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Thema / Archiv | Beitrag vom 21.04.2009

Mediziner: Korruption in Afghanistan ist Hauptproblem

Deutscher Arzt beklagt zunehmend schwierigere Kommunikation mit Bundeswehr

Kurt-Wilhelm Stahl im Gespräch mit Frank Meyer

Bewaffnete deutsche ISAF-Soldaten stehen in der deutschen Basis in Masar-e-Sharif, nördlich von Kabul. (AP)
Bewaffnete deutsche ISAF-Soldaten stehen in der deutschen Basis in Masar-e-Sharif, nördlich von Kabul. (AP)

Der Freiburger Mediziner Kurt-Wilhelm Stahl macht die Korruption in Afghanistan für die langsame Entwicklung des Landes verantwortlich. Seit 2002 würden die Gelder zunehmend versickern, erklärte der Arzt, der für den Verein "Waisenmedizin" die Einrichtung eines Leishmaniose-Zentrums in Afghanistan leitet. Zudem habe sich die Zusammenarbeit mit der Bundeswehr erschwert.

Frank Meyer: In der nordafghanischen Stadt Masar-e-Sharif findet man das größte Feldlager der Bundeswehr und ein deutsches, medizinisches Vorzeigeprojekt, das Leishmania-Wundheilungszentrum. Dieses Zentrum hat eine Leuchtturmfunktion für die Aktivitäten der Weltgesundheitsorganisation in Afghanistan, das hat ein WHO-Sprecher gesagt. Warum dieses Gesundheitszentrum in Masar-e-Sharif funktioniert bei all den enormen Schwierigkeiten mit dem Wiederaufbau in Afghanistan, das bespreche ich jetzt mit dem Freiburger Mediziner Kurt-Wilhelm Stahl. Er betreut für den Verein "Waisenmedizin" die Einrichtung des Leishmania-Zentrums. Herr Stahl, diese Tropenkrankheit Leishmania, die in Ihrem Zentrum behandelt wird - was ist das für eine Krankheit, welche Folgen hat sie?

Kurt-Wilhelm Stahl: Sie wird zunächst einmal immer als Tropenkrankheit angesehen, aber sie ist im Bezug auf die Beschwerden, die der Patient hat, nicht tödlich. Sie nimmt keinen tödlichen Verlauf. Es handelt sich um eine Hautinfektion und nach dieser Infektion gibt es eine Entzündungsreaktion, die dazu führt, dass an der Stelle des Stiches der Sandfliege, die die Parasiten überträgt, die Haut aufbricht und eine schwelende Wunde entsteht.

Und diese schwelende Wunde ist das eigentliche Problem des Patienten, und zwar in zweierlei Hinsicht: einmal in Bezug auf die Tatsache, dass jede offene Hautstelle eine Infektionspforte ist - und in einem Land mit schwierigen hygienischen Verhältnissen infiziert sich diese offene Stelle leicht noch mit Bakterien oder mit Pilzen, führt zu einer chronischen Wunde.

Und das Zweite ist, im Verlaufe einer chronischen Wunde entsteht eine entstellende Narbe, und dieses ist das eigentliche Problem für junge Frauen und Mädchen, die aufgrund dieser Narbe in eine soziale Exklusion gedrängt werden. Denn nach der Sitte und dem Gebrauch der Menschen in Afghanistan ist es so, dass ein Mädchen mit einer solchen chronischen Wunde ein Merkmal ist, dass nichts Gutes ahnen lässt für eine Frau, die heiraten soll, und eine Frau, die schon verheiratet ist, sollte dann auch keine weiteren Kinder mehr bekommen, das hat schwere soziale Konsequenzen.

Meyer: Ich habe gelesen, dass diese Krankheit in Afghanistan früher auch behandelt wurde, indem man brennende Zigaretten sozusagen auf den Wundherden ausdrückt. Wie gehen Sie da nun vor? Sicherlich ja ganz anders.

Stahl: Nein, das tun wir nicht, sondern wir haben uns auf diese Methode zurückbesonnen.

Meyer: Aber nicht mit Zigaretten?

