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Thema / Archiv | Beitrag vom 15.07.2009

Mehr als Akkuschrauber, Babynahrung und Flachbildschirme

Über die Nebeneffekte der Raumfahrt

Helmuth Trischler im Gespräch mit Britta Bürger

Neil Armstrong und Edwin E. "Buzz" Aldrin 1969 auf dem Mond (AP/NASA)
Neil Armstrong und Edwin E. "Buzz" Aldrin 1969 auf dem Mond (AP/NASA)

Ohne die Raumfahrt hätten viele technische Innovationen entweder gar nicht oder erst viel später Einzug in unseren Alltag gefunden. Für den Technikhistoriker Helmuth Trischler aber ist nicht die breite Palette von Produkten der bedeutendste Nebeneffekt der Raumfahrt.

Britta Bürger: Als der Astronaut Neil Armstrong vor 40 Jahren als erster Mensch den Mond betrat, da hatte er einen batteriebetriebenen Bohrer im Gepäck. Armstrong sollte schließlich mit möglichst viel Mondgestein auf die Erde zurückkehren. Der Bohrer machte das möglich. 15 Jahre später lagen solche Akkubohrer plötzlich in jedem Baumarkt – entwickelt von der Firma Black & Decker, die mit diesem Abfallprodukt aus der Raumfahrt einen Millionenumsatz macht. Doch rechtfertigen solche Erfindungen die astronomisch hohen Summen, die für die Raumfahrt ausgegeben werden? Mit diesen Fragen hat sich der Technikhistoriker Professor Helmuth Trischler befasst. Er ist Experte für die Geschichte der Raumfahrt und leitet am Deutschen Museum in München den Bereich Forschung. Ich grüße Sie, Herr Trischler!

Helmuth Trischler: Ja, guten Tag, Frau Bürger!

Bürger: Akkubohrer sind ja nicht die einzigen Produkte, die in den vergangenen 40 Jahren durch die Weltraumforschung angeschoben worden sind. Gibt’s da eine ungefähre Größenordnung, wie viele Produkte das betrifft, und wie breit ist das Spektrum?

Trischler: Ja, das Spektrum ist sicher breit, aber die Frage der Zuordnung ist schwierig: Was kommt wirklich de facto als Spin-off, wie das ja neudeutsch ist, als unmittelbare Folge aus der Raumfahrt, was nicht? Es wird ja üblicherweise die Teflonpfanne genannt sozusagen als das Produkt, das genuin aus der Raumfahrt kommt. Wenn man genauer hinschaut, stimmt das nicht, das ist eine Entwicklung in den 30er-Jahren, die völlig unabhängig von der Raumfahrt, die es zu dem Zeitpunkt ja noch gar nicht gegeben hat als bemannte Mission, erfolgt ist und dann in den 50er-Jahren, früheren 50er-Jahren schon sozusagen in die Haushaltspfanne gekommen ist. Das ist ein Beispiel dafür, wie man sozusagen solche Mythen, was alles der Raumfahrt zuzuschreiben ist, als Spin-off weitertransportiert. De facto ist es eine breite Palette von Produkten, die man so zurechnen kann, dass sie durch die Raumfahrt mit initiiert worden sind. Das reicht von der Kleidung, aber vor allen Dingen, was mir wichtig ist zu betonen, sind natürlich sozusagen der gesamte Bereich der Kommunikations- und Informationstechnologie, die wirklich auch von der Apollo-Mission sehr stark profitiert hat, weil sie selbst sozusagen hier angebunden ist. Die Telekommunikation, das Fernsehen war ja in die Raumfahrtmissionen direkt involviert und hat davon stark profitiert, auch von der technischen Infrastruktur. Die Satellitentechnik ist vielleicht das evidenteste Beispiel. Und all das, was wir heute mit der Satellitentechnik verbinden – GPS, Toll Collect, auch wenn das keine Erfolgsgeschichte ist, also das Mautsystem –, alles, was sozusagen vom Weltraum, von den Satelliten her mit gesteuert wird.

Bürger: Navigationsgeräte.

Trischler: Genau.

