Seit 01:05 Uhr Tonart

Freitag, 22.11.2019
 
Seit 01:05 Uhr Tonart

Fazit / Archiv | Beitrag vom 07.01.2015

Medienausstellung in Berlin Underground-Postillen und legendäre Stadtzeitungen

Von Jochen Stöckmann

Podcast abonnieren
Das Stadtmagazin "Prinz" (picture alliance / dpa / Foto: Angelika Warmuth)
Auch verschwunden, zumindest die gedruckte Ausgabe. Das Stadtmagazin "Prinz" erschien Ende 2012 das letzte Mal am Kiosk. (picture alliance / dpa / Foto: Angelika Warmuth)

Was läuft in der Stadt? Früher sorgten Stadtmagazine und Flugblätter für die nötigen Informationen, heute hat das größtenteils das Internet übernommen. Der Berliner Kunstverein NGBK blickt in der Ausstellung "Drucken – Heften – Laden" auf diese Mediengeschichte.

Eine akkurat gelochte und geheftete Broschüre brachte der Berliner Kunstverein NGBK 1971 heraus: "Seh- und Lesegewohnheiten von Kindern in Bezug auf Comics – Eine Leitstudie". Leit mit "t", wohlgemerkt. Es war also ganz ernst gemeint, was da jemand für die mittlerweile arg verblasste Foto- oder genauer: Xerokopie säuberlich abgetippt hatte. Immerhin mit einer IBM-Kugelkopfmaschine. So beginnt diese  Medien-Geschichte – und sie endet nicht mit "Part of the Game". Zum Glück, denn dieses veritable Kartenspiel erweist sich als witziges Produkt eines bürokratisch verklausulierten Projekts "Angewandte Spieltheorie im urbanen Freiraum":

Erik Göngrich: "Wenn man also jetzt in den 2000ern ankommt, in den Neunzigern auch sowieso, wird das immer stadtpolitischer, stadtbezogener. Für uns war das der Anlass, zu fragen, wie können wir aus der Erfahrung heraus selbst eine Publikation machen, die auf eine Stadt reagiert."

Von der Wandzeitung bis zum Städtebau-Essay

Erik Göngrich hat in einer sechsköpfigen Kuratorengruppe von Architekten und Künstlern gesammelt, was nach und neben Underground-Postillen und legendären Stadtzeitungen so alles publiziert wurde. Von der Wandzeitung bis hin zum Städtebau-Essay der Londoner Architectural Association: jede Woche ein einzelnes, eng bedrucktes Blatt, für diese Ausstellung aufgereiht wie an einer Wäscheleine. Der Raum ist begrenzt – und einiges musste außen vor bleiben:

Heimo Lattner: "Flugzettel zum Beispiel. Es gab dann eine Flyer-Kultur, auch die Punk-Kultur: Schnell irgendwie ein Poster zusammenknallen und es geht los, heute Nacht plakatieren wir. Ich glaube, das hat sich wirklich durch den E-Traffic ziemlich verflüchtigt."

Für Heimo Lattner, der als Künstler gerne auch akustisch, mit Geräuschen arbeitet, sind aber auch neue Trends erkennbar: Printmedien und Vertriebswege, die der  Internet-Expansion nicht nur standhalten, sondern das Web produktiv nutzen. Etwa "Errant Bodies", ein Verlag von Brandan LaBelle. Der bringt seine Titel in kleiner Auflage, aber mit erstaunlicher Schlagzahl heraus. Anfangs in Los Angeles, jetzt in Berlin, Prenzlauer Berg. Wo er wohnt, da schreibt er auch. Zum Beispiel "Radio Memory" über den Sound der Großstädte, die Klangräume unterschiedlicher U-Bahn-Stationen oder markanter Plätze:

Erik Göngrich: "Die Lust oder das Bedürfnis Stadt zu erleben und an bestimmten Punkten und Orten auch präsent zu sein, die gibt es nach wie vor. Auch Formate, dass Theater aus ihren Räumen rausgehen."