Stahl: Nein, das tun wir auch nicht, sondern wir haben sie natürlich modernen, medizinischen Methoden angepasst. Es ist ganz wichtig, dass, wenn Sie in einem Land wie Afghanistan eine Verbesserung - ganz gleich in welchem Bereich, ob das Medizin ist oder ob das in der Wirtschaft ist oder im Schulsystem ist -, wenn Sie eine Verbesserung erwirken wollen, sollten Sie immer mit zwei Beinen auf der Kultur des Landes stehen sozusagen. Die bisherige Therapie behandelt die Leishmania wie eine Infektionserkrankung, das heißt, mit einem Mittel, das die Parasiten abtötet, eine sogenannte Antimonverbindung, und diese Antimonverbindung hat natürlich auch schwere toxische Nebenwirkungen. Die ist auch sehr teuer und das gesamte Problem von Arzneimitteln in diesen Ländern ist immer das Problem von Fälschungen.

Infolgedessen haben wir nach einer Alternativmethode gesucht und haben uns dann auf eine alte hygienischen afghanische Art und Weise, diese Krankheit zu behandeln, zurückbesonnen. Wir nehmen keine Zigarettenkippe, sondern wir setzen eine lokale Betäubung an der Stelle, an der diese Papel entstanden ist oder das Ulcus, als aufgebrochene Wunde, und spritzen dieses Lokalanästhetikum. Und nach einer Weile nehmen wir dann ein Instrument, was in der Chirurgie Verwendung findet, um Kapillarblutungen zu veröden, es handelt sich um eine sogenannte bipolare Elektrothermokautorisierung. Dabei wird eine Pinzette angelegt, der eine Arm hat einen Pluspol, der andere einen negativen Pol und der Strom fließt durch das Gewebe und verursacht Hitze und es verkocht das Gewebe oder es schließt eine Kapillarblutung. Und diese Initialbehandlung führt, wie wir von einer klinischen Studie in Kabul wissen, in 60 Prozent der Fälle zu einem vollständigen Verschwinden der Parasiten in diesem Wundbereich.

Meyer: Ich habe schon erwähnt, Herr Stahl, dass das Leishmania-Zentrum in Masar-e-Sharif eine Vorbildfunktion haben soll für die WHO-Gesundheitspolitik in Afghanistan. Was ist denn nach Ansicht der WHO das Vorbildliche an Ihrem Zentrum?

Stahl: Die Politik der WHO ist es natürlich, diese Krankheiten vor allen Dingen anzugehen, die als sogenannte neglected diseases oder vernachlässigte Krankheiten angesehen werden, weil sie in der Dritten Welt häufig sind. Und dazu gehört - außer Malaria und einigen anderen Tropenerkrankungen - natürlich auch die Leishmania. In Persien rechnet man damit, dass ungefähr 25 Prozent der Bevölkerung mit dieser Erkrankung durchseucht sind, in Afghanistan kennt man noch überhaupt keine Zahlen, und das ist natürlich auch das Ziel der WHO, hier auf etwas sichereren Füßen zu stehen.

Das heißt: Ein wesentlicher Punkt eines von der WHO unterstützten Leishmania-Zentrums wird sein, die Patienten zu registrieren und zu erfassen, natürlich anonymisiert, damit man hier zu genauen Zahlen und Daten kommt. Die WHO möchte dieses gerne in Zusammenarbeit mit den medizinischen Fakultäten in Afghanistan tun, und diese medizinischen Fakultäten sind zum Teil noch in einem sehr schlimmen Zustand.

Und das ist aber unser Ansatz, den wir in Afghanistan gewählt haben, und zwar aus einem ganz einfachen Grunde: weil wir eine finanzielle Unterstützung vom Deutschen Akademischen Austauschdienst bekommen, und diese Unterstützung ist gebunden daran, dass in Projekte, die wir in Afghanistan betreiben, die medizinischen Fakultäten fest eingebunden sind. Das ist keine leichte Aufgabe, weil es in Afghanistan einen lange wähnenden Streit gibt zwischen Kliniken, die dem Ministry of Health unterstehen, also dem Gesundheitsministerium, und einigen wenigen Zentren, die dem Minister of Higher Education unterstehen.