Bürger: Ich erinnere mich sehr genau, wie ich, an meinem achten Geburtstag war das nämlich, die Fernsehberichte über die Apollo-Astronauten geguckt habe und wusste, dieses Datum vergisst du nie, denn so was hatte man im Fernsehen ja wirklich bis dahin noch nicht gesehen. Hat die Mondlandung im Grunde also auch das Fernsehen weiterentwickelt. Das war ja weltweit eines der ersten Großereignisse, über das live mit Bildern berichtet wurde?

Trischler: Ja, bis heute ist die Apollo-Mission, Apollo-11-Mission, das Medienereignis des 20. Jahrhunderts. Es gibt kein Ereignis, das mehr Fernsehzuschauer, mehr, wenn man so will, auch Medienkonsumenten direkt mit involviert hat, mit beteiligt hat als diese Fernsehübertragung vom 19. bis 21. und dann auch danach die Missionen, aber da bröckelte es schon wieder ab. Das ist das Medienereignis des 20. Jahrhunderts. Das Fernsehen hat sich sehr akribisch zusammen mit der NASA auf dieses Ereignis vorbereitet, es mit gestützt und hat dann enorm davon profitiert. Dadurch, dass das Fernsehen selbst sozusagen sehr viel stärker auch noch mal in das öffentliche Bewusstsein gekommen ist, aber auch dadurch, dass es gelernt hat, wie man so etwas machen muss: Liveberichterstattung vom Mond und dann auch Simulation dessen, was dort auf dem Mond stattfindet, auf der Erde, die ganze Wissenschaftsberichterstattung, die für uns heute so wichtig ist, ist dort eigentlich erst erfunden worden. Und die Ikonen auch in Deutschland – Siefarth, Ernst von Khuon –, das sind die Ikonen der Wissenschaftsberichterstattung, die haben diese Liveberichterstattung damals gemacht und repräsentieren sozusagen die Anfänge des Wissenschaftsjournalismus.

Bürger: Wie wichtig sind die Ergebnisse der Raumfahrt für den medizinischen Bereich? Was gibt’s denn da für Entwicklungen?

Trischler: Ja, das ist natürlich auch ein wichtiger Bereich, die Medizintechnik, die heute so floriert, sicherlich vieles, auch nichtinvasive Operationen, der Nierensteinzertrümmer, das sind Technologien, die durch die Herausforderung, "cutting edge technology", wie wir sagen, also sozusagen ganz Besonderes, auch riskante Technologien, die viele redundante Sicherheitssysteme einbauen müssen, von dieser Herausforderung gelebt haben und davon profitiert haben. Nun kann man sich fragen, wäre so was nicht auch passiert ohne die Herausforderung. Und da wird man sicherlich als Antwort geben können: Ja. Vieles, was man eher dem Markt überlässt und nicht so sehr sozusagen vom Staat her befördert wird, ich meine, das sind ja natürlich sozusagen staatliche Großprojekte, Förderprojekte – vieles, wissen wir, lässt man besser den Markt machen und es kommt am Ende vielleicht sogar mehr da raus. Auf der anderen Seite wissen wir auch, gerade aus den USA – und das Apollo-Programm ist ein Beispiel dafür –, dass der Staat da was anschieben kann, indem er sozusagen das, was der Markt nicht leistet, eben riskante Projekte, die auch vielfach scheitern können, mit finanziert und auf die Art und Weise sozusagen Technik induziert. Aber das ist umstritten heute, zu sagen, was wäre da auch passiert, ohne dass man auf die Raumfahrt gesetzt hätte, sondern hätte es nur dem Markt überlassen. Man muss schon sehen, dass viele, viele, viele Milliarden dadurch gebunden worden sind, die sozusagen dann in anderer Weise der Wirtschaft und der Öffentlichkeit nicht zur Verfügung gestanden sind.

Bürger: Sie haben die vielen, vielen Milliarden gerade angesprochen, nennen wir ruhig ein paar Zahlen: Der jährliche Etat allein im Bundeshaushalt beträgt 870 Millionen Euro, die US-Weltraumbehörde NASA hat in diesem Jahr 15 Milliarden Euro umgerechnet zur Verfügung gehabt. Da stellt sich schon die Frage, ob diese immensen Summen tatsächlich die dann doch verhältnismäßig geringen Erfindungen rechtfertigen. Immerhin bezahlen das die Steuerzahler.

