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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 11.11.2014

MeerestiereDie Lieder der Riesen

Vor der amerikanischen Atlantikküste werden Buckelwale und ihre "Gesänge" erforscht

Von Andreas Horchler

Auftauchende Buckelwale, fotografiert am 29.12.2008. (picture alliance / dpa / Ilse Van Opzeeland / Alfred-Wegener-Institut)
Auftauchende Buckelwale (picture alliance / dpa / Ilse Van Opzeeland / Alfred-Wegener-Institut)

Es ähnelt einem Grollen oder dumpfen Quietschen, wenn Buckelwale in den Tiefen der Ozeane ihre gesangähnlichen Laute von sich geben. Amerikanische Meeresbiologen versuchen, den Sinn dieser "Gesänge" zu ergründen.

Gloucester, Massachusetts, ein typischer Fischerort in Neuengland, nicht ganz so berühmt wie die etwas südlicher liegende Insel Nantucket, aber auch ein Städtchen mit großer Fischereitradition. Dazu gehört auch der Walfang und seit über 30 Jahren die Walbeobachtung.

Im Hafen liegt neben einem mächtigen Dreimaster die Privateer IV und schaukelt in den Wellen. Drei kräftige Diesel treiben das Boot an, das seit 1983 hinaus auf den Atlantik fährt, um Wale vor der Küste zu beobachten. Fast genauso lange dabei Jay Frontierro, Biologe und Walbeobachter mit langem Pferdeschwanz, Bart und Sonnenbrille.

"Wir fahren von Gloucester nach Ost-Nordost", erklärt er. "Das Ziel: Die nördliche Ecke des Meeres-Naturschutzgebiet Stellwagen Bank. Seit 1992 ist die Gegend geschützt. Das ist ein Gebiet, wo etliche Arten das ganze Jahr lang Nahrung finden. Aber besonders in der wärmeren Jahreszeit vom Frühjahr bis in den Herbst kommen reiche Fischbestände hierher. Dazu gehören auch die großen Wale, Finnwale, Buckelwale und Zwergwale."

Walforscher Jay Frontiereo (Foto: Andreas Horchler)Walforscher Jay Frontiereo (Foto: Andreas Horchler)

Die Privateer verlässt die Hafenmole, gibt Gas, macht sich auf den Weg hinaus zu den krillreichen Walgründen.

Der Hafen von Gloucester wird schnell kleiner, das Boot prescht durch die Atlantik-wellen. Jay stellt sich den Fragen der Mitreisenden. Draußen an der Bank finden gerade die Buckelwale reichlich zu essen, erzählt er. Eine Million Kalorien nehmen die Kolosse pro Tag zu sich. Sie gehören zu den Bartenwalen, weil sie 270 bis 400 Hornplatten am Oberkiefer tragen, jede bis zu einem Meter lang. Sie helfen den 13 Meter langen Tieren, ihre Nahrung aus dem Meerwasser herauszufiltern.

"Die Barten gibt es nur am schmalen Oberkiefer, der Unterkiefer ist richtig breit. So geht nichts verloren."

"Ich habe Wale in der Schule durchgenommen", sagt ein Mädchen.

"Habt ihr auch von den Barten gehört?" Jay zeigt ein Prachtexemplar, das aussieht wie ein Schwert, einen Meter lang  aber sehr beweglich ist.

"Es ist das gleiche Material aus dem Haare, Fingernägel und Pferdehufe sind."

Noch einmal drehen die Diesel auf, dann erreicht die Privateer IV die Stellwagen Bank. Und dann:

"Hier auf 8:00 Uhr. Der sieht ein wenig zu groß aus für Pinball. Wer ist das wohl. Pinball sieht ähnlich aus. Aber das ist er nicht. Ich glaube nicht, dass er es ist."

Der Wal kommt nah ans Boot, bläst, zeigt seinen Buckel, taucht, verschwindet, springt. 25 Tonnen Wal schrauben sich aus dem Wasser und machen einen Bauchklatscher. Gigantisch.

Pinball, Tornado, Jabaroo, Nike, die Forscher haben den Walen Namen gegeben. Warum eigentlich?

Frontierro: "Das macht es leichter, sie zu studieren. Man kann sich leichter einen Namen merken als eine vier oder -fünfstellige Katalognummer. So hat das mit der Namensgebung angefangen. Halb zum Spaß, halb zu dem Zweck, sich besser an einen Wal erinnern zu können."

Der lehrreiche Gesang der Wale

Die Tiere lassen sich an der Unterseite der Schwanzflosse erkennen. Manche sind schwarz, manche weiß, manche gesprenkelt. Durch die Unterscheidung einzelner Wale, die zum Teil seit Jahrzehnten in der wärmeren Jahreszeit an die Küste Neuenglands kommen, haben die Meeresbiologen in Gloucester viel über das Sozialverhalten, die Wanderungen und den Gesang der Tiere erfahren. So großartig die Sprünge der Giganten vom Boot aus wirken, wirklich spektakulär wird es unter Wasser.