Meyer: Deutschlandradio Kultur, wir sind im Gespräch mit dem Mediziner Kurt-Wilhelm Stahl, er berät in Afghanistan das Leishmania-Wundheilungszentrum in Masar-e-Sharif. Sie sind im Jahr 2002 zum ersten Mal nach Afghanistan gekommen, Herr Stahl. In den letzten Jahren sind ja Milliarden von Hilfsgeldern nach Afghanistan geflossen, es sollen zirka 15 Milliarden Euro insgesamt sein. Nach vielen Berichten hat aber dieses viele Geld kaum etwas bewirkt in diesem Land. Wie erklären Sie sich das?

Stahl: Das ist relativ einfach zu erklären. Eines der Hauptprobleme ist dabei, dass diese Gelder versickern und dass wir es in Afghanistan mit einem Problem der Korruption zu tun haben. Das haben wir natürlich in vielen Ländern, aber in Afghanistan ist es besonders ausgeprägt und ich muss sagen, dass nach meiner Erfahrung seit 2002 dieses Phänomen zugenommen hat.

Meyer: Da gibt es den Therapievorschlag: Um dieses Versickern in der einheimischen Korruption zu verhindern, sollten die Hilfsorganisationen ihre Gelder praktisch selber verwalten, selbst ausgeben, am afghanischen Staat vorbei. Würden Sie das befürworten?

Stahl: Jein. Ich würde einen anderen Weg bevorzugen. Ich würde, wie wir das jetzt hier tun, ein kleines Projekt groß einbinden, ein kleines Projekt, das darüber hinaus persönlich betreut wird und von Menschen persönlich betreut wird, die eine Erfahrung mit der Kultur des Landes und der Menschen in diesem Land haben. Groß einbinden tun wir das, indem wir sozusagen dieses Projekt mit Hilfe des Auswärtigen Amtes gestartet haben. Die Startphase ist noch nicht ganz abgeschlossen, wir müssen das Institut noch einrichten, aber die Betriebsphase wird nachher übergehen in die WHO. Und die WHO wird es als Institut einbinden in ihre gesamte Gesundheitspolitik, die sie in diesem Land vertreten sehen will.

Meyer: In der Nähe Ihrer Einrichtung bei Masar-e-Sharif befindet sich auch das zentrale Feldlager der Bundeswehr in Afghanistan. Welche Rolle spielt denn derzeit die Bundeswehr in diesem Land aus Ihrer Sicht?

Stahl: Ich habe ein Saulus-Paulus-Erlebnis gehabt 2002, als ich gesehen habe, wie die deutschen Truppen in Kabul willkommen geheißen wurden und wie gut die Kooperation und wie eng die Kooperation war. Diese Situation hat sich im Laufe der Jahre geändert und wenn man mich fragt, wann das war, der Zeitpunkt, dann würde ich sagen, das ist der Zeitpunkt gewesen, wo es umgekippt ist, als die ISAF in die NATO integriert wurde. Es ist jetzt die Situation eingetreten, dass man zwar noch logistische Hilfe von der Bundeswehr bekommen kann, dass aber die Kommunikation mit der Bundeswehr für denjenigen, der draußen hilft, schwierig geworden ist.

Meyer: Herr Stahl, was sagen Sie nun nach sieben Jahren Aufbauarbeit in Afghanistan und Ihren Erfahrungen dort: Kann aus diesem Land ein sicheres, ein befriedetes Afghanistan werden?

Stahl: In Nordafghanistan - da bin ich jetzt, nachdem ich lange Jahre in Kabul war - würde ich sagen, da gibt es ja ein Sprichwort, das man früher auf Polen gemünzt hat: "Noch ist Polen nicht verloren." Ich würde sagen, noch ist ganz Afghanistan nicht verloren. Nordafghanistan, da habe ich zunehmend separatistische Bewegungen beobachtet nach dem Motto: Lasst doch die Paschtunen, wenn sie unbedingt so leben wollen, wie sie leben wollen, so leben, aber hindert uns nicht daran, einen Aufbau des Landes zu vollziehen. Nordafghanistan steht kulturell den Nachbarländern Tadschikistan, Iran sehr viel näher als das im Süden des Landes der Fall ist.

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