf Schneider

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Gesangsduo Marianne und Michael (AP Archiv)
Gesangsduo Marianne und Michael (AP Archiv)

Ein prominenter britischer Journalist, Johnny Sharp, hat ein Buch veröffentlicht, das die literarischen Qualitäten heimischer Schlagertexte bewertet. Das Urteil fällt vernichtend aus. Das Buch wurde sehr beachtet und ist ein Erfolg; auch sonst wird in England gerne über Niveau und Herstellung dessen, was dort lyrics heißt, öffentlich berichtet.

Deutschland kennt dergleichen nicht. Eine Hamburger Wochenzeitung probierte eine Zeit lang ironische Kommentare zu aktuellen Schlagertexten, aber die Sache wurde bald wieder eingestellt. Dabei ließe sich auch in Deutschland über diese Wortschöpfungen ästhetisch befinden, und weil Ästhetik nicht im luftleeren Raum existiert, hat die Sache außerdem eine politische Konnotation, unter anderem.

Der Schlager ist eine Gebrauchsware. Melodiös wiederholt er, bis zur Ermattung, die Harmonik des frühromantischen 19. Jahrhunderts, rhythmisch bedient er sich beim Jazz. Die Texte sind in der Wortwahl einfältig, die Reime schlicht, die Inhalte befassen sich vorwiegend mit Lust und Leid von Partnerbeziehungen. Eine Unterart, die irreführend als Volksmusik oder volkstümliche Musik auftritt, bietet zusätzlich Natur, Heimat, Tages- und Jahreszeiten als Inhalt.

Verharren wir bei letzterer. Sie wird bevorzugt von einem älteren Publikum und dargeboten von Interpreten, die sich in Trachten kleiden, meist solchen aus Gebirgsregionen. Die Landschaft, die sie anpreisen, ist immer schön, nie unberechenbar und kaum bedroht. Im Zeitalter von Globalisierung und Europäischer Union bedient das die verlogene Illusion von heiler Welt. Die musikalischen Mittel entsprechen dem. Dies alles ist durch und durch synthetisch und treibt seine Konsumenten in ein intellektuelles Kümmerdasein, das sich selbst als unpolitisch begreift, doch massive politische Folgen hat.

Das andere deutschsprachige Schlagergut wendet sich an ein jüngeres Publikum. Da dieses als kauffreudig und kaufkräftig gilt, wird es unter anderem von Kommerzsendern versorgt. Heimat findet bei Schlagern für junge Leute selten statt, eher die touristische Ferne und, natürlich, viel Liebesleid und -freud.

Vor allem aber sind anglophone Schlager zu hören. Die Sprachkenntnis der Zuhörer dürfte nicht immer ausreichen, deren Inhalte und sprachliches Niveau zu begreifen; ganz abgesehen davon, dass, im Widerspruch zu dem eingangs zitierten Johnny Sharp, angelsächsische Schlagertexte immer noch erträglicher kommen als die deutschen. Außerdem behaupten sich im Bereich der Populärmusik seit langem konkurrierende Formen, deren Texte inhaltlich vielfältiger und stilistisch ambitionierter sind; wir reden von Rockmusik, von Protestliedern, von Hip-Hop und Rap. Sie alle haben die Angebote diversifiziert. Der Grundbestand an textlichem Flachsinn bleibt gleichwohl erhalten.

Ihn zu irritieren, gibt es die Mittel der Ironie und der Parodie. Ein paar deutsche Interpreten traten auf, dergleichen zu vollziehen, sehr nachhaltig waren und sind sie nicht. Sie bieten Albernheiten, die das Genre der Lächerlichkeit preisgeben, doch dergleichen ist eine Ermessensfrage, abhängig von Intellekt und Geneigtheit der Angesprochenen. Das Bert-Brecht-Diktum, das Publikum genösse das ihm dargebotene Gift alsbald als Rauschgift, gilt auch in dieser trivialen Dimension.

Nun wurde das Verfahren, Schlagertexte durch sich selbst in Frage zu stellen, schon einmal erprobt. Viele erfolgreiche Lieder der 20er-Jahre in Deutschland glänzten mit Textzeilen wie "Mein Papagei frisst keine harten Eier" und "Es trägt die Lu lila / Von Kopf bis Schuh lila". Das ist die direkte Übernahme von Kunstmitteln der damals aktuellen Stilrichtung Dadaismus. Sie galt den Nazis als entartet und wurde von ihnen verboten. Die Autoren damaliger Schlagertexte hießen zum Beispiel Mischa Spoliansky, Friedrich Hollaender und Jean Gilbert. Sie waren von jüdischer Herkunft, Hitler hat sie verjagt. Ihre Kunst fehlt uns sehr.

Sagten wir nicht, dass Schlagertexten eine politische Konnotation eignet?

Rolf Schneider stammt aus Chemnitz. Er war Redakteur der kulturpolitischen Monatszeitschrift Aufbau in Berlin (Ost) und wurde dann freier Schriftsteller. Wegen "groben Verstoßes gegen das Statut" wurde er im Juni 1979 aus dem DDR-Schriftstellerverband ausgeschlossen, nachdem er unter anderem zuvor mit elf Schriftstellerkollegen in einer Resolution gegen die Zwangsausbürgerung Wolf Biermanns protestiert hatte. Veröffentlichungen u.a.: "November", "Volk ohne Trauer" und "Die Sprache des Geldes". Rolf Schneider schreibt gegenwärtig für eine Reihe angesehener Zeitungen und äußert sich insbesondere zu kultur- und gesellschaftspolitischen Themen.

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