Wie andere Tiere werben männliche Wale um die Gunst der Waldamen. Besonders spektakulär, auch wenn sie nicht die einzigen unter-Wasser-Sänger sind: Die Songs der Buckelwale. Jahrelang glaubten Wissenschaftler, die Gesänge seien eine Art Zufallsprodukt. Eine Fehleinschätzung, glauben Jay Frontierro und seine Kollegen heute. Die Wale singen jedes Jahr ein neues Lied. Die Veränderungen muten an wie das Spiel "Stille Post".

Landkarte der Massachusetts-Bucht vor Neuengland, wo in den Sommermonaten Buckelwale zu beobachten sind.  (Foto: Andreas Horchler)Landkarte der Massachusetts-Bucht vor Neuengland, wo in den Sommermonaten Buckelwale zu beobachten sind. (Foto: Andreas Horchler)

Frontierro:"Ich denke, wir nennen das hier das Telefonspiel. Ist aber der gleiche Vorgang. Man fängt mit einer Version eines Liedes oder eine Geschichte an. Während sie von einer Person oder einem Wal zum nächsten wandert, macht jede Person und jeder Wal eine kleine Änderung. Mit der Zeit, wenn die Geschichte oft genug weitergegeben wurde, wird sie allmählich zu etwas völlig Neuem. Das sind unsere neuesten Vorstellungen davon, wie die Walgesänge funktionieren könnten. Keine Fakten, nur eine Theorie. Wir können heute dank der Technologie mehr denn je genau hören, welche Gesänge sie anstimmen.

Je mehr wir zuhören, desto mehr begreifen wir, dass sie das ganze Jahr lang singen. Sie singen eindeutig mehr im Spätherbst und über den Winter, aber sie singen mindestens Bruchstücke von Liedern das ganze Jahr lang. Und die Buckelwale sind nicht die Einzigen, die das tun. Wir kennen das auch von den Belugawalen, die wir auch die Meeres-Kanarienvögel nennen, weil sie auch singen. Eine lange Zeit haben wir angenommen, nur die Buckelwale und die Belugas würden singen, aber je mehr wir anderen Arten wie den Finnwalen, den Blauwalen zuhören, finden wir heraus, dass ihre Gesänge, ihre Rufe viel komplizierter, viel komplexer sind als wir ursprünglich angenommen haben. Also die Buckelwale sind bekannt als die singenden Wale, aber sie sind nicht die Einzigen."

Ozeanforschung in San Diego

John Hildebrand, Walforscher am anderen Ende Amerikas, am Scripps-Institut für Ozeanforschung in San Diego, untersuchte die pazifischen Blauwale. Auch sie singen. Auch ihre Lieder sind keine Zufallsprodukte.

"Es gibt nicht hohe Frequenzen und tiefe Frequenzen, sie synchronisieren ihre Rufe auf ein halbes Hertz genau. Sie singen alle gleich. Also müssen sie einander zuhören. Wenn also ein benachbarter männlicher Wal einen tieferen Song als ich singt, habe ich ein Problem. Also muss ich ihm hinab zu seiner Frequenz folgen. Selbst wenn ich weiß, dass die Verbreitung so geringer wird. Vielleicht nutzen die weiblichen Wale die Tonhöhe und die Stärke des Tons, um die Größe des Wals zu ermessen. Nur ein großer Wal mit einer Menge Luft in seinen Lungen kann einen Ton mit einer tiefen Frequenz und großer Verbreitung erzeugen. Das war ein erstaunliches Ergebnis. In der Wissenschaft kann man die Erkenntnisse nicht immer vorhersagen."

Christopher Clark, Wissenschaftler an der Cornell University, gehört zu den Experten, denen wir die faszinierenden Aufnahmen der Walgesänge zu verdanken haben. Und Clark hatte Glück, an eine Hightech-Ausrüstung heranzukommen, die sonst nur militärischen Zwecken dient.

"Ich hatte die außergewöhnliche Gelegenheit, das unter-Wasser-Abhörsystem der Marine zu nutzen, das über 40 Jahre entwickelt und eingesetzt wurde. Das ist ein Netzwerk von Sensoren unter Wasser, von Mikrofonen auf dem Meeresgrund, im Nordatlantik und Nordpazifik. Ex-Vizepräsident Gore forderte mich mit der Frage heraus, ob ein solches System, das ja entwickelt wurde, um sehr leise U-Boote aufzuspüren und zu verfolgen, in der Lage wäre, die Stimmen der großen Wale aufzuspüren und ihnen zu folgen. Das sind die Tiere, die auf sich aufmerksam machen, und zwar gegenüber einem möglichst großen Publikum. Ihre Stimmen hallen im ganzen Ozean wider. Also war die Antwort natürlich…ein rauschendes ja!"

Wenn sich ein Wissenschaftler mit einem Tier beschäftigt, das 30 Meter misst, ist Bescheidenheit eine Tugend. Wer wie Christopher Clark das Kommunikationssystem der Blauwale untersucht, wird ehrfürchtig.

