Freitag, 25.06.2021
 

Lesart | Beitrag vom 05.06.2021

Medizingeschichte Aufklärung über Narkose und todbringende Hände

Ronald Gerste im Gespräch mit Maike Albath

Der Arzt William Morton verabreicht 1846 Äther an einen Patienten vor dessen Turmoroperation. und ist von zahlreichen Kollegen umgeben.  (picture alliance / Everett Collection)
Der Arzt William Morton verabreichte 1846 Äther an einen Patienten vor dessen Turmoroperation. Er gilt als der Pionier der modernen Narkose. (picture alliance / Everett Collection)

"Die Heilung der Welt" heißt das Buch des Historikers Ronald Gerste, dass sich den medizinischen Fortschritten zwischen 1840 bis 1914 widmet. Er sieht es als goldenes Zeitalter der Wissenschaft und beschreibt die Wirkung bahnbrechender Neuerungen.

"Die Sternstunde der Menschheit ist die Erfindung der Anästhesie, die Einführung der Narkose", sagt der in Washington lebende Buchautor Ronald Gerste. Es sei für uns heute unvorstellbar, wie es vorher war. "Keine Operation, kein Zahnziehen, keine Behandlung war möglich, ohne dass die Patienten bestialische Schmerzen erlitten."

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Der Arzt und Historiker sieht die damalige Zeit als goldenes Zeitalter der Medizin und beleuchtet die Errungenschaften in seinem Buch "Die Heilung der Welt". Der Durchbruch am 16. Oktober 1846 habe der Medizin damals in Boston ganz neue Möglichkeiten eröffnet. "Es hat unglaubliches Leiden von kranken Menschen genommen."

Die Neuerung habe sich sehr schnell durchgesetzt, sagt Gerste. Innerhalb weniger Wochen habe es in London die erste Operation mit Narkose in Europa gegeben. "Überall haben das Chirurgen begeistert aufgegriffen", so der Historiker.

Die erste Operation in Deutschland sei bereits im Januar 1847 in Erlangen gewesen. Es habe aber auch Kritiker gegeben, die sich mit dem Neuen nicht anfreunden konnten. "Aber diese Widerstände wurden bei der Erfindung sehr schnell überwunden."

Hygiene gegen Kindbettfieber 

In einem weiteren Kapitel "Todbringende Hände" widmet sich Gerste dem Kindbettfieber. Denn die Mütter- und Säuglingssterblichkeit sei bis in die 1840er-Jahre sehr hoch gewesen. Der junge Arzt Ignaz Philipp Semmelweis habe in einem Wiener Krankenhaus entdeckt, dass mangelndes Händewaschen für diese Todesfälle verantwortlich war und führte erstmals entsprechende Hygienevorschriften ein.

Der damalige Fortschrittsglaube habe es vielen Ärzten ermöglicht, die Grenzen zu überschreiten und bahnbrechende Entdeckungen zu machen, sagt Gerste. Die Menschen hätten es damals nicht nur mit einer Pandemie zu tun gehabt, sondern mit mehreren. "Die Cholera zog mehrfach über Europa hinweg, vor 150 Jahren gab es eine große Pocken-Epidemie in Deutschland, Tuberkulose und Diphtherie waren allgegenwärtig."

Die medizinischen und epidemiologischen Herausforderungen seien damals viel größer gewesen als heute. Es seien damals große Leistungen vollbracht worden, beispielsweise die Einführung des Serums gegen Diphtherie durch Emil von Behring gegen Ende des 19. Jahrhunderts.

(gem)

Ronald Gerste, Die Heilung der Welt. Das Goldene Zeitalter der Medizin 1840 -1941
Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2021
400 Seiten, 24 Euro.  

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