Seit 16:00 Uhr Nachrichten

Mittwoch, 11.12.2019
 
Seit 16:00 Uhr Nachrichten

Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 23.06.2015

Medienberichterstattung NahostSyrien - nicht abschalten!

Von Björn Blaschke

Podcast abonnieren
Kurdische Kämpfer an der Grenze von Syrien zur Türkei (AFP / Bülent Kilic)
Kurden, IS-Terroristen, Assads Truppen, al-Kaida - am Krieg in Syrien ist ein unübersichtliche Vielfalt von Akteuren beteiligt (AFP / Bülent Kilic)

Wie soll man als Journalist über einen Krieg berichten, in dem die Fronten ständig wechseln und gut und böse immer schwerer zu unterscheiden sind? Schwieriger als das sei nur, das Interesse an Syrien überhaupt wachzuhalten, sagt Björn Blaschke.

Die Routine erfordert von den zuständigen Korrespondenten den all-morgendlichen Blick in die Nachrichtenagenturen – verbunden mit der Frage: Welche Nachricht aus den Kriegen im Nahen Osten und in Nord-Afrika steht heute auf der Rangliste des Interesses in Deutschland oben? Dass die Terrororganisation, die sich Islamischer Staat nennt, zwanzig, dreißig Kurden enthauptet hat? Dass die syrischen Regierungseinheiten gerade mit Chemiewaffen Bürger seines Landes getötet – umgebracht – haben sollen? Oder dass die Huthis in den zurückliegenden Monaten im Jemen vorgerückt sind? Woraufhin jetzt die Saudis und deren Verbündete mit ihren Kampfjets in der Hauptstadt Sana'a ein von der Unesco besonders gewürdigtes Haus in Schutt und Asche gelegt haben, wobei soundso viele Menschen umgekommen sind?

Der unverständliche Krieg

Nicht nur, dass in der Region viele Kriege herrschen – im Irak, in Syrien, in Libyen, im Jemen... Nein, jeder einzelne dieser Kriege ist unüberschaubar und damit unverständlich geworden... Kriege – vielleicht nicht jeder gegen jeden, aber doch Kriege vieler gegen viele.

"In Syrien gibt es seit fast fünf Jahren Krieg. Gott stehe uns bei."

Seit fast fünf Jahren herrscht in Syrien Krieg, sagt dieser Flüchtling. Fünf Jahre... Eine lange Zeit. Und Zeit ist ein Faktor, der es oft verhindert, dass der Krieg in Syrien überhaupt noch beachtet wird. Wir haben uns – mit allem Respekt für die geschätzten 250.000 Toten – an die Horrormeldungen aus Syrien gewöhnt.

Außerdem ist der Krieg in Syrien besonders unüberschaubar, weil sich die Fronten ständig verschieben: Mal melden uns syrische Aktivisten, die Kämpfer aus dem Lager, das gegen Präsident Bashar al-Assad steht, haben im Norden die Ortschaft B eingenommen, die strategisch wichtig ist, weil sie auf der Verbindungslinie zwischen A und C liegt, womit demnächst der Weg frei sein könnte, der nach D führt. Wo allerdings bereits Milizionäre der Hisbollah aus Libanon und iranische Militärberater warten, die auf der Seite von Assad stehen. Dann wieder heißt es, im Süden wurde Z befreit – von der Koalition XY. Die wiederum hat sich gebildet aus 50 Gruppen...

Plötzlich erscheinen al-Qaida-Kämpfer als gemäßigte Islamisten

Und das ist ein weiteres Problem, wenn wir heute nach Syrien blicken: Die Gegnerschaften und Allianzen wechseln ständig. Wobei manchmal an alten Bildern gekratzt wird: das von den Kurden beispielsweise.

Vor einigen Monaten befreiten die Kurden die Stadt Kobane vom IS. Wochen lang bekamen wir Nahost-Korrespondenten kurdische, türkische, arabische Fernsehberichte über den Stand der Dinge in der Stadt an der Grenze zur Türkei. Und – klar – Berichte über die Kurden, die zur "Partei der Demokratischen Union" gehören. Die PYD ist aus der PKK hervorgegangen, jener türkisch-kurdischen Arbeiterpartei, die in der Türkei, Deutschland oder den USA als Terrorgruppe verboten ist. Und trotzdem werden ihre Kämpfer seit Kobane von den USA mit Waffen beliefert und in Deutschland mehr oder weniger als Helden gefeiert.

Der Syrien-Krieg kratzt noch an einem anderen Bild: Seit der IS vorrückt, schaffen es die Kämpfer der so genannten Nusra-Front als "gemäßigte" Islamisten dazustehen. Weil sie entschieden haben, keine Angehörigen von Minderheiten zu massakrieren. Und auch mit dem IS immer mal wieder aneinander geraten. "Die gemäßigte Nusra" - dabei ist die der offizielle Syrien-Ableger von al-Qaida...!

War Assad vielleicht doch nicht so schlimm?

Der Syrien-Krieg schafft Dinge, die eben noch unvorstellbar erschienen. Und in einer Frage geht er richtig ans sprichwörtlich Eingemachte. Seit Monaten taucht manchmal die Frage auf: Wäre es nicht vielleicht doch besser im Krieg gegen den IS wieder mit Assad zusammenzuarbeiten? "Der Mann hat Grausamkeit bewiesen, ja! Aber so viel Grausamkeit wie der IS? – Sind die Fassbomben, die mit Nägeln gefüllten Brandsätze, die Assads Luftwaffensoldaten willkürlich aus Flugzeugen werfen, nicht doch besser als sagen wir: Steinigungen durch IS-Terrorristen?"

Es ist schwer solche Vorgänge zu vermitteln. Schwerer ist nur noch, überhaupt das Interesse an ihnen wachzuhalten. Damit niemand bei den Stichworten Syrien oder Naher Osten oder IS einfach abschaltet.

 

Mehr zum Thema:

Rafik Schami - Gibt es Hoffnung für Syrien?
(Deutschlandradio Kultur, Im Gespräch, 05.06.2015)

Krieg in Syrien - Patt zwischen Assad und seinen Gegnern
(Deutschlandfunk, Informationen am Morgen, 15.05.2015)

Bürgerkrieg in Syrien - Die Herrschaftstechniken von Baschar al-Assad
(Deutschlandfunk, Andruck - Das Magazin für Politische Literatur, 11.05.2015)

Weltzeit

Opioid-Krise in den USADealer in weißen Kitteln
Eine Frau trägt das Foto ihres verstorbenen Angehörigen auf ihrem Oberteil. (Getty Images/ John Moore)

In den USA sterben täglich rund 130 Opioid-Süchtige. Statistisch ist die Schmerzmittel-Sucht die häufigste Ursache für vorzeitige Todesfälle. Schuld daran sind Ärzte, die von der Pharmaindustrie geködert, allzu leichtfertig Rezepte verschreiben. Mehr

Protest in NorwegenDer Kampf gegen die Windräder
Windräder ragen in Mittelnorwegen bei Trondelag hinter einem Wald auf, über dem ein Seeadler fliegt. (picture alliance / blickwinkel / M. Lohmann)

Zwei von drei Norwegern finden es im Prinzip gut, wenn mehr Windräder gebaut werden. Aber bitte nicht vor der eigenen Haustür. Und erst recht nicht in unberührter Natur. Deutsche Energieversorger, die hier Windräder bauen, sind nicht willkommen.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur