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Interview / Archiv | Beitrag vom 28.05.2014

MedizinVolkskrankheit chronische Schmerzen?

Ärztetag diskutiert Therapiemöglichkeiten

Martina Wenker im Gespräch mit Nana Brink

Eine Frau liegt krank im Bett.  (picture alliance / dpa / J.M. Guyon)
Chronische Schmerzen sind ein immer wichtigeres Thema in der Medizin. (picture alliance / dpa / J.M. Guyon)

Sieben Prozent aller Deutschen geben an, an permanenten Schmerzen zu leiden. Doch was tun, wenn plötzlich Magen-, Kopf- oder Zahnschmerzen auftreten? Die Medizinerin Martina Wenker gibt Antworten - und spricht über den Bundesärztetag.

Nana Brink: Wir alle kennen das ja, vor allem, wenn wir älter werden: Da ziept es da und es knirscht und oftmals wachsen sich kleine Wehwehchen im Rücken, im Kopf oder im Magen zu anhaltenden Schmerzen aus. Rund sieben Prozent aller Deutschen geben an, an permanenten Schmerzen zu leiden, mit ein Grund, warum der Bundesärztetag das Thema ganz oben auf die Tagung des Deutschen Ärztetages gestellt hat. Martina Wenker, Vizepräsidentin der Bundesärztekammer, schönen guten Morgen, Frau Wenker!

Martina Wenker: Schönen guten Morgen, Frau Brink!

Brink: Ist das Thema chronische Schmerzen bislang vernachlässigt worden?

Wenker: Ja, es ist ein ganz wichtiges. Wir merken das zunehmend durch unsere Zahlen. Sie sagten es: Zehn Millionen Menschen sind betroffen. Sieben Prozent der Erwachsenen, fünf Prozent der Kinder klagen über chronische Schmerzen. Und wir haben uns dem Thema jetzt doch genähert, weil wir merken, es gibt zwar vieles, aber offensichtlich das, was wir an Schmerzmöglichkeiten haben, zu behandeln, kommt bei Weitem noch nicht rechtzeitig und an der richtigen Stelle bei den Patienten an.

Brink: Ich würde ja ganz einfach sagen, wenn ich Schmerzen, also Kopfschmerzen oder Rückenschmerzen habe, dann gehe ich erst mal in die Apotheke, und dann frage ich den Apotheker, ob er irgendwas hat, damit es nicht mehr weh tut.

Wenker: Das ist sicherlich am Anfang zunächst auch der richtige Schritt. Ganz wichtig ist aber, wenn Sie nach zwei, drei Tagen ein frei verkäufliches Schmerzmittel genommen haben, das nicht ausreichend gewirkt hat, dann sollten Sie zügig auch zum Arzt gehen. Das Problem ist, dass zahlreiche der sogenannten frei verkäuflichen Schmerzmittel, wenn man sie zu lange nimmt, tatsächlich selber wieder Kopfschmerzen und andere Nebenwirkungen auslösen können, und dann behandelt man sich gerade falsch. Das heißt, an einem Tag, wenn ich Zahnschmerzen, Kopfschmerzen habe, keine Frage, gerne zum Apotheker. Wenn es länger als zwei, drei Tage anhält, unbedingt zum Hausarzt gehen.

Brink: Aber ist der Hausarzt dann nicht auch überfordert? Er ist ja ein Generalist. Ich sage, na ja, es ist der Rücken, der Kopf. Kann er denn überhaupt dann irgendwie weiterführende Unterstützung geben?

Wenker: Ja. Der Hausarzt ist ja der erste Ansprechpartner, und ich denke, in der Regel geht man ja, wenn man irgendwelche unspezifischen Beschwerden hat, zunächst zum Hausarzt. Der wird auch sicherlich fragen, wenn Sie sagen, ich komme mit Rückenschmerzen, wann sind die aufgetreten, sind die erstmals aufgetreten, haben Sie das schon öfter gehabt, hält es schon länger an, war es ein akutes Ereignis, haben Sie sich meinetwegen bei einer Selters-Kiste verhoben und deswegen tut es weh, wo tut es weh, strahlt es aus, sind Lähmungserscheinungen.

Der wird ja zunächst erst mal einsortieren, ist es etwas, was eher chronisch ist, was Sie schon länger haben, oder ist es tatsächlich ein akutes Ereignis, wo man vielleicht auch ganz anders bis hin zum Bandscheibenvorfall schnell reagieren muss und dann vielleicht sogar schnell weiter überweisen muss.

Gerät zur elektrischen Nervenstimulation. Damit können Schmerzen nach chirurgischen Eingriffen verringert werden. (picture alliance / dpa Foto: Martin Schutt)Gerät zur elektrischen Nervenstimulation. Damit können Schmerzen nach chirurgischen Eingriffen verringert werden. (picture alliance / dpa Foto: Martin Schutt)

Brink: Wer macht denn dann eine Schmerztherapie?

