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Thema / Archiv | Beitrag vom 20.06.2013

Medienwirksame Einmischung

Dieter Rucht untersucht moderne Formen des Protestes

Moderation: Dieter Kassel

Proteste in Sao Paulo (picture alliance / dpa / Gustavo Basso)
Proteste in Sao Paulo (picture alliance / dpa / Gustavo Basso)

Stuttgart 21, Occupy Gezi, Brasilien: Weltweit flammen Proteste auf und es sind nicht nur Unterprivilegierte, die hier demonstrieren, sagt Dieter Rucht. Die heutigen Protestler sind sozial durchmischt, über das Internet vernetzt und wissen, wie man sich mediengerecht inszeniert, so der Soziologe weiter.

Dieter Kassel: In Fortaleza und anderen brasilianischen Städten demonstrierten auch in der vergangenen Nacht wieder Hunderttausende. Auch in der Türkei gingen die Proteste weiter, und das längst nicht mehr nur in der Stadt Istanbul. Das eine hat auf dem ersten Blick nichts mit dem anderen zu tun, aber gibt es nicht doch Gemeinsamkeiten? Was sind das für neue Protestbewegungen und neue Protestformen in vielen Ländern der Welt? Darüber sprechen wir mit Dieter Rucht, Soziologe und einer der Initiatoren des in Gründung befindlichen Instituts für Protest- und Bewegungsforschung, schönen guten Morgen, Herr Rucht!

Dieter Rucht: Guten Morgen, Herr Kassel!

Kassel: Jetzt mal ganz allgemein die Frage: Ist es eigentlich mein subjektiver, vielleicht sogar falscher Eindruck, dass es in den letzten Jahren viel mehr Protestbewegung, große Proteste auf der Welt gibt als in der Vergangenheit, oder können Sie das auch als Wissenschaftler nachvollziehen, diesen Eindruck?

Rucht: Der Eindruck ist da und da ist auch was dran. Aber wir sollten nicht vergessen, dass es in der Vergangenheit auch immer wieder große Protestwellen gab. Ich erinnere an die späten 80er-Jahre im Ostblock, ich erinnere an die Zeit um 1968, ich erinnere sogar an die Zeit 1848/49. Da gab es auch in Mitteleuropa Wellen des Protestes und Revolution.

Kassel: Wenn Sie sich jetzt aber die aktuellen Proteste, nehmen wir Brasilien, Türkei, wir können es aber auch erweitern, angucken, was sind für Sie die größten Unterschiede im Vergleich zu den Protestwellen, die Sie gerade erwähnt haben?

Rucht: Im Vordergrund heute stehen überwiegend junge Leute. Zweitens sind es Leute, die sehr stark über das Internet, über soziale Medien vernetzt sind, und ein drittes Kennzeichen ist, dass das alles sehr schnell geht. Das heißt, innerhalb von wenigen Tagen können große, sogar weltweite Proteste aufflammen, sie können aber auch sehr schnell wieder zu Ende gehen, wie wir das bei Occupy erlebt haben.

Der türkische Choreograph Erdem Gunduz steht am Taksim-Platz und demonstriert sechs Stunden lautlos. (picture alliance / dpa / EPA / Vassil Donev)Der türkische Choreograph Erdem Gunduz steht am Taksim-Platz und demonstriert sechs Stunden lautlos. (picture alliance / dpa / EPA / Vassil Donev)Kassel: Ist es durch die von Ihnen beschriebenen Medien auch wichtiger geworden, wie der Einzelne protestiert? Denken wir an den sogenannten Standing Man, den stehenden Mann in der Türkei: Das war erst mal einer, ein Tänzer, wie wir inzwischen wissen, der auf dem Taksim-Platz einfach geschwiegen hat, stundenlang, und selbst die Polizei hat am Anfang nicht begriffen, dass der überhaupt protestiert. Inzwischen ist das sozusagen die übliche Protestform an diesem Platz, weil es auch nicht anders geht. Ist das auch eine Veränderung, dass einer ein solches Zeichen setzen kann?

Rucht: Da bin ich jetzt nicht ganz sicher, denn es gab immer wieder Fälle, wo sich einzelne Formen des Protestes medial dann verbreitet haben und dann an vielen Stellen der Welt auch kopiert wurden. Diese konkrete Form ist schon eine Innovation, aber dass sich Proteste, Symbole auch des Protestes sehr rasch ausbreiten, auch visuelle Symbole – ich denke da an das Friedenssymbol –, das passierte auch in der Vergangenheit.

Kassel: Aber dass wirklich ein einzelner Mensch so viel ... erreichen kann man vielleicht noch nicht sagen, aber ein so großes Zeichen setzen kann, ist das nicht neu durch die Medien? War es nicht früher so, dass es eher die Masse gemacht hat, man sich eher gefragt hat, protestieren da 20.000 oder nur 2000?

Rucht: Na ja, Gandhi war in seiner Frühzeit schon auch eine Einzelfigur, die erst mal viele andere beeindruckt hat. Da sind nicht gleich in Scharen die Leute nachgelaufen. Es gibt auch einzelne Protesthandlungen, ich denke an die Selbstverbrennung eines buddhistischen Mönches vor dem Hintergrund des Vietnamkrieges, da haben zwar sich dann ähnlich im Anschluss viele andere verbrannt durchaus, es waren einige mehr, aber zunächst mal war das ein Symbol sozusagen des letzten Mittels, zu dem man greifen kann. Und dieses Bild des sich verbrennenden Mönches ging rund um die Welt.

Kassel: Wie sieht es denn – Sie haben rund um die Welt gesagt – heute überhaupt mit der weltweiten Vernetzung aus? Wenn wir Brasilien oder die Türkei nehmen, da liegen so 14.000 Kilometer dazwischen, trotzdem sagen Menschen in Brasilien, wir beziehen uns ein bisschen auf Istanbul, wir beziehen uns ein bisschen sogar auf den Arabischen Frühling, die Menschen in der Türkei bezeichnen manchmal das, was sie gerade tun, als den Türkischen Sommer. Gibt es da eine weltweite Beeinflussung?

Rucht: Das läuft indirekt über die Medien. Also, man nimmt sich gegenseitig über die Medien wahr, das heißt nicht unbedingt, dass die Protestierenden und die Gruppen, die Organisationen, die dahinter stehen, Kontakt miteinander hätten.

Kassel: Sie haben, als wir schon ein bisschen darüber gesprochen haben, wer da protestiert, unter anderem gesagt, es sind die jungen Leute. Das mag zum einen so sein, aber erleben wir da auch eine Verlagerung in die Mittelschicht? Wenn man sich zum Beispiel Brasilien anguckt, da sagt ja auch der ein oder andere, na ja, das sind eigentlich recht untypische Demonstranten, das sind ja Menschen, die sogar auf den ersten Blick gar keine großen Probleme haben!

Rucht: Ja, also, die Verlagerung in die Mittelschicht, das gilt für den Protest insgesamt. Ich spreche jetzt eher von den mitteleuropäischen Ländern. Also, wenn man beispielsweise zivilen Ungehorsam praktiziert, und das bedeutet zwar Gewaltlosigkeit, aber zugleich auch eine Regelverletzung, das heißt, das sind in der Regel dann illegale Proteste, das war früher eher eine Sache von Studierenden, die da eher unabhängig waren, noch keinen Beruf hatten, keine Kinder hatten, eher auch zum Risiko geneigt haben. Und diese Bereitschaft zum zivilen Ungehorsam, das wissen wir auch aus Befragungen von Demonstrierenden in Deutschland, die ist sehr stark gewachsen und reicht dann bis in das bürgerliche Lager hinein.

Kassel: Warum ist denn das so? Kann man schlicht sagen, die Leute sind mutiger geworden?

Rucht: Ja, sie sind mutiger, selbstbewusster geworden. Also das, was die Fachleute sagen, was die gewählten Politiker sagen, das ist nicht unbedingt das letzte Wort. Also, die Leute mischen sich ein. Dazu kommt auch die Bildungsexpansion, es gibt sehr viel mehr Leute, die sich artikulieren können, die wissen, wie man mit Medien umgeht. Und es gibt auch in den Reihen der Protestierenden fast immer auch Fachleute – das mögen Juristen sein, Architekten –, die dann auch mit einer fundierten fachlichen Stellungnahme in diese Proteste eingreifen und mitmischen.

Kassel: Das heißt aber auch – das ist mein Eindruck und das passt zu dem, was Sie gerade gesagt haben –, diese Protestgruppen, sei es in Deutschland – denken wir an Stuttgart 21 –, aber auch weltweit, die sind mehr denn je sehr heterogen?

Rucht: Ja. Die soziale Mischung steigt an, zum Teil waren das früher klassischerweise homogene Gruppen, da haben dann die Bauern protestiert etwa schon um die Wende zum 20. Jahrhundert, in den USA gab es eine Welle von Agrarrevolten, Agrarpopulismus, die klassischen Arbeiterproteste, das waren nicht immer diejenigen, die verelendet waren, sondern das waren eher die, die was zu verlieren hatten, also die Minenarbeiter, die Stahlarbeiter, die eher zu den gut bezahlten Arbeitern gehörten, die Studierenden, die dann '68 auf die Straße gegangen sind ... Also, es waren relativ – sozial gesehen – homogene Gruppen. Und was wir jetzt erleben, zum Teil durch eine Themenverschiebung, sind sehr gemischte Proteste, wo also Junge und Alte und auch eher Privilegierte und Entprivilegierte zusammenstehen.

Kassel: Ist das nicht auch, um Ziele zu erreichen, ein Problem? Zum einen diese Heterogenität, dass vielleicht nur scheinbar jeder, der da in der Gruppe steht, wirklich auch das Gleiche will, und b) man hat ja oft auch nicht so konkrete Angriffsziele wie vorher. Wenn man zum Beispiel ganz allgemein gegen Globalisierung protestiert, ist ja schon die Frage, an wen richtet sich der Protest? Wenn man Pech hat, gehen die Politiker gleich mit!

Rucht: Das ist richtig. Also, früher hatte man in der Regel einen klaren Angriffspunkt, das war zum Beispiel vor 250 Jahren dann der König. Der wurde enthauptet und damit hatte man symbolisch und faktisch praktisch diese Macht gebrochen. Heutzutage, wenn man gegen den Neoliberalismus kämpft, um mal nur ein Schlagwort aufzugreifen, dann hat man im Grunde gar nicht mehr den König, der da durch Enthauptung das ganze System dann auch zu Fall bringen könnte, sondern man hat im Grunde unendlich viele Angriffspunkte, einzelne Wirtschaftsunternehmen, die Banken, die Regierungen, die da zum Teil regulierend oder nicht regulierend beteiligt sind, aber auch selbst als Konsument ist man an diesem System mit beteiligt.

Kassel: Wir reden heute Morgen hier im Deutschlandradio Kultur mit dem Protestforscher Dieter Rucht, er ist Mitinitiator des in Gründung befindlichen Zentrums für Protest- und Bewegungsforschung, über die modernen Protestbewegungen und natürlich, Herr Rucht, auch über die modernen Formen. Wenn wir mal zurückdenken an den G-8-Gipfel in Heiligendamm, die tanzenden Clowns, wenn wir an die Masken der Occupy-Bewegung denken, ich habe schon erwähnt den Standing Man in der Türkei: Ist heute die Form des Protests manchmal entscheidender als der Inhalt?

Mit einer Guy Fawkes-Maske protestierte dieser Aktivist gestern vor der EZB. (dpa / Nicolas Armer)Mit einer Guy Fawkes-Maske protestierte dieser Aktivist vor der EZB. (dpa / Nicolas Armer)Rucht: Ja, es gibt diesen Trend dahin. Also, früher waren die Proteste häufiger ernst und man hat da viele Worte gebraucht, um zu erklären, was man tun will, welche Forderungen man erhebt. Heutzutage werden die Proteste sehr stark durch die äußere Form, auch durch die visuelle Darstellung, durch die Inszenierung von Protesten geprägt. Und sehr viele Protestgruppen handeln nicht einfach, weil sie einen inneren Antrieb haben und dann die ihnen gemäße Form selbst wählen, sondern sie handeln mit Blick auf die Medien, also, was erzielt Wirkung, was müssen wir tun, um Bilder zu erzeugen, die dann auch in der "Tagesschau" kommen?

Kassel: Wenn man das zusammen denkt mit dem schon erwähnten Phänomen, dass offenbar die Schwelle niedriger zu sein scheint, die jemand übertreten muss, um mitzudemonstrieren, wenn wir gerade an Länder wie Deutschland denken, wo ja oft man sich keine so großen Sorgen machen muss, wenn man protestiert: Gibt es auch Menschen, die das Ganze eher als Event empfinden und eher zu einem Protestmarsch gehen, wie man früher vielleicht zu einem Rockkonzert gegangen ist?

Rucht: Also, in manchen Kreisen, insbesondere in bestimmten Jugendlichen-Milieus oder -Kulturen mag das eine Rolle spielen, aber ich denke schon, dass das Gros der Protestierenden, egal um welche Themen es geht, es mögen die Milchpreise sein für die Milchbauern, das mögen die Transportarbeiter, der Lkw-Fahrer sein, das mögen Leute sein, die sich um Klimaschutz kümmern, also, die haben schon ernste Anliegen, sind besorgt, da kann man nicht sagen, das ist nun mal die Lust an der Provokation und der Kitzel, vielleicht auch mal sich in eine Auseinandersetzung mit der Polizei zu begeben. Das gibt es, aber das ist ein Randphänomen.

Kassel: Nun haben Sie so viel erklärt und müssen dennoch, Herr Rucht, irgendwo der Meinung sein, dass auch die Wissenschaft zu wenig weiß. Denn Sie haben ja mit Kolleginnen und Kollegen die Gründung dieses neuen Zentrums für Protest- und Bewegungsforschung initiiert. Ist es also in Ihren Augen tatsächlich so, dass die Wissenschaft dieser Entwicklung ein bisschen hinterherhinkt?

Rucht: Ja, sie hinkt notgedrungen zeitlich hinterher, denn erst muss sich mal was tun, bevor man das hinterher auch erst noch mal aufarbeiten, erklären kann, die Daten dazu sammelt. Aber generell ist es so, dass die Relevanz von Protest unterschätzt wurde, jahrelang und Jahrzehnte lang. Also, wir wissen sehr viel über Wahlverhalten, wir haben Studien über einzelne große Verbände, die Gewerkschaften, aber wir haben so gut wie keine kontinuierliche Forschung über Proteste und soziale Bewegungen. Und da gibt es auch eine institutionelle Lücke, es gibt ja keine Lehrstühle und auch in den Fächern Politik, Soziologie, da wird das kaum repräsentiert, dieses Thema.

Kassel: Der Protestforscher Dieter Rucht über neue Protestbewegungen und was sie bedeuten. Ich danke Ihnen sehr für das Gespräch, Herr Rucht!

Rucht: Bitte schön, Herr Kassel!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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