Trischler: Das bezahlen die Steuerzahler, und insofern muss man auch genau hinschauen. Und die Raumfahrt steht wie kaum eine andere Technologie auch immer wieder auf dem Prüfstand. Die Weltraumforschung hat von sich aus da also sozusagen immer wieder auch Rechtfertigungsunternehmen gemacht, also Großprojekte der Technikfolgenabschätzung gestartet, um der Öffentlichkeit zu signalisieren, wir gehen mit den Steuergeldern sinnvoll um, und das, was rauskommt, ist wichtig für die Gesellschaft. Eine Argumentationsfigur, die vielleicht von dem abweicht, was wir bisher diskutiert haben, die da auch immer wieder ins Feld geführt wird und die ist durchaus bedenkenswert, ist der sogenannte transutilitäre Nutzen der Raumfahrt, also all das, was sich sozusagen nicht jetzt in konkreten Technologien niederschlägt – Raumfahrt als Kulturaufgabe, die Weltbilderweiterung, die von der Exploration des Alls und von den Planeten dann ausgeht, indem wir als Menschen sozusagen unserer Verantwortung für das Weltall bewusst werden, internationale Kooperationen. Die Raumfahrt ist ja vielleicht schon auch das Feld, wo die europäische Kooperation seit den 70er-Jahren am besten funktioniert. Also Raumfahrt ist auch ein Treiber, ein Motor der europäischen Integration, Wissenschafts- und Technikintegration. Also sozusagen Weltraum als Kulturaufgabe, um’s mal so zu formulieren. Das ist natürlich schon auch ein Argument, ein Strang von Argumenten, der wichtig ist und den man diskutieren kann.

Bürger: Das kann man sagen, das sei ein großes Menschheitsprojekt, aber es gibt ja auch eine Reihe von Entwicklungen, auf die ein anderer Teil der Menschheit vielleicht lieber verzichtet hätte. Das fängt beim Strichcode auf Verpackungen an und endet bei der Weiterentwicklung von militärischer Technologie.

Trischler: Ja, die Raumfahrt ist ein Feld, in dem diese Verknüpfung von militärischer und ziviler Technik sozusagen sofort einem ins Auge springt, und der Beginn der Raumfahrt liegt ja auch sozusagen im Militär im Zweiten Weltkrieg: Wernher von Braun, V2-Rakete und dann aber auch in den ballistischen Raketen, also mit Nuklearsprengköpfen bestückt, die sozusagen den Kalten Krieg befördert haben, stabilisiert haben, lange nach vorne getrieben haben, die Dynamik des Kalten Krieges, also der Spannung zwischen der Sowjetunion und der USA nach 1945 befördert haben. Das ist richtig, das ist eine Technologie, die ganz besonders stark von dieser Dualität von zivilem und militärischem Nutzen geprägt wird, und da sieht man, dass man die beiden Dinge auch häufig gar nicht auseinanderhalten kann, weil sie zusammen in der Technologie angelegt sind, weil sie im Grunde zusammengehören.

Bürger: Worin liegt denn für Sie, Herr Trischler, persönlich der größte Nutzen der Weltraumforschung?

Trischler: Ja, ich würde schon sagen, durchaus auch in diesen transutilitären sagen wir mal Gründen, insofern, als nach 1945 wie gesagt in Europa Kooperation durch die Raumfahrt sehr stark war, aber auch heute international – Japan, China, Europa und die USA, Russland arbeiten hier zusammen, verständigen sich auf Projekte in Bereichen, in denen sie sich vielleicht ansonsten nicht verständigen würden. Und das ist bedenkenswert, dass wir hier die Raumfahrt haben als ein solches Feld, in der Internationalität durchaus heute unter sozusagen zivilen Vorzeichen funktioniert. Da würde ich sagen, das ist für mich der wichtigste Bezugspunkt der Bedeutung der Raumfahrt für die Gesellschaft.

Bürger: Der Technikhistoriker Helmuth Trischler hat sich mit den Nebeneffekten der Mondlandung vor 40 Jahren befasst. Ich danke Ihnen, Herr Trischler, für das Gespräch!

Trischler: Gerne!

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