Seit 09:05 Uhr Kakadu

Sonntag, 19.01.2020
 
Seit 09:05 Uhr Kakadu

Studio 9 | Beitrag vom 18.12.2017

Medizinstudium ohne NCAuf nach Polen!

Von Erik Albrecht

Podcast abonnieren
Mehrere Medizinstudenten behandeln die Hightech-Puppe "HAINS" in einem Operationssaal der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). (dpa / picture-alliance)
Medizinstudenten in einem Operationssaal der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Doch immer mehr Abiturienten ziehen für das Medizinstudium nach Osteuropa. (dpa / picture-alliance)

Der Numerus Clausus beendet für viele Abiturienten den Traum, Arzt zu werden. Doch es gibt Alternativen: Polen wirbt mit einem Medizinstudium ohne NC. Ein Drittel der Medizinstudenten im polnischen Stettin kommen inzwischen aus Deutschland.

Mit zwei lässigen Fingerbewegungen legt Dozent Maciej Mularczyk die beiden Venen in der Oberarmmuskulatur frei. Ein Dutzend Studierende folgt seinen Erklärungen. Sie tragen weiße Kittel. Doch die Leiche vor ihnen existiert nur virtuell: Mularczyk bedient einen Simulations-Seziertisch mit Touchscreen-Display. Anatomie-Unterricht für Erstsemester an der Pommerschen Medizin-Universität in Stettin.

Motivierte Studenten

Beherzt schneidet Otto Princ in den Oberkörper der Leiche vor ihm. Schicht um Schicht seziert er den virtuellen Arm. Unter Muskeln tauchen Venen auf. Dann dringt er bis auf den Knochen vor. 2,1 war sein Abitur-Schnitt. Ein Studienplatz in Medizin in Deutschland aussichtslos. Wie bei fast allen seiner deutschen Kommilitonen. Deshalb ist Otto Princ nach Polen gekommen:

"Hier sind halt Leute, die mit dem NC nicht reinkommen würden, aber dafür wollen sie wirklich Medizin studieren. Und das Studium ist nicht leichter als in Deutschland oder irgendwo anders, sondern wir sind halt alle ambitioniert und wir hängen manchmal bis morgens um drei und gucken uns an, wie ist der Körper aufgebaut."

Princ und seine Kommilitonen sind Teil einer wachsenden Zahl junger Deutscher, für die der Weg in den Arztberuf über Osteuropa führt. In Stettin kommt mittlerweile fast die Hälfte der Medizinstudenten der beiden englischsprachigen Programme aus Deutschland. Die Abschlüsse sind EU-weit anerkannt. Leszek Domański ist der Dekan der medizinischen Fakultät:

"Wir haben drei klinische Krankenhäuser. Wir sind hier in Pomorzany jetzt in diesem Moment."

Auch in Polen herrscht Ärztemangel

Zügig schreitet Leszek Domański über die langen Flure des Lehrklinikums. Der Dekan hat selbst in Rostock studiert. Heute kommen die Deutschen zu ihm. Domański ist stolz auf das fachliche Niveau seiner Fakultät. Nicht nur die deutschen, auch seine polnischen Absolventen fänden im nahen Deutschland ohne Probleme Arbeit.

"Aber wie in Deutschland haben wir in Polen auch Ärztemangel. Und das ist auch unsere Idee: Lieber deutsche Studenten hier ausbilden und die werden den deutschen Ärztemarkt sättigen und die polnische Ärzte bei uns lassen. Nicht, dass wir die polnischen Ärzte exportieren."

Thomas Heiduk und sein Kommilitone Leon Heinemann sind nach vier Jahren wieder zurück in Deutschland. Sie sitzen bei der Nachbesprechung der Morgenvisite in der Psychatrie in Teupitz südlich von Berlin. Thomas Heiduk spricht über die Visite:

"Wir waren auf der 3.1 und haben viele verschiedene Patientenbilder gesehen – von Manie, Depression, Alkoholabusus."

In der praktischen Ausbildung kooperiert die Universität in Stettin mit dem deutschen Klinik-Konzern Asklepios. Deutscher Klinikalltag, statt Visite auf Polnisch mit Übersetzung. Damit geht eine ganz andere Arbeitsweise einher, erklärt Leon Heinemann.

"Das ist natürlich schon was anderes, wenn man selbst nicht mit den Patienten reden kann. Dass man mal geschickt wird zum Blutabnehmen, das wäre jetzt gar nicht denkbar."

"Man braucht kein Einser-Abitur"

Im Chefarztbüro diskutieren sie mit Stefan Kropp die Krankheitsbilder des Vormittags. Auch der Chefarzt konnte erst nach Wartezeit Medizin studieren. Doch damals waren es nur zwei Jahre. Stefan Kropp ist überzeugt, dass man auch ohne überragende Schulnoten ein guter Arzt werden kann:

"Man braucht kein Einser-Abitur um Karriere zu machen und Patienten gut zu versorgen. Ich glaube es ist deutlich geworden, dass die jungen Leute, wenn sie motiviert sind, gut durchs Studium kommen."

Und so kommt es, dass von etwa 30 jungen Leuten im abgedunkelten Seminarraum in Stettin etwa ein Drittel Deutsche sind. 10.000 Euro zahlen sie für das Medizin-Studium im Ausland pro Jahr. Für Deutschland ist das ein gutes Geschäft. Jeder zusätzliche Studienplatz in Medizin würde die Länderhaushalte etwa 32.000 Euro kosten.

Luise wollte zunächst die Wartezeit sinnvoll nutzen: Rettungssanitäter, Physioausbildung, Pflegepraktikum. Doch als selbst dann noch nicht klar war, wann sie endlich Medizin studieren konnte, beschloss auch sie mit 25 zu zahlen.

"Ich bin so ein bisschen mit einem schlechten Gewissen hierhin gegangen gegenüber den Leuten, die sich das nicht leisten können. Die einfach nicht die Unterstützung von ihren Eltern haben, weil ohne geht es nicht."

(mw)

Mehr zum Thema

Universität - Warum Migranten häufiger im Studium scheitern
(Deutschlandfunk Kultur, Interview, 01.06.2017)

Digitales Studium - "Der virtuelle Hörsaal ist Realität"
(Deutschlandfunk Kultur, Interview, 17.03.2017)

Arbeiterkinder und Studium - "Viele kennen gar nicht ihre Möglichkeiten"
(Deutschlandfunk Kultur, Interview, 02.12.2016)

Interview

Libyen-Konferenz Erwartungen an ein starkes Signal
Absperrgitter stehen am Brandenburger Tor in Berlin. Hier werden bereits Sicherheitsvorkehrungen für die Libyen-Konferenz getroffen. (picture-alliance/dpa/Annette Riedl)

Bei der Libyen-Konferenz gehe es darum, den Konflikt nicht weiter eskalieren zu lassen, sagt der Journalist Mirco Keilberth, der aus Tripolis berichtet. Allerdings müsse man dafür erst einen Staat gründen und mit lokalen Strukturen zusammenarbeiten. Mehr

weitere Beiträge

Frühkritik

Sarah Schulman: "Trüb" Psychologische Tiefenbohrungen
Buchcover zu Sarah Schulman: "Trüb" (Ariadne)

Sarah Schulman erzählt in ihrem New-York-Thriller "Trüb" von Alkoholikern, dysfunktionalen Familien und gesellschaftlicher Gewalt. Die Leser erfahren weniger von der Aufklärung ihres Falles als von der Suche der Ermittlerin Maggie Terry nach sich selbst.Mehr

weitere Beiträge

Buchkritik

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur