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Kompressor | Beitrag vom 11.07.2019

Medienarchäologischer Fundus in BerlinDas Kabinett des Dr. Höltgen

Stefan Höltgen im Gespräch mit Timo Grampes

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Porträt des amerikanischen Erfinders Thomas Edison und seines frühen Phonographen im Brady-Studio im April 1878. (imago / Leemage)
Thomas Edison und ein Modell des von ihm erfunden Phonographen: Der Medienarchäologische Fundus der Humboldt-Universität hat auch einen Edison-Phonographen. (imago / Leemage)

Im Medienarchäologischen Fundus der Humboldt-Universität findet sich allerhand, was einmal Bild oder Ton gespeichert hat. Grammophone, Plattenspieler, Kassettenrekorder. Kurator Stefan Höltgen erklärt, was da gesammelt und warum es gesammelt wird.

Ja, es gab Musikabspieler vor dem iPod und dem Smartphone! Exponate aus der Geschichte der medientechnischen Speicher, wie sie im Wissenschaftler-Slang an der Humboldt-Universität heißen, finden sich im Medienarchäologischer Fundus der Humboldt-Universität. Grammophone, alte Kassettenrekorder, Videokameras, Uhren, Radios, Kameras – nur einige der Stücke im Fundus. Das Inventar reicht vom Akkustikkoppler bis Zählwerk.

Auch Lehrveranstaltungen finden im Fundus statt. "Die Studierenden lernen den Umgang mit analogen Synthesizern in verschiedenen Formen", erklärt Stefan Höltgen zu einer gerade laufenden Veranstaltung. Er ist einer der Kuratoren der Sammlung am Lehrstuhl für Medientheorien der Berliner Universität. Die Betonung liegt auf "analog".

Porträt von Stefan Höltgen im Medienarchäologischen Fundus der Humboldt-Universität. Hinter ihm Grammophone, alte Kassetten-Recorder, Videokameras, Uhren, Radios, Kameras und anderes Inventar. (Timo Grampes / Deutschlandradio)Stefan Höltgen zwischen seinen Schätzen. (Timo Grampes / Deutschlandradio)

"Der 'Medienarchäologischer Fundus' ist eine Sammlung von Geräten, die im Prinzip funktionieren", sagt er. "Im Prinzip" heiße, dass die Studierenden hier anhand der Strukturen, die sie bei den geöffneten Geräten sähen, erkennen sollen, wie medientechnische Geräte funktionieren. 

"Einige funktionieren aber nicht nur im Prinzip, sondern wirklich", sagt Höltgen und wendet sich einem Medienartefakt, so heißt das in der Medienarchäologie, zu.

Den Edison-Phonographen aufziehen

"Da hätten wir hier zum Beispiel den Edison-Phonograph, ein Gerät, mit dem man in sehr früher Zeit Schallaufnahmen wiedergeben konnte. Man konnte damit auch Schall aufnehmen. Da haben wir einen ergattert und auch noch ein paar Tonwalzen und -rollen." Höltgen, promovierte Germanist, der sich nun der Frühgeschichte des Computers und der Medienarchäologie zugewandt hat, erklärt die Funktionsweise: 

"Da hat man dann eine zehn Zentimeter lange Walze in der Hand, und diese Walze, muss man in den Phonographen einspannen; und dann muss man den Phonographen wie ein Uhrwerk aufziehen, das mach ich jetzt mal", fährt Höltgen fort. "Das ist so ähnlich, wie wenn man eine Spieluhr aufzieht; und jetzt leg ich mal die Nadel auf die Walze."

Aus dem Schalltrichter erklingen Geräusche: "Das ist alles voll mechanisch, da ist keine Elektrizität im Spiel", erklärt Höltgen. Die Geräusche sind etwas seltsam, Höltgen tippt auf einen männlichen Sänger und schaut dann nach. "The Berlin Phonograph Works - lautstark und haltbar." 

Konstanten der Speicherung

Die Geräte seien in der Sammlung, weil sie medientechnische Artefakte seien, erklärt Höltgen. "Und weil sie uns zeigen, wie bestimmte Brückentechnologien hin zu der Audio-Medientechnik, die wir heute nutzen, entstanden sind."

Gesammelt werde nicht, weil die HU ein Museum wäre, um zu zeigen, was es früher mal gegeben habe, sondern, weil wir den Leuten zeigen wollen, was es in der Medientechnik schon immer gegeben hat, damit sie Medientechnik ist. "Der medienarchäologische Fundus zeigt eigentlich, das Medien gar keine historischen Artefakte sind, sondern, dass in ihnen einzelne Elemente sind, die immer und immer wieder auftauchen in der Medientechnik-Geschichte." Selbst in der heutigen Technik gebe es noch Prinzipien, die es schon vor 150, 200 Jahren gegeben habe.

Es gehe also nicht um den Inhalt, also, das, was Heidegger, auf einer Langspielplatte, sagt, macht Höltgen anhand eines anderen Artefakts deutlich, einer Aufnahme des Philosophen Martin Heidegger. Es gehe darum, dass Heideggers Stimme auf dieser Schallplatte eingefroren ist, als medientechnischem Speicher.

Der "Medienarchäologische Fundus" der Humboldt-Universität ist auch für das Publikum zugänglich, einmal in der Woche für eine Stunde und nach Vereinbarung. Die Öffnungszeiten finden sich auch auf der Website der Sammlung. 

(mfu)

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