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Religionen | Beitrag vom 10.06.2018

Medienpolitik im Vatikan unter Papst Franziskus"Wirklich heikel sind politische Themen"

Gudrun Sailer von "Vatican News" im Gespräch mit Anne Françoise Weber

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Regisseur Wim Wenders und sein Protagonist Papst Franziskus in dem Film "Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes"  (imago/ZUMA Press)
Regisseur Wim Wenders und sein Protagonist Papst Franziskus in dem Film "Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes" (imago/ZUMA Press)

Denkt Franziskus bei seinen symbolhaften Gesten eigentlich an die Bilder, die er produziert? Nein, sagt die Journalistin Gudrun Sailer von Vatican News. Der Papst tue das, was er in dem Moment tatsächlich meine. Reglementiert sei die Medienarbeit des Vatikan bei anderen Themen.

Anne Françoise Weber: Am kommenden Donnerstag kommt ein Film in die Kinos, der schon im Vorfeld ziemlich von sich reden machte, seit seiner Premiere in Cannes im Mai eigentlich. Es ist eine Art Auftragsarbeit, denn die Organisation des Portraitierten, der Vatikan, ist auf einen namhaften Regisseur, nämlich Wim Wenders, zugekommen mit dem Angebot, doch einen Film zu drehen – Sie ahnen es – über Papst Franziskus. Wir nehmen den Film zum Anlass, uns die Medienpolitik des Vatikan unter Papst Franziskus genauer anzusehen.

Was hat sich dort verändert in den letzten Jahren, nicht nur durch den Papst vom Ende der Welt, wie er sich selbst gerne nennt, sondern auch durch die zunehmende Bedeutung der sozialen Medien?

Von all dem kann Gudrun Sailer erzählen. Sie ist Österreicherin und arbeitet als Journalistin seit 2003 für die Medien aus dem Vatikan. Früher hieß ihr Medium noch "Radio Vatikan", heute ist es "Vatican News". Damit sind wir schon mitten bei den Veränderungen wären.

Ich habe vor der Sendung mit Gudrun Sailer gesprochen und sie zunächst gefragt: Der Vatikan ist also an Wim Wenders herangetreten, ob er diesen Film über Papst Franziskus machen will. Er sollte ihn aber selbst finanzieren und ganz frei in seiner Gestaltung sein. Herausgekommen ist jetzt keine distanzierte Einordnung, sondern ein Film, in dem sich der Papst an die Welt und wirklich ganz direkt an den Betrachter, die Betrachterin wendet. Es wird auch sehr viel Archivmaterial des Vatikan verwendet. Ist das nicht im Grunde der beste Werbefilm, den man sich im Vatikan wünschen konnte?

Gudrun Sailer: Also ich weiß nicht, ehrlich gesagt, wie erfreut Wim Wenderss wäre, wenn man sein Werk über Papst Franziskus einen Werbefilm nennt. Das ist ein Film auf höchstem künstlerischen Niveau, und das stimmt schon, es ist unverkennbar die Sympathie, die Hochachtung, die der Regisseur dem Papst entgegenbringt, auch die Faszination, wenn Sie so wollen, die er für ihn hat. Das kann man übrigens auch sehr aufrichtig und auch ungewöhnlich finden, meine ich, dass Wenders das gar nicht versteckt, dass er auch gar nicht erst versucht, einzusteigen in dieses Einerseits-Andererseits, in die Logik des Beidseitigen, des vorgeblich Ausgewogenen, wie man das ja so oft im Dokumentarfilm hat. Wenders zeigt den Papst und auch das, was der Papst tut, ich würde sagen: in einer Blende der Faszination, und von daher, ja, dieser Papstfilm hat etwas Werbendes, und ich meine, es kamen da eigentlich zwei Dinge zusammen.

Zum einen das massive Interesse von Wim Wenders am Papst, an diesem Papst als Oberhirten der katholischen Kirche, und dann auf der anderen Seite ein Papst, der gerne neue Wege geht, also der jede Gelegenheit nutzt, gerade auch Menschen zu erreichen, die wenig Interesse haben oder vielleicht auch wenig Wissen von Jesus, von Kirche, von Papst, von Vatikan, und insofern, ja, diesem Papst kam der Film mit Wim Wenders sehr entgegen. Deswegen hat er ja zugesagt, weil er damit rechnen kann, dass ein solcher Kinofilm von dieser Qualität eben auch ein anderes als das übliche Papstpublikum anziehen wird.

Weber: Interessant ist ja auch, dass es in dem Film wirklich nur um Papst Franziskus als Person geht, und sozusagen die ganze Amtskirche drum rum verschwindet. Also es gibt eine Szene, wo sich der Papst an die Kardinäle wendet, aber ansonsten ist er eigentlich ein allein agierender Mann in sehr vielen Interaktionen mit den einfachen Gläubigen. Das war natürlich die Entscheidung von Wim Wenders, der das sehr bewusst so gemacht hat, aber ist das nicht vielleicht doch auch die Wiederspiegelung einer Entwicklung, dass man auch in der katholischen Weltkirche sich immer mehr auf diese Person des Papstes fokussiert?

"Also medial betrachtet ist der Papst eine Marke mit allerhöchstem Wiedererkennbarkeitswert"

Sailer: Also ich denke mal, grundsätzlich sind Päpste medial unverwechselbare Gestalten. Das war aber schon immer so. Also das Gegenbeispiel: Könige, Ministerpräsidenten gab und gibt es gleichzeitig und auch von verschiedensten Schattierungen, aber der Papst ist einmalig auf der Welt, und es kann auch immer nur einen geben. Also medial betrachtet ist, würde ich sagen, der Papst eine Marke mit allerhöchstem Wiedererkennbarkeitswert. Es ist immer der in der weißen Sutane, und der ist immer in derselben Rolle. Also egal welcher Papst darin steckt, ein Papst ist ein Papst, auf ihn sind viele Blicke gerichtet. Das war auch schon bisher so mit Franziskus’ Vorgängern im Amt, aber mit Franziskus wird es schon noch einen Grad spezieller, eben weil er eine neue Art hat, Papst zu sein und dieses Amt auszufüllen.

Ich würde jetzt nicht sagen, dass die Medienarbeit des Vatikans oder überhaupt kirchliche Medienarbeit von sich aus mehr auf Papst Franziskus zugeschnitten ist. Dieses Risiko sehe ich zwar, aber ich sehe es eher bei säkularen Medien, dass man sich gerne begnügt mit der Oberfläche des Papstes. Also um mal ein Beispiel zu nennen mit den abgetretenen Schuhe, die Franziskus trägt, mit den Gesten, mit den kleinen rührenden Geschichten, die man von diesem Papst ja en masse erzählen kann, und das sind auch dankbare Sachen. Um sie zu erzählen in der vatikanischen Medienarbeit, gehen wir da mehr in die Tiefe, ohne eben diese Geschichten, Geschichtchen, Bilder und Symbole zu vernachlässigen, und dasselbe tut ja auch Wim Wenders in seinem Film.

Papst Franziskus bei seiner wöchentlichen Generalaudienz auf der Piazza San Pietro im Vatikan am 6. Juni 2018. (picture alliance / Isabella Bonotto/MAXPPP/dpa)Papst Franziskus bei seiner wöchentlichen Generalaudienz auf der Piazza San Pietro im Vatikan am 6. Juni 2018. (picture alliance / Isabella Bonotto/MAXPPP/dpa)

Weber: Aber wenn man sich eben das Archivmaterial anschaut, was Wim Wenders verwendet hat, also der Papst, der durch die Menge fährt, der Papst, der Kranke besucht und so weiter, der Gefangenen die Füße wäscht, hätte es das gleiche Archivmaterial auch von seinen Vorgängern gegeben oder hätte man nicht eher Ratzinger bei einer Rede in Regensburg oder sonst wo gezeigt?

Sailer: In der Fülle hätte es das Material bestimmt nicht gegeben. Das liegt an zwei Dingen: Zum einen die vatikanische Filmarbeit hat sich über die Jahre professionalisiert. Vatikanfernsehen gibt es seit relativ kurzer Zeit erst, seit 1983, also dass wirklich Vatikanleute diese Bilder des Papstes einfangen. Das wurde auch technologisch in den letzten zehn Jahren, würde ich sagen, das hat schon begonnen unter Benedikt XVI., wurde das noch mal extrem hochgerüstet und sehr professionalisiert. Warum? Weil das Vatikanfernsehen dasjenige ist, das diese Vatikanbilder exklusiv hat und allen anderen Fernsehsendern zur Welt zur Verfügung stellt. Ob das jetzt ein ganz technisch hochgerüsteter ist in den Vereinigten Staaten oder in Deutschland oder in Angola, das ist gleich. Jedenfalls muss das Niveau technisch sehr hoch sein.

Und zum Zweiten liegt die Verfügbarkeit von vielen Bildern, des Hinausgehens, natürlich auch an der Gestalt von Papst Franziskus. Franziskus lässt sich eben nicht so gut einhegen wie die Päpste vor ihm. Johannes Paul II. war übrigens ähnlich am Anfang, aber da war die vatikanische Medienarbeit noch nicht so weit, auch mit diesem Einfangen von Bildern mit den Fernsehkameras, die andauernd dabei sind. Franziskus lässt sich überhaupt nicht gut einhegen. Er weicht buchstäblich ab von den vorgegebenen Pfaden, was seine eigenen Leute oft genug zur Verzweiflung bringt, aber eben dann Bilder gibt, die Sie wirklich …, wo Sie den Eindruck haben, das habe ich noch nie gesehen von einem Papst. Also zum Beispiel im Januar war er in Lateinamerika – auf den Reisen passiert sowas besonders oft –, und in Chile ist bei einer Situation, als der Papst vorbeigefahren ist im Papamobil, ist eine berittene Polizistin vom Pferd gefallen. Was macht der Papst? Er lässt sein Fahrzeug anhalten und hat der Polizistin wieder auf die Beine geholfen. Sowas sind Bilder, die merkt man sich, wenn sie mal gesehen hat, und das hängt zusammen mit der Gestalt von Papst Franziskus. Sie kriegen solche Bilder deswegen, weil wir einen Papst hier haben, der Bergoglio ist in seiner Persönlichkeit.

Weber: Sie sagen, er verlässt die ausgetretenen Pfade. Denkt er aber denn die Medien mit, also macht er bestimmte Dinge vielleicht auch, weil er weiß, das sind wirksame Bilder, also wenn er betet an der Grenzanlage zwischen Israel und den Palästinensergebieten, ist dann da doch auch die Gewissheit, wenn ich das als Papst tue, dann hat das eine ganz bestimmte Wirkung, wenn das gefilmt wird?

"Ich glaube auch, dass es ihm eigentlich egal ist, was seine Medien alles einfangen von ihm oder nicht"

Sailer: Von seiner Seite aus, glaube ich, dass er das fast nie mitbedenkt, sondern wenn er aussteigt an dieser Mauer in den Palästinensergebieten und daran betet und die Stirn da drauflegt auf diese Mauer, dann ist das etwas, was ihm in diesem Augenblick ein riesengroßes Anliegen ist, sei es mit der Polizistin, die vom Pferd gefallen ist, sei es mit diesem ganz starken politischen Symbol, an dieser Mauer zu beten, die eben auch eine politische Mauer ist. Ich glaube nicht, dass er die Bilder mitdenkt. Ich glaube auch, dass es ihm eigentlich egal ist, was seine Medien alles einfangen von ihm oder nicht. Er tut das, was er in dem Moment tatsächlich meint, das getan werden muss.

Weber: Aber Medienpolitik scheint ihm doch wichtig zu sein. Also er hat jedenfalls die Medienabteilung des Vatikan ganz entscheidend umstrukturiert. Da ist doch der Wille, irgendwie vielleicht präsenter zu sein oder ein anderes Bild abzugeben vom Vatikan. Da ist doch irgendwie ein Ziel dahinter, oder?

Sailer: Ich würde das ganz anders einschätzen als Sie, Frau Weber. Ich glaube, dass Medienpolitik dem Papst Franziskus überhaupt nicht wichtig ist. Unzweifelhaft ist er selber ein begnadeter Kommunikator, dass er aber selber einen so großen medialen Apparat hat, das ist ihm, meine ich, eher suspekt. Sie müssen bedenken, wir sind gut 600 Leute in der ganzen Medienarbeit im Vatikan, da muss ich jetzt aber auch aufzählen, was alles dazugehört: Das ist "Vatican News", eben das, was früher "Radio Vatikan" war, da ist das Vatikanfernsehen dabei, da ist die Vatikanzeitung dabei, da ist auch der Verlag dabei, und da ist die Druckerei dabei, außerdem eine riesengroße Archivwebseite, wo alle Papstreden in fünf, sechs offiziellen Übersetzungen draufstehen. Das sind 600 Leute, und die sind sehr gut beschäftigt, muss man sagen.

Ich glaube, bei ihm kommt aber auch noch dieser eine Aspekt dazu, weswegen ihm Medien und Kommunikation dann letztlich doch wichtig sind, wichtig sein müssen, denn grundsätzlich ist das ganze Christentum Kommunikation. Da gibt es diese Botschaft, die Menschen heilt, es gibt einen barmherzigen Gott, der liebt, und das ist eine Botschaft, die jemand, der glaubt, nicht für sich behalten darf. Also Kommunikation ist ein Schlüssel des Christentums, nicht dieses Papstes mehr oder weniger, und dazu braucht es nicht unbedingt eine Medienpolitik – das wäre zu kleingefasst –, es braucht diese Grundhaltung.

Der Papst berührt die Hände einiger Migranten bei der Audienz im Vatikan am 6. Juni 2018. (picture alliance / Isabella Bonotto/MAXPPP/dpa)Der Papst berührt die Hände einiger Migranten bei der Audienz im Vatikan am 6. Juni 2018. (picture alliance / Isabella Bonotto/MAXPPP/dpa)
Weber: Wie viel Freiheit haben Sie denn als Journalistin im Vatikan? Sie machen natürlich Pressearbeit für den Vatikan, aber Sie können ja unterschiedlich stark auch Kritiker oder Konflikte darstellen oder nicht. Ist Ihnen das unbelassen, oder ist Ihnen sozusagen unbewusst klar, was die Linie ist, oder gibt es da bisweilen auch deutliche Anweisungen, was vorkommen sollte und was nicht vorkommen sollte?

Sailer: Also das ist immer so ein tägliches Hin und Her. Grundsätzlich weiß man, was vorkommen muss. Man ahnt manchmal auch, was nicht so gern gesehen ist, das vorkommt, und dann ist es auch ein gewisses Spannungsverhältnis. Also ein Anliegen dieser Medienreform im Vatikan ist es zum Beispiel, die Inhalte der einzelnen Sprachredaktionen zu vereinheitlichen. Bei "Vatican News" sind wir 40 unterschiedliche Sprachredaktionen, und vorher hatten wir sehr große Freiheiten. Das soll nun ein bisschen besser … - mehr kontrolliert und koordiniert und abgestimmt werden. Kritisches kann schon auch berichtet werden, es muss aber sehr sachlich aufbereitet seine, ohne Hauch von Polemik oder Kommentar. Krisen, zum Beispiel dieser unselige Großskandal von Missbrauch in der Kirche, eine ganz, ganz üble Sache, das greifen wir dauernd auf. Das ist auch unsere Pflicht, denke ich. Unsere Pflicht ist es ja nicht, bei "Vatican News" die Wahrheit zu verschweigen, auch wenn sie weh tut, sondern die Wahrheit muss eben auch auf den Tisch gelegt werden.

Wirklich heikle Themen sind bei uns aber die politischen Themen. Damit meine ich zum Beispiel einen Themenkomplex wie China. Am Heiligen Stuhl laufen Verhandlungen mit China. In China gibt es eine Christenverfolgung, und da wird alles heikel, es wird jedes Wort auf die Goldwaage gelegt, das wir über China sagen. Im Moment sind wir dazu gehalten zum Beispiel, überhaupt nichts über China zu berichten, weil das wirklich Schwierigkeiten bringen kann. Zum einen kann es die Verhandlungen mit China torpedieren. Da geht es um ein Abkommen, das Christen, Katholiken in China hilft, und zum anderen können Dinge, die ich publiziere, Menschen in China, Katholiken, Katholikinnen, in ernsthafte Schwierigkeiten bringen. Das ist ein Lernprozess für jeden und jede, die neu zu uns kommt sozusagen. Ich publiziere hier nicht als Gudrun Sailer, ich bin nicht Gudrun Sailer, Gudrun Sailer interessiert niemanden, sondern wenn ich eine Nachricht auf der Webseite von "Vatican News" publiziere, dann bin ich in dem Moment der Heilige Stuhl, großes Wort, und wenn ich als Heiliger Stuhl etwas publiziere, das wirklich problematisch ist, dann kann jemand anderer dafür ins Gefängnis kommen, in China zum Beispiel. Das kann ich nicht wollen, deswegen ist es in diesen Grenzfällen auch wirklich sehr ratsam, sich an diese Vorgaben zu halten. Also Sie sehen, es ist wirklich ein tägliches Spannungsfeld und auch ein Feld, das gerade in Zeiten wie heute sehr in Entwicklung ist mit den sozialen Medien, wo alles sofort aufgegriffen wird, wo Meinung einen höheren Stellenwert hat als Information, haben wir noch eine ganz besonders herausgeschärfte Rolle als offizielles Sprachrohr letztlich auch des Heiligen Stuhls und des Papstes.

Weber: Vielen Dank für diesen Blick hinter die Kulissen! Das war Gudrun Sailer, Journalistin bei "Vatican News", früher "Radio Vatikan". Herzlichen Dank

Sailer: Gerne!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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