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Im Gespräch | Beitrag vom 24.07.2020

Meeresbiologe Hans FrickeWegen eines Korallenriffs flüchtete er aus der DDR

Moderation: Ulrike Timm

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Der Meeresbiologe Hans Fricke (Helena Heilig)
Der Meeresbiologe Hans Fricke bastelte schon als Kind seine erste Taucherausrüstung und machte seine Leidenschaft zum Beruf. (Helena Heilig)

10.000 Stunden seines Lebens hat Hans Fricke forschend und filmend unter Wasser verbracht. Die spektakulärste Entdeckung des Meeresbiologen ist der Quastenflosser, ein echter Urzeitfisch. Was der 78-Jährige noch sehen möchte: den Massensex der Aale im Pazifik.

Am Anfang standen die Neugier und der Forscherdrang. Schon als Kind bastelte sich Hans Fricke seine erste Taucherausrüstung: "Da hab`ich eine Druckflasche von einem Feuerlöscher verbastelt, einen Schlauch von einer Gasmaske und dann oben eine Art Schnorchel aus der DDR. Dieses Ding heißt taucherisch in der Umgangssprache "Hirschgeweih". Und ganz oben war ein Tischtennisball gewissermaßen als Ventil - und wenn es da oben blubberte, wusste ich, dass ich jetzt bereit bin und atmen darf."

Flucht aus der DDR

Frickes Unterwasserleidenschaft führte letztlich auch zu seiner Flucht als 18-Jähriger aus der DDR. Auslöser war der Dokumentarfilm "Abenteuer im Roten Meer" von Hans Hass: "Da wusste ich: Das musst du auch einmal machen. Aber ich wusste, dass ich von der DDR aus nicht reisen konnte. Und ich wollte in meinem Leben mal ein Korallenriff sehen. Und das war der Grund, weshalb ich weggegangen bin: Diese Repression, die man letzten Endes erlitten hatte. Ich wollte Meeresbiologie machen, Zoologie studieren, aber was mir verordnet wurde, war Schwermaschinenbau in Magdeburg. Da habe ich einen Studienplatz gekriegt. Und da habe ich gesagt: Jetzt könnt ihr mich mal."

Das Unterwasserhaus

Fricke floh in den Westen, studierte Biologie und arbeitete unter anderem am Institut des berühmten Verhaltensforschers Konrad Lorenz. Die Taucherausrüstung aus Kinderzeiten war nicht die einzige fantasievolle Eigenentwicklung des Meeresbiologen. Um möglichst lang unter Wasser arbeiten zu können, baute sich Fricke ein "Unterwasserhaus", mit einer Feuchtkammer für die Taucheranzüge und – verbunden durch eine Luke – einem Raum zum Arbeiten, Kochen, Schlafen. Sein leuchtend gelbes Tauchboot "Geo" ist im Deutschen Museum in München zu bestaunen.

Die spektakuläre Entdeckung des Quastenflossers

Heute ist Hans Fricke 78 Jahre alt und kann auf ein erlebnisreiches Forscherleben als Meeresbiologe zurückblicken, beschrieben in seinem Buch "Unterwegs im blauen Universum". Eine seiner spektakulären Entdeckungen war der Quastenflosser, ein Urzeitfisch, der seit 70 Millionen Jahren als ausgestorben galt. Fricke hatte ihn 1987 als erster Wissenschaftler in seinem Lebensraum entdeckt und fotografiert. Eine Sensation. "Quasti" schaffte es sogar bis auf die Titelseite der "New York Times".

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"Der Quastenflosser ist neben den Lungenfischen der einzige Fisch, der ganz an der Wurzel der vierfüßigen Wirbeltiere ist", so Fricke. "Also auch gewissermaßen ein entfernter Cousin vom Menschen. Diese Tiere haben sich entwickelt vor 400, 500 Millionen Jahren, und der Quastenflosser ist einer der wenigen, der sich seit dieser Zeit kaum verändert hat. Und deshalb nennt man sie auch lebende Fossilien."

Sie beeindrucken Hans Fricke nicht nur wegen ihres besonderen Stoffwechsels, sondern auch wegen ihrer Ruhe. "Der bewegt sich so langsam, dass ich wünschen würde, dass sich hektische Manager jeden Tag eine Stunde Quastenflosser angucken müssen, um runter zu kühlen."

Das Liebesleben der Fische

Auch mit fast 80 Jahren ist Hans Frickes Wissensdurst nicht gestillt. Aktuell erforscht er das Empathieverhalten von Anemonenfischen, bekannt aus dem Film "Findet Nemo". "Sie sind zeitlebens verheiratet, dauermonogam."

Europäische Aale (Anguilla anguilla) im Wasser.  (picture-alliance/imageBroker)Wie Aale im Meer zum Massensex zusammen kommen, fasziniert den Meeresbiologen Hans Fricke. (picture-alliance/imageBroker)

Überhaupt hat es ihm das Liebesleben von Fischen angetan, besonders das der Aale: "Ich weiß jetzt, dass sie in riesigen Mengen Massensex machen, das ist gigantisch", sagt der Meeresbiologe. "Das habe ich im Pazifik gesehen. Da sind Milliarden von Fischen, die über einem Seeberg zusammenkommen und im Freiwasser einen wahnsinnigen Massensex machen. Und das möchte ich noch mal mit eigenen Augen sehen."

(sus)

  

   

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