Seit 23:05 Uhr Fazit

Dienstag, 16.10.2018
 
Seit 23:05 Uhr Fazit

Länderreport | Beitrag vom 10.08.2018

Mecklenburg-Vorpommern und der BrexitWo englischer Tee bitter schmeckt

Von Silke Hasselmann

Beitrag hören Podcast abonnieren
Acker in Mecklenburg-Vorpommern - das Bundesland ist ein ausgesprochenes Agrarland. (S. Hasselmann)
Acker in Mecklenburg-Vorpommern: Fördermittel für die Entwicklung ländlicher Räume sind durch Brexit unter Druck. (S. Hasselmann)

Die Landwirtschaft in Deutschland wird die Auswirkungen des Brexit zu spüren bekommen: weniger Einnahmen, geringerer Agrarhaushalt, weniger EU-Förderung für die Bauern – das Agrarland Mecklenburg-Vorpommern wird stark betroffen sein.

Am Dorfrand von Sukow – gelegen zwischen Parchim und Schwerin – steht die Sauen-Anlage von Jan-Nico Hagge. Während ich mir im Bürokomplex einen weißen Einmal-Overall über den Körper und durchsichtige Tüten über die Schuhe streife, erzählt der 53-jährige Bauer, was er und sein Bruder in Sukow und Umgebung betreiben:

"Wir haben mit Kühen zu tun, also wir haben eine Milchviehanlage. Eine Sauen-Anlage, der zu der Sie heute eingeladen sind. Dann haben wir im Bereich Biogas und im Bereich Ackerbau."

"Kann man noch mehr machen als Landwirt? Ich überlege gerade..."

"Wenn Sie meinen, mit Geflügel noch Lust zu haben, dann würde das auch noch funktionieren. Aber das reicht uns."

Und los geht es über den Hof.

"Was wir hier vor uns sehen, sind etliche Stallanlagen. Weißgetüncht. Über wie viele Tiere reden wir?"

Jan-Nico Hagge: "Wir sprechen hier gegenwärtig von 1.100 produktiven Sauen. So nennt man das."

"Hier sind wir einem sogenannten Flat-Deck-Stall. Flat-Deck heißt Ferkelaufzuchtstall. Das heißt, hier kommen die Ferkel her, wenn sie von der Sau abgesetzt werden. Wir haben hier eine Säugezeit von vier Wochen."

"Wie lange bleiben sie hier drin."?

Jan-Nico Hagge: "In diesem Bereich bleiben sie acht Wochen."

"So, wieder im Freien. Ich lauf Ihnen immer hinterher, ne?"

Jan-Nico Hagge: "Ja, gerne. Kommen Sie. Jetzt gehen wir zu den Sauen in den Bereich, wo die Geburten stattfinden. sprich in den sogenannten Abferkelstall.

Land- und Tierwirt Jan-Nico Hagge in seiner Sauenanlage in Sukow.  (S. Hasselmann)Land- und Tierwirt Jan-Nico Hagge in seiner Sauenanlage in Sukow. (S. Hasselmann)

Auch Bauer Jan-Nico Hagge bekommt Geld aus Brüssel. Nicht direkt für seine Sauen und Ferkel, auch nicht für die Kühe, erzählt er mir später. Die EU-Agrarhilfen hängen allein mit den bewirtschafteten Flächen zusammen, und da gibt es derzeit im Jahr 272 Euro pro Hektar.

"Sauen-Anlage zum Beispiel haben wir 230 Hektar. Dann haben wir den Ackerbereich: etwas über 900 Hektar. Und die Milchviehanlage verfügt über etwa 400 Hektar."

39 Euro plus Zuschläge für ein Ferkel

Dazu kommen Gelder aus einem EU-Programm für Blühstreifen. Hagge lässt mittlerweile auf 18 Hektar am Rande seiner Äcker Sonnenblumen, Lupinen und ähnlich Nektarreiches für Bienen und Hummeln blühen.

Alles in allem erhalte er viel Geld aus Brüssel, sagt Bauer Hagge, und auch, dass diese Subventionen sollen letztlich niedrige Ladenpreise für Fleisch und Wurst, Milch und Brot ermöglichen sollen. Selbst mit den Agrarhilfen produzierten vor allem die kleinen und mittleren deutschen Landwirtschaftsbetriebe oft im besten Fall zum Selbstkostenpreis, sagt Jan-Nico Hagge und weist auf seine Sauen-Anlage.

"Aktuell zum Beispiel bekommen wir für ein Ferkel 39 Euro plus Zuschläge. Dann liegen wir bei 43 Euro. Das ist gerade Selbstkosten, also das heißt, das muss ich haben, um Null zu schreiben. Oder im Ackerbau ist es einfach so: Die Fördermittel, die es pro Hektar gibt, beziehen sich ja darauf, dass das Produkt, das da wächst, unterstützt wird. Agrarsubventionen bedeuten doch letztlich, wenn man mal ehrlich ist, dass der Bürger günstige Lebensmittel bekommt."

Ferkel im Flat-Deck-Stall der Sauenanlage Sukow in Mecklenburg-Vorpommern.  (S. Hasselmann)Ferkel im Flat-Deck-Stall der Sauenanlage Sukow. (S. Hasselmann)

Mit dem Brexit verlässt nun ein Land die Europäische Union, dessen Landwirtschaft bislang sehr ordentlich aus dem EU-Agraretat bedient wurde und künftig kein Geld mehr aus Brüssel erhalten wird. Doch das wiege Londons Beitragsausfall als großer Netto-Einzahler nicht auf, und obwohl Deutschland seine Zahlungen erhöhen will, werde auch das Agrarland Mecklenburg-Vorpommern die Brexit-Folgen mit Beginn der neuen Förderperiode ab 2020 spüren, sagt Landwirtschaftsminister Till Backhaus. Denn:

"Da geht man davon aus: Zwischen 4,5 und 5 Prozent der ersten Säule 'Direktzahlungen' wird es nicht mehr geben."

Der Vorschlag aus Schwerin: Brüssel möge künftig allen EU-Bauern eine Grundprämie von 100 Euro pro Hektar zahlen. Für Landwirte, die sich um Bodenschutz, Artenvielfalt und Wasserqualität verdient machen bzw. für junge Landwirte und für regionale Familienbetriebe solle es einen Zuschlag geben. Der EU-Landwirtschaftskommissar wiederum will die Prämie in jetziger Höhe fortzahlen, sie aber ab einer bestimmten Hektarzahl kappen.

Deutlich weniger Geld aus Brüssel

Davon wäre Mecklenburg-Vorpommern überdurchschnittlich stark betroffen, weil hier aufgrund fortwirkender LPG-Betriebsstrukturen besonders viele Landwirte und Betriebe mehr als 250 ha Land bewirtschaften. Auch Jan-Nico Hagge aus Westmecklenburg bekäme nach diesem Modell deutlich weniger Geld aus Brüssel. und rechnet damit, dass sich die Landwirtschaft in der Umgebung neu strukturieren wird.

"Es wird eine Aufteilung geben. Das heißt, der Eine würde vielleicht ein bisschen mehr machen und der Andere weniger, weil er sich Weil ich keine Prämie für diese Fläche bekomme, macht es für mich keinen Sinn mehr, diese Fläche zu bewirtschaften. Deshalb gibt es eine Umstrukturierung, die da stattfinden wird. Oder teilweise, dass Leute sagen: 'Wir machen den Laden zu.' Auch das wird passieren."

Er wolle nicht missverstanden werden, sagt Jan-Nico Hagge noch. Wenn Großbritannien "eigene Wege gehen" wolle, solle es aus der EU austreten können. Und wenn es "ein starker Partner" ist, dann sei ein niedrigerer EU-Agrarhaushalt und eine neue Prämienordnung "legitim".

"Was aber bei dieser Sache vergessen wird: Sie sind hier auf dem Hof. Wie viele Leute arbeiten denn pro Hektar? Warum bezieht man das nicht darauf? Wenn ich zum Beispiel hier auf der Sauen-Anlage zehn Leute beschäftige und ich habe 230 Hektar, dann leben von dieser Fläche – also zehn Leute bekommen Essen und Trinken dafür, die kann ich davon bezahlen. Deshalb halte ich das im Grund für falsch, weil große Agrarbetriebe, sprich nur Feldbaubetriebe, die über 1000 Hektar machen und das mit zwei, drei Mann machen – die schaffen ja keine Arbeitsplätze."

Derweil sollen nach dem Brexit auch die Fördermittel für die Entwicklung ländlicher Räume im EU-Agrarhaushalt zusammenschnurren. 15 Prozent weniger Geld – das hieße laut dem Schweriner SPD-Landwirtschaftsminister Backhaus gerade für das ländlich geprägte, dünnbesiedelte und zusehends überalterte Mecklenburg-Vorpommern:

"Das sind also 90, knapp 100 Millionen Euro, die nicht mehr zur Verfügung stehen für Kindergärten, für Schulen, für technische Infrastruktur und Daseinsvorsorge. Das tut dann richtig weh. Da gibt es ja ganz klar die Forderung, das muss kompensiert werden – entweder durch den Bund. Oder die Alternative ist, die Mitgliedsstaaten müssen zusätzliches Geld nach Europa schicken."