Der Zeitungsladen als Bühne 

Die Bühne für Printmedien ist – der "Laden" nebenan. Im Titel "Drucken – Heften – Laden" steht das nicht für down- oder upload, sondern verweist auf Kioske und Buchhandlungen. Der "Vertrieb" ist eine zentrale Kategorie in den Formularen, die handschriftlich ausgefüllt unter jedem einzelnen der unzähligen Exponate liegen. Da ist etwa zu einer Veröffentlichung von "The Green Box" zu lesen: 64 Seiten, 600 Exemplare, 3.400 Euro. Erkleckliche Kosten, aber für Erik Göngrich kein Hindernis. Seine Kuratoren-Devise: "Je enger der finanzielle Spielraum, desto größer der Enthusiasmus": 

"Dieses sogenannte ´Selbstpublizieren`, also: jetzt schnell etwas machen, ist ja bei Architekten und Künstlern in den letzten zehn Jahren so dermaßen explodiert, weil es jetzt so günstig ist zu produzieren, zu drucken.2

Aber trotz Digitaldruck und für jedermann zugänglicher Grafik-Software bleiben die Zwänge der Marktwirtschaft. Es sei denn, es findet sich ein Förderer: Bundeskultur-, Heinrich-Böll- oder Rosa-Luxemburg-Stiftung. Sie haben die "metrozones"-Bücher über Globalisierung und Städtebau ermöglicht, eine sehr aufwendig gestaltete Reihe von bbooks. Ganz von heute. Daneben dann ein Heftchen im Stil der Achtziger, der Titel "Nichts läuft hier richtig – Informationen zum Sozialen Wohnungsbau" erinnert an eine Bürgerinitiative. Tatsächlich stammt die Publikation von "Kotti & Co.", der Mietergemeinschaft am sozialen Brennpunkt Kottbuser Tor, aber eben mit "freundlicher Unterstützung der Senatsbauverwaltung Berlin". Auch dieses  Impressum will entschlüsselt sein. Für Heimo Lattner ist es ein Beispiel, wer da alles mit welcher Absicht beteiligt war:

"Künstler, die ganz viel Wissensproduktion und Forschungsarbeit machen, die vielleicht Stadtentwicklungsbehörden gar nicht leisten können. Eben wie bei ´Kotti & Co.`: Das war auf der einen Seite natürlich ein Schlag ins Gesicht der Stadtpolitik. Gleichzeitig wurden da aber auch Informationen und Fakten freigesetzt, die einfach unglaublich waren – wo die Politik und die Stadtleute gestaunt haben, woher diese Info jetzt plötzlich kommt."

Das alles gilt für’s offen präsentierte Schüttgut. Einiges allerdings braucht den Schutz von Vitrinen, etwa die unscheinbare Publikation "Durch die Pubertät zum Erfolg". Ein programmatischer Titel: Denn 1981, als der Künstler den kurzen Hosen einigermaßen entwachsen war, kostete der Katalog in der NGBK nur wenige Mark. Heute werden für diesen Martin Kippenberger im Antiquariat einige hundert Euro fällig. Der Kunst-Markt lässt sich halt nicht aussparen. 

Die Ausstellung "Drucken Heften Laden - Versuche über Theorie und Praxis unabhängigen Publizierens" ist bis zum 15. Januar in der NGBK zu sehen.

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsAusgezeichneter Starrkopf
Peter Handke nach der Nobelpreis-Verleihung am 10.Oktober 2019 in einem Garten in Chaville in Frankreich. (imago/Mehdi Chebil )

Im Interview mit der "Zeit" erklärt Literaturnobelpreisträger Peter Handke seine Fürsprache für Serbien und seine Sichtweise von Journalismus und Literatur. Dass diese ungleiche Ziele haben, bezweifelt der "Tagesspiegel".Mehr

weitere Beiträge

Der Theaterpodcast

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur