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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 19.08.2020

MedienkritikAus Hanau wurde nichts gelernt

Ein Kommentar von Fabian Goldmann

Das Foto aus dem März 2020 zeigt die Gedenkfeier im Stadtzentrum von Hanau. Hunderte von Menschen versammelten sich damals, um die Gedenkfeier auf Freiluft-Leinwänden zu verfolgen.  (laif / NarPhotos / Cigdem Ucuncu)
Nach dem Attentat von Hanau schien es, als ob Journalisten wirklich bereit wären, selbstkritisch ihre Rolle beim Entstehen rassistischer Weltbilder zu hinterfragen, sagt Fabian Goldmann. (laif / NarPhotos / Cigdem Ucuncu)

Vor sechs Monaten ermordete ein Attentäter in Hanau neun Menschen aus rassistischen Motiven. Danach gab es eine gewisse Nachdenklichkeit auch über die eigene Rolle in der Medienbranche. Davon ist nicht viel übrig, meint der Journalist Fabian Goldmann.

"Deutschland weint um euch." So titelte die "Bild", nachdem - heute vor sechs Monaten - ein Rechtsextremist neun Menschen das Leben nahm, weil sie nicht in sein rassistisches Weltbild passten.

Für kurze Zeit konnte man nach dem Attentat von Hanau tatsächlich den Eindruck bekommen, Journalisten und Journalistinnen vergössen nicht nur Krokodilstränen, wären wirklich bereit, selbstkritisch ihre Rolle beim Entstehen rassistischer Weltbilder zu hinterfragen. 

Doch mittlerweile sind die meisten deutschen Medien wieder zur Tagesordnung zurückgekehrt. Es wird pauschalisiert, stigmatisiert und kriminalisiert.

Schlagzeilen sind gefüllt mit kriminellen Clans, ausländischen Gewalttätern und muslimischen Extremisten. Kommentatoren warnen vor "dem Ende des staatlichen Gewaltmonopols", "Islamisierung" und "Zivilisationsbrüchen".

Aufgeblasene Nischenthemen

Die Anlässe sind so banal wie beliebig: Ein paar Gramm unversteuerter Tabak. Die muslimische Besetzung einer unbedeutenden Stelle beim Auswärtigen Amt. Ein Fußballverein, auf dessen Trikot kaum sichtbar die Silhouette einer Moschee prangt.

Nischenthemen, die es im Fall von Mehrheitsdeutschen kaum in die Lokalpresse schaffen würden, werden auch nach Hanau zu nationalen Debatten aufgeblasen. Aus Ereignissen, die rein gar nichts miteinander zu tun haben, werden politische Bedrohungsszenarien konstruiert.

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Vom Terror des Islamischen Staates, über Kopftuch tragende Richterinnen bis zum fehlenden Schweinefleisch in der Kita vermengen einige Journalisten und Journalistinnen alles, was sich irgendwie "muslimisch" labeln lässt.

Neu ist das nicht. Doch was vor Jahren noch in den alleinigen Inkompetenzbereich rechter Populisten fiel, landet heute unter der Überschrift "Politischer Islam" in Essayform im "Stern" oder der "NZZ".

Medien tragen zu Feindbild-Fantasien bei

Gewollt oder nicht tragen Medien damit dazu bei, die Feindbild-Fantasie zu schaffen, auf die sich Attentäter berufen. Was die Täter von Christchurch, Halle und Hanau eint, ist nicht nur ihre Verachtung von Minderheiten.

Terroristen sehen sich im größeren Auftrag unterwegs. Den Mord von Wehrlosen verklären sie zur selbstlosen Widerstandshandlung gegen eine existenzielle Bedrohung, ob sie diese nun "jüdische Weltverschwörung", "großer Austausch" oder "Islamofaschismus" nennen.

Als "Faschisten" werden Vertreter islamischer Organisationen in Deutschland in letzter Zeit auch in vielen seriösen Medien bezeichnet: von "Welt" bis "Junge Welt", von "FAZ" bis "taz".

Auch diese Opfer-Täter-Umkehr hat ihren Ursprung in den rassistischen Tiefen rechter Foren und Blogs. Die Folgen solcher Feindbildpflege bekommen Moscheegänger laut "Brandeilig.org", einer Initiative gegen Moscheeangriffe, im Durchschnitt zwei Mal pro Woche zu spüren: in Form von eingeworfenen Fensterscheiben, Bombendrohungen und Brandanschlägen

Sorgfaltspflicht gegenüber beschuldigten Muslimen

Natürlich können und sollen Journalisten und Journalistinnen auch kritisch über Missstände in migrantischen und muslimischen Communitys berichten. Doch viele scheinen der Meinung zu sein, journalistische Sorgfaltspflicht ende, sobald Beschuldigte Muslime sind.

Ein falscher Kontakt, eine problematische Äußerung, ein alter Facebook-Post reichen aus, um Menschen, die sich jahrelang demokratisch engagierten, das Stigma "Faschist", "Islamist" oder "Extremist" zu verleihen. Konkrete Straftaten? Gewaltdelikte? Umsturzpläne? Braucht es nur bei der Berichterstattung über mehrheitsdeutsche Extremisten.

Mehr noch: Muslime werden nicht nur trotz, sondern wegen ihrer Gesetzestreue zum Problem erklärt. Von der Gefahr sogenannter "legalistischer Islamisten" berichtete in letzter Zeit sogar die Tagesschau. Zuschauer dieser Sendung erfuhren: Die Gefahr von Muslimen, die sich auf legalem Weg für ihre politischen Belange einsetzen, sei größer als die dschihadistischen Terrors.

Bis zum Weltbild rechter Terroristen, die Minderheiten allein aufgrund ihrer Existenz zum Problem erklären, ist es von dort aus nicht mehr weit. Und bis zum nächsten Attentat wie in Hanau auch nicht.

Porträt von Fabian Goldmann (Camay Sungu) (Camay Sungu)Fabian Goldmann ist Journalist und Islamwissenschaftler. Für verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus dem Nahen Osten. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog "Schantall und Scharia" schreibt er über Islamophobie in Deutschland.

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