Der "English-Tea"-Nachmittag war ernüchternd

Grevesmühlen in Nordwestmecklenburg nahe der Ostseeküste. Hier stellen die Kollegen der "Ellcie Industries GmbH" Rasterelektronenmikroskope her. Mit ihrer Hilfe wird die Kristallstruktur von Autoteilen, Turbinenschaufeln, gar chinesischen Tonkriegern untersucht. Das Kernstück der Grevesmühlener Mikroskope kommt aus dem englischen Cambridge. Sind grenzüberschreitende Lieferungen oder Reparaturen nötig, gehe bislang alles recht schnell. Noch, so der geschäftsführende Ingenieur Martin Klein mit bangem Blick auf den Brexit. Beispiel:

"24 bis 36 Stunden haben wir gebraucht, um eine sehr komplexer Reparatur mit einem Bauteil aus Aachen nach Cambridge und wieder zurück durchzuführen. Das wird jetzt sicherlich anders sein, weil wir allein die Zolldokumente erstellen müssen, die elektronische Ausfuhrgenehmigung, die Begleitdokumente. Das ganze Vorführen beim Zoll – das sind alles Zeitfaktoren, die ganz erheblich zu Buche schlagen."

Ein unlängst von der Industrie- und Handelskammer zu Schwerin ausgerichteter "English Tea"-Nachmittag hat Martin Klein ernüchtert. Ein Vertreter der Deutsch-Britischen Handelskammer in London habe die Brexit-Stimmung im Königreich als eher hartleibig beschrieben. Gut möglich, dass die Briten die EU im März ohne ein Folgeabkommen für Zoll- und Handelsfreiheit verlassen werden. Dann gäbe es sofort wieder die Last mit Zollformalitäten, ja sogar Zollzahlungen, mit Visa und Arbeitserlaubnissen für entsendete Kollegen.

"Für mich persönlich hat sich ganz klar die Information ergeben: Es wird schlimmer, ja. Es wird etwas auf mich zukommen, was Geld und Zeit anbelangt, wenn ich weiterhin Geschäfte mit England machen möchte."

Dramatischer sieht es für die knapp 200 Kollegen der "Euro-Baltic Fischverarbeitungs GmbH" im vorpommerschen Sassnitz aus. In direkter Nachbarschaft zum Hafen Mukran auf der Insel Rügen gelegen, landet an diesem Standort eines großen deutsch-niederländischen Unternehmens vor allem frischgefangener Hering. Der kommt zunächst auf die Fließbänder der Sortierabteilung. Dort achten die mit Handschuhen, Schürze und Haarnetzen bekleideten Kollegen vor allem auf die Rückenstärke der Fische, erklärt der Abteilungsleiter.

"Größere Heringe haben einen breiteren Rücken als die kleineren Heringe. Und so sortieren wir das nachher nach Größe, weil: Verschiedene Heringsprodukte erfordern natürlich auch verschiedene Größen. Das machen wir in der Nordseezeit genauso wie in der Ostseezeit..."

Bis zu 50.000 Tonnen Hering filetieren und marinieren die Kollegen hier pro Jahr. Einer von zehn Heringen stammt aus der Ostsee, gefangen und geliefert von den wenigen noch aktiven Küstenfischern Mecklenburg-Vorpommerns. Mit 90% kommt der Großteil jedoch aus Gewässern vor der britischen Nordseeküste, und genau das erklärt Uwe Richters Sorge vor einem harten Brexit. Denn:

"Wir haben ja eine eigene Hochseefischerei-Flotte, die im pelagischen Sektor den Hering auch befischt und andere pelagische Arten in der britischen Zone. Wir haben jetzt mal grob kalkuliert: Wenn wir wirklich nicht mehr in die britische Zone hineinfahren könnten, würde sich ein möglicher Verlust von circa 100 Millionen Euro im Jahr abzeichnen."

Geburt in Deutschland, Leben in britischen Gewässern

Dazu kommt, dass der EU-Ministerrat im Oktober über eine Einschränkung, ja sogar ein Verbot der Heringsfischerei entscheiden wird, um die Bestände in Ost- und Nordsee zu schützen. Als Martin Klein vorige Woche Agrar- und Fischereiminister Backhaus zu Besuch hatte, erklärte er ihm, dass nicht nur das mit 50 Millionen Euro aus Brüssel geförderte hochmoderne Fischverarbeitungswerk unter Brexit plus Fangquote leiden würde:

"Denn durch den Brexit und mit allen möglichen Produktionseinschränkungen wäre natürlich auch die Küstenfischerei hier betroffen. Und darum geht es uns, dass die Politik erkennt, wie wichtig es uns ist, der Fischerei in den Brexit-Verhandlungen eine gewisse Wertigkeit zu geben, um nicht in den Verhandlungen nachher irgendwelchen Sachen geopfert zu werden."

