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Fazit | Beitrag vom 10.09.2021

Mediale Verarbeitung von "Nine Eleven"Terror als bildmächtiges Spektakel

Stephan Weichert im Gespräch mit Susanne Burkhardt

Eine Lichtinstallation in New York erinnert am Vorabend des Jahrestags der Terroranschläge am 11.9.2021 an die Opfer. Zwei Lichtstrahlen verjüngen sich in den Nachthimmel. (imago / Zuma Wire / Gina M. Randazzo)
Eine Lichtinstallation in New York erinnert am Vorabend des Jahrestags der Terroranschläge an die Opfer. (imago / Zuma Wire / Gina M. Randazzo)

Der Tag der Terroranschläge am 11. September 2001 jährt sich zum zwanzigsten Mal. Der Medienwissenschaftler Stephan Weichert sagt, dass die damaligen Terroristen genau wussten, welche Macht die zu erwartenden Bilder in den Medien entfalten würden.

Susanne Burkhardt: Es war so ein Tag, bei dem die meisten, die ihn erlebt haben, heute noch wissen, wo sie waren, als vier Flugzeuge von Terroristen entführt wurden und zwei davon in die Türme des New Yorker World Trade Center flogen, sie zum Einsturz brachten und fast 3.000 Menschen ihr Leben verloren und das Leben vieler nicht mehr war wie zuvor. Morgen jährt sich dieser 11. September zum 20. Mal. Derzeit wird viel erinnert daran und diskutiert darüber, wie dieser Tag und wie die Bilder dieses Tages die Welt verändert haben. Einer, der sich seit "Nine Eleven" mit solchen Fragen befasst, ist Stephan Weichert, Medien- und Kommunikationswissenschaftler und Mitherausgeber des Buches "Bilder des Terrors – Terror der Bilder? Krisenberichterstattung am und nach dem 11. September". Jetzt sind wir miteinander verbunden, schönen guten Abend, Herr Weichert!

Stephan Weichert: Guten Abend!

Burkhardt: Sie haben sich intensiv mit der Krisenberichterstattung am und auch nach dem 11. September 2001 beschäftigt, zwanzig Jahre lang also. Können Sie sich erinnern, wie Sie diesen Tag erlebt haben, bei dem sich die Live-Aufnahmen der Twin Towers in unser kollektives Gedächtnis eingebrannt haben?

Weichert: Oh ja, sehr genau sogar, wie die meisten Erwachsenen über 35 sich gut erinnern können, wo sie waren. Ich selbst war auf einer Journalistenkonferenz in der Toskana, quasi abgeschnitten von der Außenwelt - ohne Radio und Fernsehen. Ich musste mir, nachdem mich meine Frau angerufen hatte, erst mal ein Café suchen, wo ein Fernseher lief, hab mich dann da hingesetzt und stundenlang in diesem Café verbracht.

Instrumentalisierung der Medien durch Terroristen

Burkhardt: Sie haben mal gesagt, das sei das einschneidende Erlebnis gewesen, das unsere Gesellschaft bis dato erlebt hat. Wie meinen Sie das – weil wir das alle erstmals weltweit gemeinsam erlebt haben?

Weichert: Ja, es ist so etwas wie die Blaupause, der Prototyp der modernen, auch digitalen Krisenberichterstattung. Ein Stück Welt ist da explodiert vor laufenden Kameras, und die Welt hat zugesehen dabei und hat das über Stunden und Wochen und Tage verfolgen können, in dieser Negativqualität das erste Live-Ereignis, das in dieser Tragweite bis dato geschehen ist.

Burkhardt: Der Komponist Karlheinz Stockhausen und der britische Künstler Damien Hirst sprachen mit Blick auf die Anschläge und die produzierten Bilder von einem Kunstwerk – dafür gab’s dann natürlich heftige Kritik –, aber die Bilder waren extrem stark. Würden Sie sagen, es gab ein Narrativ, dem durch die Attentäter gefolgt wurde? Das Ganze war ja als eine Art bildmächtiges Spektakel inszeniert worden.

Weichert: Ja, man könnte sogar sagen, Medien wurden instrumentalisiert. Die Terroristen gingen davon aus, dass das der perfekte terroristische Anschlag sein würde und der perfekte Ort, wo Kameras 24 Stunden auf diese Stadt gerichtet sind – das wusste man vorher –, und dass es dann auch verfolgt werden konnte über viele Stunden, also das Zusammenbrechen der Türme, dann die Staubwolke über der Stadt, einschließlich der Aufräumarbeiten. Das ist natürlich diesem Umstand geschuldet, dass New York überhaupt die Medienstadt schlechthin in der Welt ist. Und das war einkalkuliert, und insofern kann man auch von Instrumentalisierung der Medien sprechen.

Die Macht der Bilder beeinflusste die politische Analyse

Burkhardt: Würden Sie auch sagen, dass das Fernsehen damals eine Art kulturelles Bindeglied war?

Weichert: Ja, war es in jedem Fall, denn wir waren Augenzeugen dieses Ereignisses live, das heißt, es bestand erstens darin, dass sich Menschenmengen versammelten, um das gemeinsam zu verarbeiten, zu bewältigen. Die Trauer, die dort aufkam, hat auch einen medialen Aspekt, also als Medienereignis ist die kollektive Trauerbewältigung unheimlich wichtig gewesen zu diesem Zeitpunkt, und natürlich hat das – zumindest in der westlichen Welt – ein sehr starkes verbindendes Element gehabt.

Burkhardt: Was würden Sie sagen, wie dann die Art der Berichterstattung, die ja vor allem über die Bilder lief, im Nachgang die politische Analyse der Ereignisse beeinflusst hat?

Weichert: Sehr stark. Das war ein bildmächtiges Ereignis, das man nicht ignorieren konnte. Man sprach ja später von der Ikonografie oder der Topografie des Terrors, also überwältigend in jeder Hinsicht. Man sah vielfach auch sterbende Menschen, zum Beispiel diejenigen, die sich von den Türmen stürzten, und das hat natürlich einen hohen politischen Druck aufgebaut und von der Politik auch eine Reaktion eingefordert, was denn darauf folgen würde. Und das, was dann folgte, haben wir erlebt, das war ein Krieg, der schlimm war über alle Maßen, über den man sich sicherlich noch mal Gedanken machen musste, ob das die richtige Entscheidung war, in der Tragweite, aber das war letztendlich die Folge.

Burkhardt: Sie meinen den Afghanistan-Krieg.

Weichert: Genau.

Burkhardt: Hat man denn auch versucht, medial gegen diese übermächtigen Bilder dagegenzuhalten durch eventuell neue Inszenierung, also um die Überlegenheit des Westens dann auch zu demonstrieren?

Weichert: Ja, es gab Geschichten, Narrative von Wiederaufbau, von Bewältigung, wir stehen zusammen, wir lassen uns nicht unterkriegen, also das ist der amerikanische Narrativ, der dann verbreitet worden ist. Dann gab’s den Vergeltungsschlag, also der Krieg gegen den Terrorismus, der auch von vielen Bildern gelebt hat. Ich erinnere mich an aufziehende Truppen, Flugzeugträger, unterschiedliche Kriegsrhetorik, die da bemüht worden ist, auch in den Medien, um da überhaupt irgendetwas dem entgegenzusetzen, denn man durfte damals schon annehmen, das sind Bilder, die wird man die nächsten 20, 30 Jahre nicht mehr vergessen.

Fragmentierte Krisenberichterstattung

Burkhardt: Diese unvergesslichen Bilder, was würden Sie sagen, wie hat sich seitdem die Krisenberichterstattung verändert? Erleben wir Krisen heute anders? Wir haben eine stärker vernetzte Welt in den vergangenen zwanzig Jahren erlebt - live dabei sein ist relativ normal geworden. Ich denke an die letzten Bilder von Attentaten zum Beispiel in Wien oder in München, wo das Fernsehen immer wieder in Dauerschleifen die herumirrenden Attentäter gezeigt hat. Was hat sich bei der Krisenberichterstattung seitdem geändert?

Weichert: Sie ist sehr viel fragmentierter. Damals war die Technologie ja noch gar nicht so weit. Es gab keine Smartphones, ich glaube, es gab damals Blackberrys als erste digital gestützte Handys, mit denen man ins Internet gehen konnte, aber es gab noch kein iPhone und entsprechend auch nicht die Möglichkeit, von überall her live zu filmen, erst in den späteren Jahren hat sich diese Möglichkeit ergeben. Damals war man gezwungen, vor dem Fernseher auszuharren oder auch online den Newsticker zu verfolgen oder Radio zu hören - Radio war ein sehr wichtiges Medium -, aber durch die Bildgewalt war man natürlich sehr an den Fernseher gefesselt. Heute erleben wir Krisenereignisse, zum Beispiel Terroranschläge, aus unterschiedlichsten Perspektiven – von Zivilisten, die überall ihre Smartphones dabei haben und möglicherweise filmen, die Sachen selber ins Netz stellen, aktiv verbreiten. Gleichzeitig hat sich verändert, dass die Terrorpropaganda noch professioneller geworden ist, weil der islamistische Terror virtuos darin geworden ist, eigene Propagandavideos zu verbreiten, eigene Social Media-Accounts zu bespielen oder auch zu kapern. Diese Fragmentarisierung von Öffentlichkeit führt dazu, dass nicht mehr alle über das eine Ereignis reden, das sie bei der ARD verfolgt haben oder bei den öffentlich-rechtlichen Sendern oder bei BBC oder CNN, sondern dass man eigentlich gar nicht mehr so richtig weiß, woher habe ich jetzt welche Informationen und wie passt das eigentlich zusammen, dieses Mosaik. Ich muss mir sozusagen das Bild von einem Ereignis ein Stück weit selber zusammensetzen.

Die klassischen Medien haben dazugelernt

Burkhardt: Auch wenn Sie jetzt sagen, dass die Leute heute natürlich nicht mehr kollektiv vor dem Fernseher sitzen würden wie damals, weil jeder auf seinem Smartphone seine eigenen Informationen verfolgt – wenn man jetzt über die klassischen Medien spricht, würden Sie sagen, dass man was gelernt hat aus diesem medialen Umgang damals? Würde man diese Bilder immer noch so zeigen, wie diese Flugzeuge in die Türme rasen, weil das war natürlich ein Triumph für die Terroristen?

Weichert: Ja, natürlich, vor allem der Vorwurf der Instrumentalisierung war stark, und man ist auch heute der Überzeugung, dass dem so gewesen ist. Es hagelte Medienkritik, und es gab eine riesige medienethische Debatte, was gezeigt werden darf, kann und sollte und was nicht. Heute ist man meinem Eindruck nach dazu übergegangen, häufig nicht mehr einzelne Personen nach solchen Unglücken zu zeigen, man nennt keine Namen mehr und die Länge der Berichterstattung reduziert sich auf die wesentlichen Informationen. Aber es gibt trotzdem immer wieder Ausreißer, vor allem wenn sich die klassischen Medien genötigt fühlen, unter dem Druck der sozialen Medien doch über etwas zu berichten, worüber sie nicht berichten wollen oder worüber sie sich noch Zeit lassen möchten, um Fakten zu prüfen. Das heißt, wenn Sie bei YouTube irgendein Video finden, dann ist der Reflex doch sehr stark, auch von klassischen Medien, solche Dinge aufzugreifen und hin und wieder auch unreflektiert zu übertragen oder zu zeigen.

Burkhardt: So viel zu den Bildern des 11. September 2001 und was daraus gelernt wurde oder gelernt werden kann von Stephan Weichert, Medien- und Kommunikationswissenschaftler und Mitherausgeber des Buches "Bilder des Terrors – Terror der Bilder? Krisenberichterstattung am und nach dem 11. September". Dieses Buch ist erschienen im Herbert von Halem Verlag. Herr Weichert, gibt es ein Ritual, mit dem Sie an diesem 11. September den Tag begehen oder irgendeine Form von Gedenken an diesen Tag?

Weichert: Ja, natürlich. Ich denke wie viele andere Menschen auch, an die vielen Toten. Ich bin selber ein großer Fan von New York, war auch vor den Anschlägen und nach den Anschlägen viele Male dort und besuche jedes Mal diesen Ort, den Ground Zero, der für mich sehr besonders ist. Natürlich werde ich den mit einer Gedenkminute begehen und auch überlegen, wie dieser Tag nachhaltig die Welt verändert hat – für uns alle, aber auch besonders in puncto Medienberichterstattung.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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