Wenker: Die einfacheren schmerztherapeutischen Verfahren kann auf jeden Fall, wenn Sie Schmerztherapie jetzt nur als Medikamenteneinnahme nehmen, der Hausarzt machen. Der verfügt natürlich über alle Möglichkeiten auch dann der verschreibungspflichtigen Medikamente. Aber wichtig ist ja gerade bei Rückenschmerzen – und da gibt es ganz interessante Zahlen -, dass möglichst rechtzeitig eine sogenannte multimodale Therapie - was ist das? -, mehrere Therapieverfahren zu kombinieren, Medikamentenbehandlung, Krankengymnastik, Physiotherapie, sodass der Schmerz gar nicht erst chronisch wird, und da ist die Medikamententherapie auch nur ein Baustein eines ganzen Therapieblocks. Da sollte man möglichst frühzeitig mit beginnen, damit die Rückenschmerzen gar nicht erst chronisch werden.

Brink: Macht es dann nicht Sinn, dass es sogenannte Schmerzzentren gibt - das sage ich jetzt mal so ein bisschen laienhaft -, die genau in dieser Zusammenwirkung all der möglichen Kooperationspartner auch erfahren sind?

Wenker: Ja, das ist sicherlich auch richtig, wobei eben der erste Ansprechpartner der Hausarzt ist, der dann aber entscheidet, hier ist tatsächlich etwas, wo auch ein weiterer Spezialist oder eben so ein Schmerzzentrum, wo mehrere Spezialisten vor Ort sind, eingeschaltet wird. Aber die gibt es ja auch nicht an jedem Ort und flächendeckend und jederzeit erreichbar. Das ist auch eine unserer Forderungen. Diese sogenannten interdisziplinären Schmerzzentren, wo mehrere Kollegen, auch Physiotherapeuten zusammenarbeiten, die sollte es möglichst auch flächendeckend geben.

"Der Tumorschmerz ist ein ganz vielschichtiges Problem"

Brink: Aber da ist Deutschland ja wirklich noch ein Entwicklungsland, muss man sagen?

Wenker: Ja. Da sehen wir auch ganz großen Bedarf, und das fordern wir auch. Da müssen auch von den Krankenkassen, da gibt es sogenannte integrierte Versorgungsprogramme, das muss viel mehr gefördert und aufgelegt werden, sodass auch jeder in erreichbarer Nähe ein entsprechendes Schmerzzentrum zur Verfügung hat.

Brink: Nun muss man ja da noch einen Sprung machen zur sogenannten Palliativmedizin. Das ist ja im Endeffekt die Schmerzlinderung bei Krebspatienten in der letzten Phase ihres Lebens. Sind wir da weiter gekommen in den letzten Jahren?

Wenker: Ein kleines Stück schon. Die palliativmedizinische Versorgung an sich – es gibt ja diese Begriffe der ambulanten und der spezialisierten ambulanten Palliativmedizin, es gibt inzwischen sehr viele Hospize, Palliativstationen in den Krankenhäusern -, da ist schon eine ganze Menge erreicht. Da ist aber auch noch ein ganz großer Bedarf. Palliativmedizin natürlich schwerpunktmäßig bei schwer tumorerkrankten Patienten, aber ja auch bei anderen schwer kranken Patienten.

Da ist es aber besonders wichtig, dass mehrere Fachgruppen zusammenarbeiten. Der Tumorschmerz oder der Schmerz, wenn Sie eine Krebserkrankung haben, ist eben nicht nur der körperliche Schmerz, sondern man spricht auch vom Gesamtschmerz. Das ist ja auch der seelische Schmerz, dass man an einer unheilbaren Erkrankung leidet, auch sozialer Schmerz, die Familie, die sich vielleicht zurückzieht oder überfordert fühlt.

Der Tumorschmerz ist ein ganz vielschichtiges Problem und da muss immer auch antidepressiv mit behandelt werden, auch mit anderen Substanzen noch. Da ist auch noch eine ganz andere Physiotherapie, auch Krankengymnastik und Ähnliches bei. Also das ist eine ganz besondere Herausforderung und erfordert insbesondere diese Zusammenarbeit mehrerer Fachgruppen.

Brink: Was ich mich am Ende unseres Gespräches noch frage: Wir haben für alles einen Facharzt. Warum keinen Facharzt für Schmerzmedizin?

Wenker: Das sehen wir anders. Natürlich muss Schmerzmedizin jeder Arzt können. Jeder Arzt, der Patienten behandelt, muss zumindest mit den schmerzmedizinischen Problemen seiner Patienten vertraut sein. Es muss natürlich dann zusätzlich zu dieser allgemeinen schmerzmedizinischen Kompetenz, die wir alle Ärzte haben müssen, dann auch noch Schmerzspezialisten geben, und da haben wir in unserer Weiterbildungsordnung die Zusatzweiterbildung spezielle Schmerztherapie.

Das sind derzeit etwa 5000 Ärztinnen und Ärzte in Deutschland, die sich da weiterqualifiziert haben, und wir halten das für ganz wichtig, dass wir jetzt möglichst bald - und das ist auch ein Appell an diesen Ärztetag - in unserer Weiterbildungsordnung diese schmerzmedizinischen Kenntnisse bei allen Ärztinnen und Ärzten, die Patienten behandeln, verankern und dann einige wenige Spezialisten noch weiterqualifizieren. Aber wichtig ist doch, dass der Arzt, wo Sie zunächst hingehen, dass der Sie möglichst schnell in die richtigen Wege leitet.

Brink: Martina Wenker, Vizepräsidentin der Bundesärztekammer. Schönen Dank für das Gespräch.

Wenker: Vielen Dank auch!

 

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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