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Zeitfragen | Beitrag vom 18.10.2018

MedizinLänger leben mit jungem Blut?

Von Carina Fron

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Samples for genetic analysis Samples for genetic analysis. PUBLICATIONxINxGERxSUIxHUNxONLY WLADIMIRxBULGAR/SCIENCExPHOTOxLIBRARY F022/4003 (imago / Science Photo Library)
Sample aus Blutproben für eine genetische Analyse (imago / Science Photo Library)

Für immer jung - wer wäre das nicht gern? Und so forschen Wissenschaftler überall nach Möglichkeiten, den Alterungsprozess zu verlangsamen. Neuester Trend: junges Blut bzw. das darin enthaltene Protein GDF11. Doch der Ansatz ist umstritten.

Ewige Jugend und Unsterblichkeit - Sehnsüchte, die Stoff für unzählige Romane, Filme und Songs sind. Antworten suchen auch Wissenschaftler seit vielen Jahrhunderten in jungem Blut. 

"Ich finde es wirklich spannend, dass es all diese Mythen rund um junges Blut gibt und dass wir herausgefunden haben, dass es wirklich diesen regenerativen Effekt hat."

Ewiges Leben kann Mitbegründer und Mediziner Mark Allen vom Startup "Elevian" nicht versprechen. Das Ziel der Wissenschaftler aus Harvard und Stanford ist es vielmehr, einen Weg zu finden, Menschen gesund altern zu lassen. Bei über hundert Erkrankungen, die mit dem Alter einhergehen, könne sich nur so das Leben verlängern lassen, verspricht die Unternehmensphilosophie von 'Elevian':

"Selbst wenn wir zum Beispiel erfolgreich darin sind Herzerkrankungen komplett auszumerzen, werden wir dennoch krank und sterben an einer anderen altersbedingten Erkrankung."

GDF11 nimmt im Alter im Blut ab

Ihr Zauberschlüssel heißt GDF11. Ein im Blut enthaltenes Protein, das laut ihrer Forschung im Alter im Blut auffällig abnimmt. Die Wissenschaftler halten daher eine Behandlung mit diesem Protein für die Verjüngungskur, die alte Zellen wieder fit macht. Bei der Behandlung von Mäusen mit Diabetes, Alzheimer, Muskelerkrankungen und Herz-Gefäßerkrankungen habe es sogar schon erste Erfolge gegeben. Mark Allen:

"GDF11, alleine wenn man nur dieses eine Protein verabreicht, dann ist man in der Lage, die Eigenschaften von jungem Blut zu reproduzieren."

Labormaus (Symbolfoto) (imago / Westend61)Labormaus (Symbolfoto) (imago / Westend61)

Diese Annahme geht auf Amy Wagers von der Harvard University zurück, die bereits seit Anfang der 2000er auf diesem Gebiet forscht. Sie ist ebenfalls Teil von 'Elevian' und einer der Gründe, warum Risikokapitalgeber Millionen in das Startup investieren. Ihre Forschungen sind jedoch umstritten. Nicht zuletzt, weil einige Fachkollegen ihre Methoden anzweifeln. Die ersten beiden Studien zu GDF11 hat sie zusammen mit Kollegen 2008 im Blood Journal und 2010 bei Nature veröffentlicht. Sie besagen, dass GDF11 einzelne Zellen von Mäusen verjüngt hat.

Andere Studien konnten die Ergebnisse nicht reproduzieren

Aber wegen Unstimmigkeiten bei den Ergebnissen und dem vermeintlichen Fehlverhalten einer ihrer Mitarbeiter wurden beide Studien zurückgezogen. 2013 veröffentlicht Wagner dann eine neue Untersuchung. Diesmal habe sich gezeigt, dass das Protein auch Muskelgewebe von Mäusen verjüngt und regeneriert.

"Bisher ist wenig anderen Laboren bis keinem gelungen, diese Ergebnisse zu reproduzieren. Uns eingeschlossen", sagt Hartmut Geiger vom Institut für molekulare Medizin der Universität Ulm erforscht selbst die Alterung von Stammzellen. Er erklärt, dass das Alter der Zellen nicht mit dem Alter des Menschen an sich übereinstimmen muss. Er gibt außerdem zu bedenken:

"Es gibt andere Studien von anderen Firmen, die sagen 'Es ist da etwas im Blut'. Das würde ich auch unterstützen. Aber wir können es nicht runterbrechen auf einen Faktor, weil es vielleicht ein Zusammenspiel ist von mehreren Faktoren und die Natur sich wahrscheinlich nicht darauf geeinigt hat, dass dieser eine Faktor auf einmal der einzige ist, der alle Zellen im Körper so verändern kann, dass sie dann quasi jünger werden."

Stammzellen fehlt im Alter die Ordnung

Geiger und seine Kollegen gehen deshalb anders vor. Sie untersuchen eine verjüngende Wirkung von verschiedenen Medikamenten auf die blutbildenden Stammzellen im Knochenmark. Seine These lautet: Wenn die Stammzellen älter werden, fehlt ihnen eine grundlegende Ordnung in sich.

"Das muss man sich vorstellen wie mein Büro zwei Wochen nach dem Aufräumen. Wir konnten zeigen, dass es eine Substanz gibt, die den Stammzellen hilft, sich diese Ordnung wieder selbst herzustellen, und danach scheint ihre Funktion doch wieder mit der Funktion von jungen Stammzellen vergleichbar zu sein, auch wenn die Stammzelle schon chronologisch alt ist."

Damit ließen sich höchstwahrscheinlich altersbedingte Erkrankungen verhindern, bevor sie entstehen. Der Zusammenhang von Erkrankungen und dem Alter wird ihm noch viel zu wenig betrachtet, vielmehr würden die einzelnen Wissenschaftler zu oft nur auf ihr eigenes Fachgebiet schauen und Altern ausklammern. Geiger konnte zudem jetzt schon zeigen, dass bei den alten Mäusen die Immunabwehr durch die Behandlung gestärkt wurde. Die Anfälligkeit für Erkrankungen sinkt damit.

Gehirnzellen aus weißen Blutkörperchen

Auch Michael Peitz und seine Kollegen vom Universitätsklinikum in Bonn sind gerade auf eine interessante Entdeckung gestoßen. Sie arbeiten daran Blutzellen umzuprogrammieren, erzählt der Biologe:

"In diesem Falle können wir tatsächlich den Sprung machen von einer Blutzelle hin zu einer neuralen Stammzelle. Also einer Zelle, wie wir sie auch im frühen Gehirn finden, in der frühen Entwicklung des Gehirns."

Aus weißen Blutkörperchen werden also Gehirnzellen. Mit dieser Umwandlung sollen Erkrankungen des Gehirns erforscht werden und es ließen sich Medikamente testen, ganz ohne Tierversuche oder Proben von Menschen. Das Besondere: Bei der Umwandlung wird das Gewebe nicht genetisch verändert und trägt noch die Informationen des ursprünglichen Blutgebers. Das könnte dafür sorgen, dass die Gehirnzellen in späteren Versuchen nicht vom Körper abgestoßen werden. Bislang wird aber nur an Mäusen getestet. Spannend ist aber auch, was mit dem Alter der Zellen passiert. Das lässt sich in der Zelle selbst ablesen.

"Was wir sehen ist, dass sich diese Etikettierung der DNA so verändert, dass die Zelle sich offenbar verjüngt hat."

Die umgewandelten Zellen sind dann ungefähr fünf bis zehn Jahre alt – egal, wie alt der Spender war. Ein Effekt, der sich später auch positiv auf die Behandlung auswirken kann.

5,5 Millionen Risikokapital für 'Elevian'

Insgesamt zeigt sich dennoch, dass vermehrt in den USA an der Verjüngung von Blut geforscht wird.

"Das europäische Hochschulsystem hat eine lange Tradition. Das heißt, es ist auch eine Tradition der Fächer, die an Hochschulen gelehrt werden. Alterung und Stammzellforschung ist jetzt keines dieser Kernfächer", sagt Hartmut Geiger von der Universität Ulm. Doch auch die Förderung der Forschung spielt eine große Rolle. An Geld scheint es dem Startup 'Elevian' momentan nicht zu mangeln. 5,5 Millionen Dollar Risikokapital hat das Unternehmen im September bekommen. Und hat angekündigt, den finalen Beweis zu haben – der sei bloß noch nicht veröffentlicht, soll aber auch die Zweifler überzeugen.

Ein Versprechen, dass die Forscher bereits in der Vergangenheit nicht halten konnten - mit dem sie aber immer wieder private Investoren auf sich aufmerksam machen. Frisches Forschungsgeld, trotz zweifelhafter Ergebnisse in der Vergangenheit. In Europa ist das anders. In der Stammzellenforschung ist das öffentliche Geld knapp. Wissenschaftliche Fehler und Luftschlösser können sich die Forscher nicht unbedingt leisten, finanziell und moralisch.

Links zum Thema:

Zurückgezogene Studie von Amy Wagers im Blood Journal: http://www.bloodjournal.org/content/112/3/519?sso-checked=true

Studie von 2013 von Amy Wagers zu GDF11: http://science.sciencemag.org/content/344/6184/649 (Abstract)

Studie von David J. Glass; widerspricht Ergebnissen von der Studie von Amy Wagers aus dem Jahr 2013:
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/26001423

Studie zeigt die Nicht-Reproduzierbarkeit und damit den Zweifel an Methoden:
http://www.oncotarget.com/index.php?journal=oncotarget&page=article&op=view&path%5B%5D=11096&path%5B%5D=35141

Studie von Hartmut Geiger:
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/28088989

Studie von Peitz
https://www.nature.com/articles/s41467-018-06398-5?WT.feed_name=subjects_neural-stem-cells

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