Mecklenburg-Vorpommerns Landwirtschaftsminister Till Backhaus (dpa/picture alliance/Guido Kirchner)Mecklenburg-Vorpommerns Landwirtschaftsminister Till Backhaus (dpa/picture alliance/Guido Kirchner)

Das sei exakt seine Position, sagt Mecklenburg-Vorpommerns Landwirtschaftsminister Till Backhaus bei unserem Gespräch in seinem Schweriner Amtszimmer und holt aus. Der EU-Ministerrat lege jährlich aufs Neue fest, ob es für bestimmte Fischarten eine maximale Fangquote gibt und wenn ja, wie viele Tonnen die Fischer und Angler aller EU-Mitgliedsstaaten insgesamt aus Ost- und Nordsee holen dürfen. Jedes Mitgliedsland darf einen Teil dieser Fangquote abfischen, wobei die Hoheitsgewässer von Anrainer-EU-Staaten allen anderen EU-Mitgliedern offenstehen. Was den Nordsee-Hering angeht, so kommen vier Fünftel der EU-Fänge aus den britischen Hoheitsgewässern. Allein die fünf Trawler der Mecklenburgischen Hochseefischerei-Flotte dürften dort 53.000 Tonnen pro Jahr fangen, so Till Backhaus:

"Wenn uns Großbritannien wirklich den harten Schnitt macht und europäische Mitgliedsstaaten nicht mehr hineinlassen, dann würden diese 53.000 Tonnen und damit die 40.000 Tonnen, die direkt in Sassnitz/Mukran angelandet werden – die stünden uns nicht mehr zur Verfügung. Daran hängen sowohl die 250 Haupterwerbsfischer. Dann das Unternehmen der Fischverarbeitung. Das sind auch über 200 Arbeitsplätze. Und dann kommen noch die Schiffe, wo gut über 200 Seeleute auch gut bezahlte Jobs haben. Insofern wäre das für Mecklenburg-Vorpommern wirklich – ich will nicht sagen 'eine Katastrophe', aber ein ganz herber Schlag."

Mit den anderen deutschen Küstenländern drängt Mecklenburg-Vorpommern bei der Bundesregierung und in Brüssel darauf, dass die Fischerei bei den Brexit-Verhandlungen nicht nur als Verhandlungsmasse betrachtet wird. Über ein direktes Druckmittel mit Blick auf die Interessen der britischen Fischer verfügt das an der Ostsee gelegene Mecklenburg-Vorpommern freilich nicht. Ein britischer Trawler sei hier noch nie aufgetaucht, räumt Till Backhaus ein. Doch dann: ein Blitzen in seinen Augen.

"Die Heringe, die in britischen Gewässern gefangen werden, die haben ihre Heimat auch in Deutschland, denn dort sind sie geboren. Man könnte auch auf andere Ideen kommen und sagen: 'Dann fangen wir eben diese Fische vor der deutschen Nordseeküste ab, und sie kommen dann nicht mehr ins britische Gewässer'. Das wäre ja ein Herings-Krieg, sage ich mal, und das wollen wir ja nicht."

Mehr zum Thema

Wirtschaftliche Folgen von Großbritanniens EU-Ausstieg - Brexit-Angst im Saarland
(Deutschlandfunk Kultur, Länderreport, 09.08.2018)

Britische Museen und der Brexit - Umsonst und unbezahlbar
(Deutschlandfunk, Corso, 06.08.2018)

Matthew Herbert’s Brexit Big Band - Soundtrack zum EU-Austritt
(Deutschlandfunk Kultur, Tonart, 27.07.2018)

Länderreport

Wahlverlierer CSUDie Junge Union leidet besonders
Hans Reichart, der Landesvorsitzende der Jungen Union Bayern, sitzt bei der Landesversammlung der Jungen Union Bayern auf dem Podium. (picture alliance / Karl-Josef Hildenbrand / dpa)

Der Chef der bayerischen Jungen Union, Hans Reichhart, versuchte im Wahlkampf Themen wie Digitalisierung und Wohnen in den Vordergrund des CSU-Wahlkampfes zu stellen. Gezogen hat das nicht. Die Enttäuschung ist groß.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur