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Interview / Archiv | Beitrag vom 02.12.2015

Medikamente für SoldatenDrogen im Kriegseinsatz

Wolf-Reinhard Kemper im Gespräch mit Liane von Billerbeck

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Gefangene britische Soldaten im 1. Weltkrieg nahe der belgischen Stadt Ypern 1915. (picture alliance / dpa )
Gefangene britische Soldaten im 1. Weltkrieg nahe der belgischen Stadt Ypern 1915. (picture alliance / dpa )

Lassen sich Grausamkeit und Terror auch mit dem Einsatz von Drogen erklären? Der Kriminologe Wolf-Reinhard Kemper warnte vor vorschnellen Schlüssen: Es gebe keine Beweise dafür, das eine Droge bei jedem Menschen die Hemmschwelle senke.

Mit dem Zusammenhang von Drogen und Krieg hat sich Wolf-Reinhard Kemper intensiv beschäftigt. Er ist Kriminologe und Sozialwissenschaftler an der Leuphana-Universität Lüneburg.

Der geplante Einsatz von Drogen habe schon im Ersten Weltkrieg mit dem Kokain begonnen, sagte Kemper im Deutschlandradio Kultur. Dann seien das Amphetamin und das in Deutschland entwickelte  Metamphetamin gefolgt.

Es gebe allerdings keine Beweise dafür, dass eine Droge bei jedem Soldaten dann auch wirklich die Hemmschwelle senke, so Kemper:

"Weil jede Droge auf jede Person sehr individuell wirkt. Jeder von uns hat einen ganz eigenen Hormon-Cocktail in sich. Und wenn jetzt ein Amphetamin auf solch ein Hormon-Gemisch trifft, dann kann man nicht von vornherein festlegen, was jetzt mit dieser Person geschieht. In der Regel bleiben alle Personen länger wach und länger aktiv einsetzbar."

Nach den Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg müsse eigentlich jede Armee davor zurückschrecken, Medikamente wie Amphetamin oder Metamphetamin einzusetzen, äußerte Kemper:

"Weil das, was man an Zeit verlängert,- dass ich etwa über 32 Stunden einsetzbar sind -, das verlangt natürlich der Körper in Ruhezeit zurück. Die Menschen fallen zeitweise in komatöse Zustände, in denen sie nur noch schlafen und relaxen und nicht mehr einsatzfähig sind. "



Das Interview im Wortlaut:

Liane von Billerbeck: Kämpfer des IS, die Drogen nehmen oder dazu gezwungen wurden, davon haben Aussteiger berichtet. Es gab auch Meldungen, wonach die Attentäter von Paris vorher Captagon genommen haben. Es scheint irgendwie logisch, dass aufgrund der aufputschenden Wirkung eben auch Islamisten ihre Kämpfer unter Drogen in den Kampf schicken. Die Geschichte der Drogen im Kriegseinsatz, die kann das belegen. Soldaten wurden zu besseren Kampfmaschinen gemacht, deren Durchhaltevermögen verbessert, die Müdigkeit überwunden und auch Hemmungen abgebaut.

Lassen sich also auch Grausamkeiten und Terror mit dem Einsatz von Drogen erklären? Wolf-Reinhard Kemper ist Kriminologe und Sozialwissenschaftler an der Leuphana Universität Lüneburg. Er hat sich intensiv mit den Zusammenhängen von Drogen und Krieg in der Geschichte beschäftigt, insbesondere mit dem Einsatz des Methamphetamins Pervitin in der NS-Zeit. Herr Kemper, guten Morgen!

Wolf-Reinhard Kemper: Guten Morgen!

von Billerbeck: Die Tatsache, dass sich Kämpfer, Soldaten auf Befehl oder freiwillig aufputschen, die ist ja nicht neu. Drogen im Kriegseinsatz – wann hat das angefangen?

Kemper: Wir können historisch sehr weit zurückgehen bis in die Zeit 200 vor Christi, dort wurde schon Alkohol gezielt eingesetzt bei Soldaten. Aber das ist natürlich jetzt eine weit entfernte Geschichte. Wenn man so den gezielten, geplanten Einsatz sich anschaut, dann beginnt das mit dem Ersten Weltkrieg, speziell mit dem Kokain.

von Billerbeck: In welchem Umfang ist das damals genommen worden?

Kemper: Das Kokain ist speziell eingesetzt worden für die Flieger, die in den Krieg dann aktiv in Kampfhandlungen verwickelt waren.

Kokain im Ersten Weltkrieg

von Billerbeck: Haben sich denn bis heute nur die Cocktails verändert? Und von welchen Drogen sprechen wir da überhaupt?

Kemper: Der Beginn, die erste wirklich aktiv aufputschende Droge mit einer langanhaltenden Wirkung, das war das Kokain, und es folgte dann das Amphetamin und speziell das Methamphetamin, das in Deutschland entwickelt wurde 1938.

von Billerbeck: Drogen spielen ja in modernen Kriegen eine Rolle. Sie werden verwendet, um Schmerzen zu lindern, die Belastbarkeit zu erhöhen und Müdigkeit zu bekämpfen. Aber auch, um Hemmschwellen zu senken?

Kemper: Ja. Ich glaube, so den ganz logischen Zusammenhang, dass eine Droge bei jedem Soldaten die Hemmschwelle senkt, das kann man so nicht halten, dafür gibt es auch keine Beweise, weil jede Droge wirkt auf jede Person sehr individuell.

Jeder von uns hat einen ganz eigenen Hormoncocktail in sich. Und wenn jetzt ein Amphetamin auf solche einen Cocktail, auf unser Hormongemisch trifft, dann kann man nicht von vornherein festlegen, was jetzt mit dieser Person geschieht. In der Regel bleiben alle Personen länger wach. Sie sind länger aktiv, aktiv einsetzbar, speziell eben bei den Methamphetaminen, weil diese Methamphetamine auf das Noradrenalin und auf das Dopamin wirken. Das sind zwei Hormone, die wir im Körper haben und die für unsere Aktivität zuständig sind.

Pervitin in der Nazi-Zeit

von Billerbeck: Sie haben sich ja besonders, ich habe es vorhin gesagt, mit dem Pervitin beschäftigt und dem Einsatz in der Nazizeit. Die Nazis haben ja ihre Wehrmachtssoldaten auch mit Pervitin gestärkt. Das ist ein Vorläufer von Crystal Meth. Was weiß man denn Genaues darüber?

Kemper: Das Pervitin ist entwickelt worden in Deutschland, bei einem deutschen Pharmakonzern, wurde dann durch die physische Wehrabteilung im Dritten Reich besonders gefördert, dass das also eine Substanz ist, ein Medikament ist, das den Einsatz von Soldaten fördert, und wurde dann flächendeckend eingesetzt. Schon zu Beginn des Krieges und noch unkontrollierter bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges.

von Billerbeck: In welchem Umfang wurde das denn eingesetzt?

Kemper: Das wurde für jedermann eingesetzt. Am Anfang gab es noch kleine Sanitätsgruppierungen, die die Einnahme kontrollierten. Aber wohl so ab 1942/43 gab es keine Kontrolle mehr. Und die Soldaten, die nach Pervitin verlangten, haben dann Pervitin erhalten, wenn denn noch Pervitin vorhanden war.

von Billerbeck: Wenn das so umfänglich in Gebrauch war, dann muss es ja genauso in der Zivilbevölkerung bekannt gewesen sein. Was wissen Sie darüber?

Pervitin-Pralinen für die Bevölkerung

Kemper: Es gab auch Pervitin-Gaben nicht nur eben zum Wachhalten, sondern auch nach operativen Eingriffen, wenn jemand aus einer Vollnarkose erwacht ist, dann wurde es verabreicht. Aber es gab auch zum Beispiel für die Bevölkerung Pervitin-Pralinen. Wer sich also selber wachhalten wollte, konnte Schokolade mit Pervitin kaufen.

von Billerbeck: Ich erinnere mich auch noch an einen Feldpostbrief von Heinrich Böll, der da um Pervitin gebeten hat. Und wer den Film "Eins, zwei, drei" von Billy Wilder kennt – der ist ja 1961 entstanden –, da verlangt der Coca-Cola-Manager zwei Pervitin statt Milch und Zucker in den Kaffee. Ist das so üblich gewesen, dieser Stoff?

Kemper: Es war ein Medikament. Es war nicht als Droge deklariert, und man war sich doch in der Regel – man war davon überzeugt, dass es nicht so schädlich für den Körper ist.

von Billerbeck: Kann man denn sagen, dass moderne Armeen, in denen die Anforderungen an Soldaten ja extrem gestiegen sind, überhaupt noch auf solche Antistress- und Aufputschmittel verzichten können? Gibt es das heute auch so normal, wie Sie das vorhin aus dem Zweiten Weltkrieg geschildert haben?

Kemper: Wenn man aufgrund der Erfahrungen, die man speziell im Zweiten Weltkrieg gesammelt hat, aber auch später bei Einsätzen auf dieser Welt, unter Einfluss von Amphetaminen, Methamphetaminen sich anschaut, dann müsste jede Armee davor zurückschrecken, diese Medikamente einzusetzen.

Weil das, was man an Zeit verlängert -zum Beispiel, dass ich über dieses Medikament nicht mehr 16 Stunden, sondern 32 Stunden einsetzbar bin -, das verlangt natürlich der Körper an Ruhezeit zurück. Die Menschen fallen zeitweise in komatöse Zustände, in denen sie dann nur noch schlafen und relaxen und nicht mehr einsatzfähig sind. Es gibt auch Überlegungen und Forschungen, die wohl vermuten, dass speziell am Ende, so um 1944, speziell die Deutsche Wehrmacht zeitweise nicht mehr einsetzbar war aufgrund des extremen Pervitin-Missbrauchs.

Mehr Brutalität durch Methamphetamin?

von Billerbeck: Lassen sich dadurch auch Gräueltaten erklären?

Kemper: Ja, das ist –

von Billerbeck: – die Gretchenfrage?

Kemper: Die Gretchenfrage. Das ist die Vermutung. Es gibt wohl Menschen, die unter Einfluss von Methamphetamin eher bereit sind, dann auch brutaler zu werden. Der persönliche Angriff spielt da eine Rolle. Das finden wir ja sowohl bei Kokainkonsumenten, das finden wir auch bei Amphetaminkonsumenten: Wenn diese Menschen dann eine ganze Zeit lang wach waren und sich nur auf sich selbst bezogen haben, weil die Droge auch sehr egoman macht, kann es auch dazu kommen, dass man sich in so einer übersteigerten Konsummenge dann immer angegriffener fühlt, sich immer mehr verteidigungsbereit fühlt und dadurch immer brutaler wird.

von Billerbeck: Der Lüneburger Kriminologe und Sozialwissenschaftler Wolf-Reinhard Kemper über Drogen und Krieg. Ich danke Ihnen!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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