"Ich kann mich sehr gut an das erste Mal erinnern,  als ich ein Spektrogramm, also einen Sound-Abdruck, einen Stimm-Abdruck eines Wales gesehen habe, der 1600 Meilen entfernt war. Ich saß da und hörte. Meine Gedanken spielten verrückt. Statt an die uns bekannte Welt der Wale zu denken oder an meine Welt, die sich darum drehte, über welche Entfernungen ich sehen oder hören kann, wurde ich plötzlich in diese Welt eingeladen, in der ich; unglaublich, ein Tier über den ganzen Ozean hören kann. Ich kann ein Tier hören, das manchmal hunderte, gar tausende Meilen entfernt ist!"

Artenschutz seit 1966 

Zurück in Neuengland, begleiten Tornado und Jabaroo die Privateer IV auf ihrem Rückweg nach Gloucester noch ein ganzes Stück. Die erwachsenen Buckelwale haben in den vergangenen Jahren immer wieder Kälber mitgebracht, wenn sie aus ihrem Winterquartier in der Karibik nach Neuengland zurückkehrten. Seit 1966 stehen die mächtigen Wale unter Artenschutz und vermehren sich wieder.

Frontierro: "Ein erwachsener, weiblicher Buckelwal bringt in der Regel jedes zweite oder dritte Jahr ein Kalb zur Welt, und es ist immer ein einzelnes Kalb. Es handelt sich also um eine ziemlich langsame Reproduktionsrate, die zeigt, in welcher Geschwindigkeit sich ein Bestand erholen kann. Natürlich spielt auch die Anzahl der weiblichen Wale eine Rolle. Angesichts dieser Rahmendaten gehören die 2 bis 2 ½ Prozent Wachstum pro Jahr bei diesen Walen hier nicht nur zur schnellsten Ausbreitung, sondern übertreffen auch unsere Erwartungen bei der Erholung der Bestände. "

Jedes Frühjahr kehren die Buckelwale aus ihrem Winterquartier in der Karibik in die Gewässer um Neuengland zurück. (Foto: Andreas Horchler)Jedes Frühjahr kehren die Buckelwale aus ihrem Winterquartier in der Karibik in die Gewässer um Neuengland zurück. (Foto: Andreas Horchler)

Wie ist das für einen Walexperten, der die ganze Saison auf dem Wasser unterwegs ist, der die Tiere beim Namen kennt. Gibt es Favoriten?

"Ach wissen sie, alle alten Wale. Wir haben 1983 mit der Walbeobachtung angefangen. Ich arbeite seit 26 Jahren für die Firma. Also sind alle die Wale, die noch aus den 80er Jahren hier sind, diese ´frühen Wale`, meine Lieblinge. Leider sind nicht mehr viele von denen da. Nur noch eine Handvoll ist übrig. Aber wenn immer wir ein solches Tier sehen, ist das sehr spannend.

Nach wie vor werden Wale, auch Buckelwale, gejagt. Meist in arktischen Gewässern, wo eine Kontrolle quasi unmöglich ist. Trotzdem vermehren sich die Wale, die im Frühjahr wieder nach Neuengland zurückkehren, an die Stellwagen Bank, wo es genug Nahrung für die singenden Riesen gibt. Hat Jay Frontierro nach weit über 20 Jahren alles gesehen, alles gehört, oder wird er auf seinen Atlantik-Fahrten immer noch überrascht?

"Oh, es gibt eine endlose Liste der Möglichkeiten. Ich gebe ihnen ein Beispiel. Ich habe dieses Jahr etwas zum ersten Mal gesehen. Es war kein Wal, sondern ein Albatros mit gelbem Schnabel. Ein Vogel aus der südlichen Hemisphäre. Ich bin selbst ein Vogel-Beobachter. Ich fing als Ornithologe, nicht als Walbiologe an. Es war also sehr spannend, diesen Albatros zu sehen. Es gibt keine speziellen Wünsche darüber, was ich noch sehen möchte. Solange ich überrascht werde, macht mich das glücklich."

Die Wale verlassen Gloucester jetzt, schwimmen nach Süden, ins wärmere Wasser. Die Privateer IV legt im Hafen von Gloucester, Massachusetts an, die Diesel werden heruntergefahren, die Tourgäste verabschieden sich. Wo früher Wale gejagt wurden, lernen die Meeresbiologen heute in jeder Saison etwas über die großen Sänger des Meeres dazu. Und haben noch lange nicht verstanden, was ihre komplexen Lieder bedeuten. Wahrscheinlich wird ihnen das auch nicht gelingen.  

Hören Sie mehr "Walgesänge" auf der Homepage des Scripps-Institut für Ozeanforschung in San Diego. 

Mehr zum Thema:

Die Kultur der Wale
(Deutschlandfunk, Forschung aktuell, 26.04.2013)

Biologie - Ein Sinn für Wale
(Deutschlandfunk, Forschung aktuell, 11.12.2013)

Die Qual der Wale
(Deutschlandradio Kultur, Weltzeit, 09.10.2013)

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