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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 22.03.2007

Mehr als ein literarisches Zeitdokument

Werner Bräunig: "Rummelplatz", Aufbau Verlag, Berlin 2007, 768 Seiten

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Nach 40 Jahren ist nun endlich Werner Bräunings Roman "Rummelplatz" erschienen. (Stock.XCHNG / Christy Thompson)
Nach 40 Jahren ist nun endlich Werner Bräunings Roman "Rummelplatz" erschienen. (Stock.XCHNG / Christy Thompson)

Werner Bräunigs Roman "Rummelplatz" fiel 1965 dem Zentralkomitee der SED zum Opfer: Es durfte nicht veröffentlicht werden. Es entsprach nicht den ästhetischen Vorgaben des sozialistischen Realismus, aber auch nicht den Vorstellungen von Wirklicheitsbeschreibung der Genossen. Nach 40 Jahren erscheint es jetzt posthum und zeigt einen Autor von äußerster literarischer Könnerschaft.

Während die DDR als Staatsgebilde längst verschwunden ist, erscheint mit Werner Bräunigs "Rummelplatz" endlich jener in der DDR nie veröffentlichte Roman, der berühmt allein durch sein Verbot wurde. Wohl nur engste Vertraute des Autors kannten das Buch, das 1965 auf dem berüchtigten "Kahlschlag-Plenum" des ZK der SED eine so vehemente Kritik erfuhr. Bis zu diesem Zeitpunkt waren nur Auszüge in der Zeitschrift "NDL" erschienen.

Dass "Rummelplatz" nun mit vierzig jähriger Verspätung vorliegt, darf als eine literarische Sensation bezeichnet werden. Anders als Uwe Johnsons "Mutmaßungen über Jakob" oder Fritz Rudolf Fries’ "Der Weg nach Oobliadooh" – Bücher, die zwar in der DDR geschrieben, aber lange Zeit nur im Westen erhältlich waren – blieb Werner Bräunigs Buch "der berühmteste ungedruckte Roman der Nachkriegszeit."

Allerdings scheint nach so langer Zeit, die zwischen der Entstehung des Romans und der Erstveröffentlichung liegt, die von Christa Wolf im Vorwort aufgeworfene Frage berechtigt: Kann das Buch "heute noch wirken, nach vierzig Jahren?". Die Schriftstellerin, die Bräunig auf dem 11. Plenum gegen die Angriffe der SED-Führung mutig verteidigt hatte, spricht sich nach der Lektüre des umfangreichen Manuskripts erneut für den Roman aus, der ihrer Meinung nach mehr als ein "Archiv-Fund" ist. "Dazu ist der Text zu lebendig und […] auch zu spannend."

Lange Zeit war man der Ansicht, Bräunig hatte Pech, dass der Vorabdruck seines Romans gerade zu jenem Zeitpunkt in der "NDL" erschien, als sich das Politbüro entschloss, auf dem 11. Plenum nicht Fragen der Ökonomie, sondern solche der Kunst und Literatur zu diskutieren. Auf der Suche nach einem Sündenbock sei man auf den Arbeiterschriftsteller gestoßen, der zwar 1959 den Aufruf für den Bitterfelder Weg verfasst hatte, sich aber mit seinem Romanvorhaben von diesem Weg zu verabschieden schien.

Nach der Lektüre des Romans wird deutlich, dass es Bräunigs Buch traf, weil man von offizieller Seite den zunehmenden Einfluss der Moderne in Kunst und Literatur aufzuhalten gedachte.

Der Autor wurde kritisiert, weil er über die Arbeit in der Wismut schrieb, ohne sie zu verherrlichen. Er verzichtet bewusst auf alles leuchtend Helle und siedelt seine Geschichte in einer Landschaft an, die in nebligem Grau liegt. Hinzu kommt, dass die Figuren, die Bräunig ins Zentrum seines Romans stellt, keine sozialistischen Helden der Arbeit sind, wie man sie gern geschildert bekommen hätte.

Im Gegenteil, das Klima ist rau, es wird reichlich dem Alkohol zugesprochen und auch sonst kümmert man sich nicht um die Grundregeln der sozialistischen Moral. Davon aber wollte man im Politbüro nichts hören und schon gar nicht wollte man die realistische Beschreibung dieser Wirklichkeit gedruckt sehen.

Doch neben den Wirklichkeitsvorgaben, um die sich der Autor nicht scherte, verstieß Bräunig auch gegen die ästhetischen Kriterien des sozialistischen Realismus und verletzte somit nicht nur inhaltliche, sondern auch formale Tabus. Es ist gerade dieser ungeschönte Realismus, der Bräunigs Roman auch heute noch zu einem Ereignis macht.

Hier liegt kein Buch vor, dass nur als literarisches Zeitdokument zu betrachten wäre, sondern dieses äußerst lesenwerte Buch, das zu recht für den Leipziger Buchpreis nominiert wurde, ist in bestem Sinne lesenswerte Literatur. Es ist in einem Stil geschrieben, der eher an Alfred Döblin und weniger an Willi Bredel erinnert.

"Ein Buch wie dieses von Werner Bräunig hätte, wenn es nur erschienen wäre, Aufsehen erregt, es wäre in mancher Hinsicht als beispiellos empfunden worden", heißt es bei Christa Wolf. Für Werner Bräunig kommt die Genugtuung, dass sein Roman nun doch noch erscheint, zu spät. Er starb, innerlich zerbrochen, im Alter von 42 Jahren in Halle-Neustadt.


Rezensiert von Michael Opitz

Werner Bräunig: Rummelplatz
Mit einem Vorwort von Christa Wolf
Aufbau Verlag, Berlin 2007
768 Seiten. 24,90 Euro.

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